England hat den Superfan

Der Ostwind pfeift eiskalt über ein zugeschneites Feld am Rande von Eisenberg. Am Straßenrand ein schlichter Stadel neben einem Hochspannungsmast. Für David Bull ist dieser Stadel beinahe heilig – denn dort stand Steve McQueen 1962 bei den Dreharbeiten zu einer Szene von „Gesprengte Ketten“, im Orginal: „The Great Escape“. Dass der Hollywoodstreifen um eine Gruppe britischer Soldaten, die aus einem Kriegsgefangenenlager der Nazis ausbrechen, teilweise in der Umgebung von Füssen gedreht wurde, ist hierzulande bekannt. Bull jedoch kennt beinahe jeden Winkel, jede Straße, jeden Stadel, der in dem Film zu sehen ist und hat sich in den vergangenen sechs Jahren immer wieder auf Spurensuche im Ostallgäu gemacht. Dafür nimmt er eine weite Anreise in Kauf, denn der 63-Jährige kommt aus dem nordenglischen Halifax.

Durch ein Astloch an der Ecke des Stadels und ein Nagel darunter in dem braunen Holz hat Bull den Stadel identifiziert. Er geht hinter der Ecke des Schuppens in Deckung und formt die Hände zu einer Pistole. Er steht genau dort, wo Steve McQueen auf der Flucht mit der Pistole auf seine Verfolger gezielt hat. Dort sein, wo „Mr. Cool“ einst stand, das macht die Faszination für ihn aus. Immer wieder weist er darauf hin: „es ist einer der berühmtesten Filme, die je gedreht wurden. Da kannst du auch nach Thailand gehen oder Kambodscha und alle kennen ihn“. Nur in dem Land, in dem er gedreht wurde fehlt ihm offenbar der Kult-Status. Mehr als sechs Jahre ist es her, dass er erfuhr, dass der Film in Süddeutschland entstand. Die ersten beiden Stunden des überlangen Streifens spielen im Gefangenenlager, für das die Bavaria Film Studios ein Gelände bei München bereit gestellt hatten. Nach gelungenem Ausbruch fliehen die Soldaten dann 45 Minuten lang quer durch das Ostallgäu. Weltberühmte Szene Mit gefälschten Papieren steigt Richard Attenborrough in den Zug. Auf dem Schild am Bahnhof steht „Neustadt“, in Wahrheit handelt es sich um Kaufbeuren, sagt Bull. Für die Schießerei beim Aussteigen, hielt der Füssener Bahnhof her. Eine der berühmtesten Filmszenen überhaupt, erklärt Bull, sei in der englischsprachigen Welt bekannt als „The Coburn Bridge“. Der entflohene Soldat Sedgwick, gespielt von James Coburn, ist nach Frankreich geflüchtet. Dort wird er Zeuge eines Attentats der Resistance auf eine Gruppe deutscher Soldaten in einem Café. Das Café haben die Filmleute aber nicht in Frankreich errichtet, sondern an der Füssener Lechhalde. Bei seiner akribischen Suche haben Bull viele Menschen geholfen. Ostallgäuer helfen mit Hans Berktold aus dem Eisenberger Ortsteil Speiden ist Lehrer. Er steht seit Jahren in Kontakt mit Bull und hat ihm schon viele Hinweise gegeben. Für ihn ist es ein Spaß „und eine gute Gelegenheit, mein Schulenglisch wieder aufzufrischen“. Zusammen haben sie das original Boot ausfindig gemacht, auf dem Charles Bronson seinen Häschern auf dem Lech davon rudert. Es befindet sich in Lechbruck, unter Kies vergraben, gerne würde Bull es bergen. „Es ist natürlich verrottet“, weiß er. Aber darauf kommt es nicht an. Es ist schließlich „das“ Boot. Ein weiterer Verbündeter ist Frank Tosse, der bei den Bavaria Filmstudios für Vermietung und Bau zuständig ist. Er teilt Bulls Leidenschaft für alte Motorräder und hat ihm bei der Suche nach Schauplätzen geholfen – nicht nur bei denen in München. Tosse ist in Pfronten aufgewachsen und kennt viele Drehorte aus seiner Kindheit. Ein bisschen kindliches Fantasie-Spiel ist auch mit dabei, wenn Bull auf Schatzsuche geht. Einmal möchte der Fan alter Autos und Zweiräder mit einer Triumph-Maschine aus den 30ern wie McQueen über das Feld rauschen, auf dem der Schauspieler einen spektakulären Sprung hinlegte und das Ganze filmen. Das Feld befindet sich in Pfronten-Weißbach, Bull hat mit Hilfe von Berktold herausgefunden, wer es pachtet – auch die „Dreherlaubnis“ hat er schon eingeholt. Neulich, erzählt Berktold, hat er bei einem Gottesdienst in Pfronten die Kirchenorgel gespielt. „Da hat mich die Bäuerin angesprochen und gefragt, wann ihr denn endlich kommt und das mit dem Motorrad macht.“ Zum letzten Mal war Bull nicht in Füssen, denn noch plagen ihn ungelöste Schauplatz-Rätsel und die lassen ihm keine Ruhe. Wo nur steht diese verflixte Kirche in der Szene mit dem Flugzeugabsturz? Es ist wohl bald wieder Zeit für eine Reise von Nordengland ins Ostallgäu.

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