"Täter und Opfer finden sich"

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Der Füssener Landtagsabgeordnete Dr. Paul Wengert begrüßt die Podiumsgäste Weißfuß (v.r.), Leiterin des Frauenhauses Kaufbeuren, die Kemptener Kriminalhauptkommissarin Dagmar Bethke, Moderatorin Katharina Schrader von der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratische Frauen (ASF) und die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr.Foto: Friedrich

Füssen – „Frauen haben ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt“, war der Leitsatz einer Veranstaltung im „Haus der Gebirgsjäger“, zu der die ASF-Frauen Füssen-Roßhaupten-Schwangau mit ihrer Vorsitzenden Dagmar Rothemund eingeladen hatten.

Der lange Abend begann mit Kino. Daran schloss sich eine Diskussionsrunde an. In der Veranstaltung wurde auch die Resolution „Frauenhäuser besser fördern – sofort!“ zur Unterstützung der Petition von Dr. Simone Strohmayr (SPD) vorgestellt, die sich an die bayerische Staatsregierung im Vorfeld der Doppelhaushaltsplanungen 2017/18 richtet.

Wenn Frauen über die erlebte Gewalt im Privatbereich sprechen, dann tun sie das zuerst meist mit Personen aus ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld. Das ist, wie der Fernsehfilm „Die Ungehorsame“ zeigt, zwar eigentlich der richtige Schritt auf dem Weg zur Lösung des Problems, doch in diesem sehr drastisch geschilderten Fall dreht sich die Gewaltspirale weiter. Denn die nette Freundin der unter massiver Kontrolle stehenden Arztgattin erkennt die extrem bedrohliche Lage nicht und erzählt alles weiter.

So erfährt der Ehemann davon. Die Situation eskaliert. Am Ende jedoch steht der Freispruch, weil es kein Mord war. Das Gericht spricht die Frau frei. Urteilsbegründung: die Angeklagte hatte aus reiner Notwehr gehandelt, als sie in den Körper ihres sie würgenden Mannes sticht. Nach der Filmvorführung begann die geplante Podiumsdiskussion nicht sofort.

Eine Pause war notwendig, um nach den gesehenen drastischen Szenen ins Gespräch über ein Thema zu kommen, das nicht nur von Rothemund als „schwierig“ bezeichnet wurde. „Viele betroffene Frauen fühlen sich immer noch hilflos. Scham und Angst vor Gerede oder weiteren Übergriffen hemmen sie, ihre Rechte einzufordern und Hilfe zu suchen.“ Daher sei es wichtig, so die ASF-Vorsitzende, „nicht wegzuschauen. Das Thema muss von uns öffentlich gemacht werden.“ Dazu gehöre Mut.

Gerade auch Hausärzte sollten Patientinnen ansprechen, die Geschichten von „Stürzen“ erzählen, um ihre blauen Flecken am Körper zu erklären. Weil Kinder – wie auch der Spielfilm zeigt – oft das Gewaltgeschehen gegen die Mutter miterleben, dürfe auch an den Schulen nicht weg geschaut werden. Dass Fälle von häuslicher Gewalt in jeder sozialen Schicht auftreten, sei durch Studien bekannt. Durch Beziehungspartner erlebe jede vierte Frau in Deutschland – im häuslichen Bereich – Gewalt, heißt es in der 2004 veröffentlichten Studie des zuständigen Bundesministeriums, auf die vom Podium hingewiesen wurde.

Brigitte Riedlbauer, die als Vorsitzende des Gleichstellungsbeirats in Füssen, ein Grußwort sprach, wies auf den „Frauenhandel und seine Verbrechen an Körper und Seele“ hin. Als Moderatorin stellte Katharina Schrader, stellvertretende ASF-Vorsitzende von Schwaben, Fragen an die Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr, an Kriminalhauptkommissarin Dagmar Bethke und an Sabine Weißfuß, Leiterin des Frauenhauses Kaufbeuren.

Wie Weißfuß ausführte, stehen derzeit im „Frauenhaus“ des Trägers Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) fünf Zimmer zur Verfügung. Die aufgenommenen Frauen und ihre Kinder leben in einer Wohngemeinschaft zusammen. „Wir können unsere Arbeit nur leisten, weil uns viele ehrenamtliche Kräfte unterstützen.“ Es fehle ständig an Geld für Anschaffungen, „auch wenn der Förderverein oft einspringt“.

Vom Frauenhaus aus, so Weißfuß, „kann der Versuch beginnen, mit unserer Unterstützung ein neues Leben aufzubauen“. Ein ständiges Problem, so die Leiterin, sei zu klären, wer die Kosten einer schützenden Unterbringung übernehme. Beratend im Einsatz ist Kommissarin Dagmar Bethke. Sie skizzierte ihre Aufgaben als Beauftragte für Kriminalitätsopfer beim Polizeipräsidium Schwaben.

Der oft gehörten Kritik, dass „man sich mehr um die Täter als um die Opfer von Gewalt kümmere“, hielt Bethke entgegen, dass Anti-Aggressionstraining wichtig sei, aber noch zu selten angeboten werde. Es sei traurig, „aber Täter und Opfer finden sich. Mit neuer Partnerin beginnt die Gewalt von Neuem, wenn wir uns als Gesellschaft nicht um die Täter kümmern.“

In der über dreistündigen Veranstaltung der SPD wurde auch Zivilcourage eingefordert. Eine deutlich stärkere finanzielle Förderung von Frauenhäusern sei im Doppelhaushalt 2017/18 in Bayern „unbedingt notwendig.“ Dies unterstrich im Schlusswort Dr. Paul Wengert. Der Füssener Landtagsabgeordnete sagte: „Bisher gibt es dafür beschämend wenig Geld.“ Die Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr (SPD) wies außerdem auf die bundesweite Hilfetelefonnummer (0800/11 60 16) hin. 365 Tage im Jahr ist die Hilfetelefonnummer rund um die Uhr kostenfrei erreichbar. Sie biete Betroffenen oder ihren Angehörigen und Freunden die Möglichkeit, sich anonym, kompetent, sicher und barrierefrei beraten zu lassen.

Qualifizierte Beraterinnen stehen den Hilfe suchenden Personen vertraulich zur Seite und vermitteln sie bei Bedarf an Unterstützungsangebote vor Ort, etwa an eine Frauenberatungsstelle oder ein Frauenhaus in der Nähe. Das Hilfetelefon steht mehrsprachig zur Verfügung.

Chris Friedrich

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