Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Die Deckplatte der Tumba für das Grab des Ritters Conrad von  Schwangau (kniend rechts) und seiner Frau Margarete von Ellenhofen (kniend links). Bemerkenswert ist das Wappentier der Herren von Schwangau, der schreitende Schwan mit fauchendem Schnabel (unten).

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. In dieser Ausgabe berichtet er über seltsame Gräber im Füssener Land.

Das mächtigste Geschlecht das in weit zurückliegender Zeit unsere Gegend beherrschte, war das der Herren von Schwangau. Obwohl die Familie vor nun fast 500 Jahren ausstarb, ist das Wissen um sie ungewöhnlich üppig.

Vertraut man den Studien, die Karl Heiserer aus Wien in den Veröffentlichungen des Historischen Vereins Alt Füssen publizierte, so stammten die Herren aus dem Inntal. Noch lange nach ihrem Aussterben erschienen sie im Tiroler Adelsregister als eine der vornehmsten Familien des Landes. Sie waren ein wildes, streitbares und rauflustiges Geschlecht und in ihrer Blütezeit fruchtbar und mit vielen herrischen Söhnen und schönen Töchtern gesegnet.

Da sie nie in Frieden miteinander leben konnten, kam es im Zeitraum von weniger als hundert Jahren zum Bau von vier Burgen in Hohenschwangau, zum Bau eines bewohnbaren Turmes westlich der heutigen Marienbrücke und zu einem weiteren Turm oberhalb des Schluxens an der Grenze zum Außerfern.

Obwohl sie in der Zeit um 1290 auf Grund ihrer Verdienste und ihrer Verbindungen zu König Rudolf von Habsburg in die Reichsritterschaft aufgestiegen waren, brachten sie es nie zu großem Reichtum. Solange sie lebten standen sie im Dienst der wirklich Großen im Reich und hingen mehr oder weniger am Geldsack der bayerischen Herzöge oder an dem der Bischöfe von Augsburg.

Im Spiel der politischen Kräfte blieben sie weitgehend Marionetten und als solche durften sie mitunter auch einen Kaufmannszug ausheben und für diesen fragwürdigen Dienst die entsprechenden Konsequenzen tragen.

Ungewöhnliche Bestattung

Ihre letzte Ruhestätte fanden sie im Kreuzgang und in der Nikolauskapelle von S t. Mang, in Waltenhofen, Steingaden und Stams, in Kaufbeuren und Bayerniederhofen, vermutlich auch in Augsburg. In der Füssener Annakapelle hat sich bis heute der Deckel eines gemauerten Sarges, einer „Tumba“, für den 1437 verstorbenen Ritter Conrad von Schwangau und seiner Frau Margareta von Ellenhofen erhalten.

Das Paar, Conrad im Panzer, kniet mit gefalteten Händen vor dem Schmerzensmann, unter diesem liegt ein Stechhelm, dessen Zier das Wappen der Herren von Schwangau, den schreitenden Schwan zeigt. Die wichtigste Begräbnisstätte der Familie, die seltsamste weit und breit, errichteten die Herren von Schwangau in Waltenhofen.

Zu nicht mehr bekannter Zeit entstand im Friedhof ein unterirdischer, an die Kirche St. Maria und Florian angebauter, überwölbter Raum. Dieser wurde im 1517 durch die Erweiterung des Chores so überbaut, dass der Zugang seither vom Altarraum aus erfolgt.

Der Zugang beschränkt sich auf eine nur 60 x 50 Zentimeter großen Öffnung im Scheitel des Gewölbes.Im Verlauf der archäologischen Grabungen im Sommer 1989 war es dem Verfasser dieser Zeilen möglich gewesen, die Gruft der Herren von Schwangau zu vermessen.

Der Raum ist rund 4,50 Meter lang und 3,70 Meter breit. Die Decke bildet ein flaches Tonnengewölbe in das zwei Kappen, das sind Quergewölbe von geringer Spannweite, einschneiden. Dieses Detail lässt den Schluss zu, dass die Erbauer sich hier die Möglichkeit offenhielten, bei Bedarf die Gruft nach links und rechts zu erweitern. Der ungewöhnlich kleine Raum und der ungewöhnlich kleine Zugang zwangen zu einer ungewöhnlichen Form der Bestattung.

Dazu fand sich im Pfarrarchiv von Waltenhofen eine 1520 verfasste Notiz: „Die in Sesseln oder Stielen darin gesessenen Leiber seint ungefer vor 30 Jahr zusam gefallen und die Gepein in das Todtenhäusl gethan worden“. Daraus ergibt sich eindeutig, dass die Herren von Schwangau nach ihrem Tod standesgemäß gekleidet und durch die schon beschriebene Öffnung in die Gruft hinab gelassen wurden.

 Geschlecht stirbt aus

Dort setzte man die Leichen auf Stühle oder Sessel, die entlang der Längswände aufgereiht standen und gurtete sie an der Lehne fest. Auf diese Weise fanden vermutlich 14 oder 15 Tote Platz. Die Vorstellung, dass diejenigen, die sich, als sie noch am Leben waren, oft genug verprügelt und sich kleinlicher Erbangelegenheiten wegen bis aufs Messer bekämpft hatten, nun einander stumm gegenüber saßen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Doch am Ende war eine Erweiterung der Gruft nicht mehr notwendig. Die einst an Söhnen und Töchtern so reiche Familie erlosch bald innerhalb weniger Jahre. Die Brüder Georg und Heinrich von Schwangau waren die letzten ihres Geschlechts.

Georg starb am 12. Januar 1536 in seinem Haus in Kaufbeuren, Heinrich am 8. Dezember des gleichen Jahres vermutlich in Augsburg. Bestattet wurden beide an ihrem Sterbeort, in Kaufbeuren hat sich der prachtvolle geschnitzte Totenschild Georgs von Schwangau bis heute erhalten.

Die Gruft der Ritterfamilie aber wurde als Grabstätte auch weiterhin benutzt, jetzt um die verstorbenen Pfleger der Herrschaft Hohenschwangau beizusetzen. Für das Jahr 1790 berichtete der Schongauer Landrichter Boxler, dass man hier ein in einem Lehnstuhl sitzendes Skelett gefunden habe, an dessen Rippen noch die Fetzen eines roten Gewandes hingen.

Wenige Jahre später, am 23. Juli 1793, wurde der Baron Freiherr Franz von Füll beigesetzt. Ein Analphabet, von dem man wusste, dass er außer seinem Namenszug kein anderes Wort zu Papier bringen konnte.

Frühes Ritual 

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass diese Bestattung ohne Sarg in der Waltenhofener Familiengruft auf frühe europäische Begräbnisrituale zurück geht.

In den etruskischen Nekropolen von Cerveteri bei Rom oder von Norchia im Hinterland von Tarquinia mit ihren unzähligen Grabbauten wurden die Verstorbenen in der Regel festlich gekleidet auf steinerne Betten gelegt oder, wie in dem berühmten Grab der „Sessel und Schilde“, in die steinernen Sessel gelehnt.

 Diesen Brauch haben die Römern übernommen und bis in die Spätantike fortgeführt. Nicht anders verfuhren die frühen Christen mit ihren Toten in den Katakomben. Noch Theoderich der Große, gotischer Heerführer und römischer König, ließ sich in seinem Grabmal in Ravenna in ähnlicher Weise, in einer Wanne aus rotem Porphyr beisetzen.

Karl der Große ließ seinen Leichnam in der Aachener Kaisergruft auf einem steinernen Thron setzen. Und der österreichische Emporkömmling und Heereslieferant Joseph Pargfrieder ließ sich noch 1863 in der „Heldenberg“ bei Stockerau sitzend und in eine Ritterrüstung gekleidet zur letzten Ruhe betten.

Es bleibt noch, auf die Präsentation mumifizierter Leichen in den Katakomben Palermos bis in jüngste Zeit hinzuweisen. Das ungewöhnlichste Grab unserer Gegend sollte aber auf dem Falkenstein bei Pfronten entstehen.

Denn das, was König Ludwig II. dort geplant hatte, mag zwar als Raubritterburg deklariert worden sein, in Wahrheit spricht aber alles dafür, dass hier ein Mausoleum entstehen sollte.

Der König war nach der Gründung des deutschen Reiches in politische Resignation versunken. Er hatte nach dem Tod Richard Wagners auch mit seinem eigenen Leben abgeschlossen. Und so wie Wagner sich in Bayreuth noch zu Lebzeiten eine Grabstätte eingerichtet hatte, die er täglich aufsuchte, begann auch der König zielstrebig die letzten Dinge zu regeln.

Was der König und sein Tonschöpfer schon viele Jahre zuvor bezüglich ihres Todes vorgesehen hatten, erschließt sich noch heute aus ihrem Briefwechsel.

Goldfunkelnde Halle

Das Herzstück von Falkenstein war eine 22 Meter lange, 14 Meter breite und ebenso hohe, mit einer Kuppel überwölbte, goldfunkelnde Halle. Sie war konzipiert wie eine frühchristlich Kirche mit drei kleeblattförmig angeordneten Apsiden. D

as aus einem Marmorblock gehauene Bett, das von einem steinernen Baldachin beschützt werden sollte, sollte wie ein Altar das Zentrum der Hauptapsis bilden. Doch welcher Lebende hätte hier seine Nachtruhe verbringen wollen? Der seltsamste unter all den Räumen, die der König je ersonnen hatte, war allein für den letzten großen Schlaf bestimmt.

Falkenstein hätte an Kühnheit und Schönheit alles übertroffen, was je in den Alpen geschaffen worden war. Es würde sich in die Reihe der bedeutendsten Königsgräber Europas eingefügt haben, seine Vollendung hätte der Grabarchitektur eines ganzen Erdteils ein atemberaubendes Finale bereitet.

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