Prozessauftakt um "schwarze Kassen"

"Kein schlechtes Gewissen gehabt"

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Über Schloss Neuschwanstein brauen sich derzeit dunkle Wolken zusammen. Seit Dienstag wird vor dem Amtsgericht in Kaufbeuren die Betrugsaffäre aufgearbeitet.

Kaufbeuren/Füssen – Die Illusion wirkt noch immer. Rund 6000 Menschen drängeln sich in den Sommermonaten Tag für Tag durch die Räume von Schloss Neuschwanstein. Von dem, was sich anscheinend jahrelang hinter den Kulissen des Märchenschlosses abspielte, bekommen sie dagegen nichts mit.

Dabei könnte das Chaos hinter den Burgmauern direkt der Gedankenwelt eines verwirrten Märchenkönigs entsprungen sein, wie seit Dienstag vor dem Amtsgericht Kaufbeuren deutlich wird. 

Dort müssen sich derzeit der ehemalige Schlossverwalter Rudolf R., 66, und sein ehemaliger Stellvertreter Markus R., 42, wegen des Vorwurfs des schweren Betrugs verantworten. Die Staatsanwaltschaft Kempten hatte gegen beide Strafbefehle erlassen, gegen den beide Widerspruch einlegten (der Kreisbote berichtete). Sie fordern einen Freispruch. 

Ein paar schwarz abkassierte Führungen, ein Schaden von noch nicht mal 5000 Euro, und zwei kurze Bewährungsstrafen für zwei Beamte der Bayerischen Schlösserverwaltung. Was zunächst einmal nach einer klassischen Bagatelle klingt, hat womöglich das Potenzial für einen Skandal noch größeren Ausmaßes, der das Amtsgericht Kaufbeuren möglicherweise noch weitaus länger beschäftigten wird als zunächst gedacht. Denn nach den ersten acht Prozessstunden steht fest: Auf Schloss Neuschwanstein herrschte jahrelang das reinste Chaos. 

So war am Dienstag im Kaufbeurer Amtsgericht nicht nur die Rede von jahrelang schwarz abkassierten Sonderführungen, bei denen die Führer jeweils 20 bis 25 Euro in bar in die eigene Tasche steckten. Vielmehr wurde auch deutlich, dass sich unter den Mitarbeitern auf dem Schloss jahrelang offenbar eine gewisse Selbstbedienungsmentalität breitmachte. 

So berichtete beispielsweise der ehemalige Verwalter Hubert N., 52, von massiven Verstößen gegen die Arbeitszeitregelung, die tagelange private Nutzung von Dienstfahrzeugen über das Wochenende, verschwundenem Baumaterial, Privatführungen für Freunde und Familienangehörige. Als er habe „aufräumen“ sollen und vor allem die Barzahlungen bei Sonderführungen streichen wollte, ging die Belegschaft anscheinend auf die Barrikaden: Nach heftigen Mobbingvorwürfen und internen Querelen ließ sich N. im August 2012 zunächst krank schreiben, im Sommer 2013 schließlich versetzen. 

"Dubioser Geldfunde" 

Andere Zeugen berichteten von „dubiosen Geldfunden“ im Schloss, wie Bargeld achtlos in Kuverts hin- und her gereicht wurde, nicht kontrollierten Abrechnungen, Auszahlungen ohne Quittungen und einem Geldtresor, der nicht genutzt werden kann, weil niemand im Schloss die Zahlenkombination kennt. Darüber hinaus ist es offenbar auch für Unbefugte ein leichtes, in das Schloss zu gelangen. Überwachungsanlagen oder ähnliches gebe es nicht, Schlüssel seien für jeden der Mitarbeiter relativ leicht greifbar. „Manipulationen waren jederzeit möglich“, so der Anwalt von Markus R. 

Nun stellt sich aber vor allem die Frage: Was von alledem wusste die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung in München und mit ihr das übergeordnete Bayerische Finanzministerium? Glaubt man Ricarda Lang, prominente Verteidigerin des ehemaligen Schlossverwalters Rudolf R, waren die Spitzenbeamten in München im Bilde über die Praktiken auf Neuschwanstein. 

Dass bei Sonderführungen die Hand aufgehalten wurde, wolle ihr Mandant gar nicht abstreiten, erklärte sie. Er habe aber lediglich ein seit vielen Jahren etabliertes System übernommen und sich nicht selbst bereichert, betonte Lang. „Er ist davon ausgegangen, dass die Hauptverwaltung das billigte. Das war allen bekannt“, sagte sie. Sie fordert daher entweder die Einstellung des Verfahrens oder einen Freispruch für Rudolf R., mittlerweile in Pension. 

"Gängige Praxis" 

Gestützt wird die Version von Lang und R. durch Josef Öttl, Bezirkspersonalrat bei der Bayerischen Schlösserverwaltung. Er sagte aus, dass die Schlösserverwaltung auch woanders angestelltes und verbeamtetes Personal zusätzlich als freie Mitarbeiter für Sonderführungen und Sonderveranstaltungen beschäftige und damit möglicherweise gegen das Verbot von Scheinselbstständigkeit verstoßen habe. Als Beispiel nannte er den Starnberger See. „Das war gängige Praxis“, sagte Öttl. „Aber alle haben gutgläubig gehandelt.“ 

Ähnlich klang die Aussage des ehemaligen Bezirkspersonalratsmitglieds Josef Binder. Er sei sich sicher, dass die Hauptverwaltung in München „alles gewusst“ habe, sagte er aus. Das Hauptproblem sei, dass viel zu wenig Personal vorhanden sei. Auch die Belegschaft von Neuschwanstein habe über massive Überlastung geklagt. Hätte es die Barzahlungen und Beamte als freie Mitarbeiter nicht gegeben, „wären viele Sachen nicht zu stemmen gewesen“, ergänzte Öttl. „Das Grundübel ist, dass wir zu wenig Personal haben. Die Leute haben deshalb kein schlechtes Gewissen gehabt.“ 

Jochen Holdmann, Abteilungsleiter in der Hauptverwaltung und zuständig für Schloss Neuschwanstein, wies die Vorwürfe, die Hauptverwaltung wisse seit Jahren von den Schwarzzahlungen auf dem Schloss, zurück. Erst im Juli 2012 sei er nach Hinweisen bei einer erstmalig vorgenommenen Geschäftsprüfung auf Unregelmäßigkeiten gestoßen. 

Die Schlösserverwaltung betonte in einer schriftlichen Stellungnahme vom Mittwoch, dass es sich bei Neuschwanstein um einen Einzelfall gehandelt habe. „Die in Neuschwanstein vorgefundene Praxis ist ein Einzelfall in einer Außenverwaltung, der abgestellt wurde“, schreibt die Pressestelle. 

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 15. Juli, ab 9 Uhr vor dem Amtsgericht in Kaufbeuren fortgesetzt. Dann soll unter anderem die Buchhalterin von Neuschwanstein aussagen.

Matthias Matz


Bloß ein Bauernopfer?

Wer am Dienstag im Amtsgericht Kaufbeuren aufmerksam zuhörte, traute seinen Ohren nicht. Was dort ehemalige Führungskräfte, Mitarbeiter und Personalräte der Schlösserverwaltung und der Touristinformation Schwangau über die Geschehnisse auf Schloss Neuschwanstein aussagten, war teilweise ganz starker Tobak. Auf dem Märschenschloss wähnten sich einige offenbar in einem rechtsfreien Raum, gepaart mit einer ordentlichen Portion Selbstbedienungsmentalität. 

Erleichtert wurde dies offensichtlich durch das Fehlen von Kontrolle durch die Schlösserverwaltung. So konnte sich anscheinend über Jahrzehnte ein System der Schlamperei und Begünstigung etablieren, dass nur schwer wieder aufzubrechen war, wie die Aussage des ehemaligen Verwalters Hubert N. belegte. Glaubt man seinen Ausführungen, wollte (oder sollte?) er nach dem Abgang von Rudolf R. auf Neuschwanstein für Ordnung sorgen. Der Ausgang ist bekannt: Nach zwei Jahren gab er nach heftigen Mobbing-Vorwürfen von Seiten der Belegschaft entnervt auf. 

Fürchtete da jemand um seine Pfründe? 

Fragen muss sich aber auch die Schlösserverwaltung gefallen lassen. Am ersten Prozesstag konnte durchaus der Eindruck entstehen, dass das System Neuschwanstein in München zumindest stillschweigend geduldet wurde. So hatten alle etwas davon: Die Schloss-Belegschaft hatte erkleckliche Nebeneinkünfte, die Hauptverwaltung sah ihre Personalprobleme gelöst und profitierte darüber hinaus von den Sonderführungen. Denn deren Erträge wurden ja bis auf den Anteil für den Führer ganz normal auf der Einnahmenseite verbucht. 

Hier für Klarheit zu sorgen, wäre nun Aufgabe des Gerichts. Aber vor allem die Staatsanwaltschaft erweckte bisher nicht den Eindruck, als ob sie das alles etwas anginge. So war echter Aufklärungswille nur bei Anwältin Ricarda Lang zu beobachten. Was vorerst bleibt, ist der Eindruck, dass Rudolf R. und Markus R. lediglich die Bauernopfer sind.

Matthias Matz


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