Der Finanzausschuss lehnt die Fortführung des Vorschulprogramms ab

Hippy ist Stadträten zu teuer

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Eltern tauschen sich bei einem Hippy-Gruppentreffen aus.

Füssen – Das Hippy-Projekt für Vorschulkinder in Füssen ist ab Ende August wohl Geschichte. Der Finanzausschuss hat am Dienstag mit knapper Mehrheit eine Verlängerung des Förderprojekts abgelehnt.

Der Grund: Die leere Stadtkasse. Diese werde in den kommenden Jahren durch nötige Investitionen stark belastet, deshalb müsse die Stadt an jeder Ecke sparen, meinte nicht nur Jörg Umkehrer (Grüne). Da half auch ein Appell von Bürgermeister Paul Iacob (SPD) nichts. Dieser setzte sich vehement für eine Fortführung ein.

Ein Umdenken hat bei den Füssener Stadträten eingesetzt: Während sie in den vergangenen Jahren einstimmig oder mit großer Mehrheit die Fortführung des Vorschulprogramms abgesegnet hatten, sprachen sie sich jetzt mit knapper Mehrheit dagegen aus. Ausschlaggebend dafür waren die Kosten. Diese belaufen sich für zwei Jahre auf insgesamt 60.000 Euro. 70 Prozent davon trägt die Stadt – ein stattlicher Betrag von 42.000 Euro und zu viel nach Ansicht einiger Stadträte.

 „Wir wissen alle, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt“, erinnerte Andreas Ullrich (FWF). Neben der Sanierung der Kita in Hopfen müsse die Stadt auch einen ganz neuen Kindergarten bauen. „Wollen tun wir das alle (eine Verlängerung von Hippy – Anmerk. d. Red.). Aber wir tun uns schwer“, so Ullrich.

Deshalb kündigte Umkehrer an „schweren Herzens“ dagegen zu stimmen. Die Stadt müsse an allen Ecken sparen, wo es möglich ist. „Es geht um unsere Kinder. Es geht um die Infrastruktur“ wie beispielsweise das Eisstadion oder die Bibliothek. „Ich sehe die Situation der Stadt so dramatisch, dass ich das alles in Gefahr sehe“, sagte Umkehrer.

Dieser Einschätzung teilte Kristina Reicherzer (FWF). Die betroffenen Kinder könnten im Kindergarten extra gefördert werden. Deshalb hielt auch sie es für fraglich, ob die Stadt mit Blick auf die anstehenden Investitionen solch eine Zusatzleistung finanzieren könne.

 Dass sich diese Investition lohnt, das versuchte Claudia Hohlweg, Sozialpädagogin und AWO-Projektkoordinatorin, in ihrer Präsentation deutlich zu machen. Ziel sei es, vier- bis sechsjährige Kinder vor allem mit Sprachproblemen auf die Schule vorzubereiten. Neben der Förderung der sprachlichen Fähigkeiten soll die Grob- und Feinmotorik, das logische Denken, Grundbegriffe der Mathematik und die Sinneswahrnehmungen geschult werden. Das besondere daran: Die Eltern werden mit ins Boot geholt.

Das gelinge bei anderen Projekten fast nie, erklärte Brigitte Protschka, Vorsitzende der AWO Füssen-Schwangau auf Nachfrage.

 Durch Hausbesuche und Gruppentreffen werden Eltern angeleitet selbst mit ihren Kindern zu arbeiten. So werde auch das Selbstbewusstsein und die Erziehungskompetenz der Eltern gestärkt, sagte Hohlweg.

Negativspirale stoppen

Derzeit engagieren sich 15 Familien aus Füssen, vorwiegend mit türkischen und russischen Migrationshintergrund, an dem Projekt. Seit der Einführung 2010 haben „65 Kinder mit 13 unterschiedlichen Muttersprache daran teilgenommen“, so Hohlweg. Den Erfolg bestätigte Gamze Yilderim, Mutter eines betroffenen Kindes. Sie habe über eine Freundin von dem Projekt erfahren. Nach einen Hippy-Jahr wiederhole ihr Sohn selbstständig Einheiten. „Er möchte es mir dann erklären. Das zeigt mir, er hat was gelernt. Das ist viel wert“, sagte Yilderim.

Auch Bürgermeister Paul Iacob (SPD) setzte sich vehement für eine Fortführung ein. „Ich bin überzeugt, dass wir uns an einem Modell beteiligen sollten, das in der Vergangenheit positiv war.“ In Anbetracht der gesellschaftlichen Veränderungen durch Asylbewerber, die langfristig bleiben, „ist dieses Projekt äußerst wichtig, um die Erziehungsspirale ins Negative zu bremsen. Wir haben die Kette zu schließen.“ Fast jede Kommune in Deutschland habe Geldsorgen. „Aber ich habe die Bitte, denken Sie an die gesellschaftliche Weiterentwicklung in dieser Stadt“, so der Rathauschef.

Knappe Entscheidung

Doch aller Appell half nichts: Am Ende lehnte der Ausschuss knapp mit 7:5 Stimmen die Fortführung ab.

Eine Entscheidung, die Brigitte Protschka nicht nachvollziehen kann. „Das hat uns total überrascht. Wir sind ziemlich fassungslos.“ Vor allem da die AWO im Vorfeld nur positive Signale für die Weiterführung bekommen habe. „Es ist wirklich schade, ein absolut erfolgreiches Projekt fallen zu lassen“, meinte sie. Zumal man nur positives Feedback von Lehrern, Kindergärtnern und Ärzten bekomme und die Nachfrage bei den Eltern groß sei. Deshalb übernehme die AWO als Träger auch einen ungewöhnlich hohen Kostenanteil von 30 Prozent, sagte Protschka. „Der Bezirksverband AWO Schwaben sieht den Erfolg.“

Auch Ursula Lax (CSU) Kritik, dass durch Weiterempfehlungen der Familien die Hilfe nicht unbedingt da genutzt werde, wo sie notwendig sei, kann die AWO-Ortsvorsitzende nicht verstehen. „Das ist nur positiv zu sehen. Sonst kommen wir an die Leute gar nicht heran.“ Nur aus Kostengründen die Fortführung abzulehnen hält Protschka für zu kurzsichtig. „Man weiß, dass Kinder nie mehr so lernbereit sind wie in dem jungen Alter.“ Hippy koste deshalb wenig im Vergleich zu späteren Hilfsmaßnahmen, die jedoch nicht so erfolgsversprechend seien. „Wir prüfen noch einmal, ob es Möglichkeiten gibt das Projekt weiterzuführen“, so Protschka.

Katharina Knoll

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