Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Unterhalb der Kirche „Zu Unserer lieben Frau am Berg“ (ganz rechts) verläuft der Mühlbach. Wegen des wachsenden Platzbedarfs wurde er teilweise überbaut und begradigt.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über den historischen Mühlkanal, der unlängst Sanierungsarbeiten zum Opfer fiel.

Im Gegensatz zu den Mühlen des Klosters St. Mang, die am Faulenbach lagen, hatte man die städtischen Mühlen unterhalb der Klostermauer errichtet. Mehrere ausgediente Mühlsteine am Faulenbacher Gässchen erinnern heute noch an sie. Die Quellen des Klosters fließen reichlich, was die „Hintere Mühle“ anbelangte, die unmittelbar unter dem Dormitorium (d. i. der Bereich des heutigen Colloquiums) von St. Mang lag. Das ehrwürdige Bauwerk mit seinem eindrucksvollen Keller hat sich bis heute erhalten. Die geringe Entfernung zwischen Mühle und Schlafhaus war der Grund für die wiederholten Missstimmungen zwischen dem Kloster und der „benachbarten Gemeinde“.

Obwohl die Nachtruhe eingehalten wurde, empfanden die Konventualen die von den Mahlwerken ausgehenden Erschütterungen, das Rauschen des in hölzernen Rinnen heran schießenden Wassers, das Klappern der vier Mühlräder und der vor den Fenstern der Klostergebäude qualmende Kamin als eine nicht von Gott gewollte Beeinträchtigung ihrer kontemplativen Lebensweise.

Auch weckte jede nach einem Hochwasser notwendig gewordene Reparatur die Sorge, die Stadt könne das Dach in unrechtmäßiger Weise erhöhen. Die Mühlen der Stadt lagen, wie oben erwähnt, Jahrhunderte lang unmittelbar vor der Klostermauer zwischen dem „Bädle“ und der Lechbrücke. Der Lech verlässt ja nur wenig flußaufwärts in der engen Schlucht des Lusaltens das Gebirge und strömte, gelenkt durch das Prallufer des Baumgartens hinüber zu dem Felsen, auf dem sich die „Schiffwirtschaft“ erhebt. Damit lagen Mühlen zwar nicht unmittelbar am Hauptstrom des Lechs, die notwendige Wasserkraft konnte aber unschwer durch geeignete Wasserbauten kontrolliert auf die Mühlräder gelenkt werden.

Dies galt allerdings nur bei normaler Wasserfracht. Dem immer wiederkehrenden Hochwasser des Lechs fielen in schicksalhafter Regelmäßigkeit nicht nur die hölzernen Gerinne zum Opfer. Die über die Wellbäume mit dem Mahlwerk verbundenen Mühlräder hebelten oft genug die aus Holz gezimmerten Konstruktionen aus ihren Verankerungen und brachten dadurch die Gebäude ins Wanken.

Mühlen werden verlegt

 Nach den langen, leidvollen Erfahrungen kam man am Ende des 18. Jahrhunderts zu dem Entschluss, die Mühlen vom bisherigen Standort auf das gegenüber liegende „Lechgries“ zu verlegen. Der gesamte Bereich unterhalb der nach Tirol führenden Straße war ein klassisches Gleitufer, gebildet aus Kies- und Sandbänken die nur bei einem extremen Hochwasser überflutet wurden. Das Gelände, das im 17. Jahrhundert noch bezeichnender Weise die Flurbezeichnung „Im Sand“ getragen hatte, war ein ausgezeichneter Floß- und Stapelplatz und aus diesem Grund prägten riesige Holzlager das Bild, so wie es eindrucksvoll schon das „Stifterbild“ vom Jahre 1572 im Hohen Schloss belegt.

Die kleinen Tiroler Flosse, die bei ausreichender Wasserfracht den Katarakt vor dem Lusalten und die enge, teilweise nur acht Meter breite Schlucht befahren konnten, landeten hier. Es muss unterstellt werden, dass die für das Abbinden der Füssener Floße notwendigen, langen Stämme auf dem Lech gedriftet wurden und unterhalb des Lusaltens an Land gezogen werden konnten.

Noch heute erinnert der „Füsser Wald“ unter der Saldeiner Spitze bei Stanzach an alte Besitzverhältnisse oder Waldrechte der Stadt Füssen am oberen Lech. Dem neuen, weit vom Hauptstrom entfernt gelegenen, hier aber weitgehend sicheren Standort der Mühlen mangelte es an der für den Betrieb der Mühlen notwendigen Wasserkraft.

Diesen Mangel rechtzeitig vor der Verlegung der Mühlen zu beheben begann man im Jahre 1784, nach vielen Diskussion, Planungen und einem missglückten Versuch, einen rund 130 Meter langen, etwa drei Meter breiten und zwei Meter hohen Stollen unter dem Felsen des Magnustrittes hindurch zu sprengen. Man hatte für diese Aufgabe eigens Bergknappen aus Sonthofen geholt, die das kühne Werk im Jahre 1787 beendeten.

Lechbett wird verändert 

Um den Stollenmund ausreichend mit Wasser zu versorgen, war es auch notwendig, den quer vor dem Lusalten liegenden Katarakt mit einem Holzkastenwehr um mehrere Meter zu erhöhen. Diese Maßnahme veränderte das Lechbett bis zu der Felsenschwelle unter der Ulrichsbrücke in einschneidender Weise. Das Geschiebe füllte in kurzer Zeit das Lechbett auf und der bisher sehr schnell fließende Lech begann weite Mäander zu bilden.

Da der Hauptstrom in einem Kehrwasser unter der heutigen Felsenkurve vor der Ziegelwies verebbte galt es, durch umfangreiche Wasserbauten den „Stromstrich“ auf den Stollenmund zu lenken. Der Stollen unter dem Magnustritt ermöglichte es nun, dem Lech oberhalb der Schlucht bis zu 26 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zu entnehmen und es unterhalb in einen Altwasserarm einzuleiten. An diesem entstanden in der Folgezeit Mahl-, Gips- und Papiermühlen und eine Hammerschmiede. In Glanzzeiten nutzten wohl an die 15 bis 20 Betriebe die Energie des Lechs. Das Wasser des Mühlbaches aber wurde wenig oberhalb der Lechbrücke in den Hauptstrom eingeleitet.

 Akribischer Stadtplan 

Der älteste, im Jahre 1820 gedruckte und später immer wieder korrigierte, Stadtplan von Füssen gibt die geschilderte Situation akribisch genau wieder: Den leicht gewundenen Mühlbach und die daran liegenden Mühlgebäude mit unterschlächtigen Rädern. Verschiedentlich sind sogar die Einhausungen der Mühlräder zu erkennen. Der königliche Hoffotograf Joseph Albert hatte vermutlich nach dem großen Hochwasser des Jahres 1851 für das Album der königlichen Familie in Schloss Hohenschwangau eine Ansicht der Stadt von Westen her aufgenommen: Im Vordergrund zeigt sich das zu diesem Zeitpunkt noch unverbaute Lechgries nördlich der neuen Mühlen mit seinen vom Lech regelrecht zerrissenen Sand- und Kiesbänken, eine Szenerie, für die allenfalls noch der obere Lech verwandte Bilder bietet.

Mit dem Bau der großen und im übrigen hervorragend gestalteten Gebäude der Mechanischen Seilerwarenfabrik, der späteren Hanfwerke, war es im Hinblick auf eine möglichst intensive Nutzung des Geländes notwenig, das Gerinne des Mühlbaches möglichst nahe an den Steilhang unter der Kirche „Zu Unserer lieben Frau am Berg“ zu verlegen.

Mit dem wachsenden Platzbedarf wurde der Bach teilweise überbaut, begradigt und seine Ränder mit riesigen Quadern aus dem unmittelbar oberhalb der Tiroler Straße liegenden Steinbruch gesichert.

Mühlen verschwinden

 Mit dem Bau eines dritten Flügels parallel zu den beiden schon bestehen Bauten verschwanden schließlich die Mühlen – zurück blieb allein der Mühlbach.

Bis vor wenigen Jahrzehnten hatte sich die den Mühlbach begeleitende Mühlbachgasse und auch die dort gelegenen, zur Fabrik gehörenden Wohngebäude erhalten. Das im Jahre 1891 am Fuß des Magnustritt-Felsens errichtete Kraftwerk zur Erzeugung von elektrischem Strom verbrauchte einen Großteil des durch den Stollen fließenden Wassers und so fiel der Mühlbach zusehends trocken.

Schlammiges Gerinne

 Der als „Ertüchtigung“ dürftig getarnte Neubau des Kraftwerkes im Jahr 2006 vernichtete nicht nur das einmalige Denkmal des historischen Stollens vom 1787. Der Mühlbach mit seinen eindrucksvollen Steinquader-Mauern verkam zum schlammigen Gerinne voller umgestürzter Bäume. Nicht eine der zuständigen Behörden mit ihren sonst so strengen Vertretern hatte sich um Pflege und Erhalt gekümmert. Das letzte Kapitel einer 230-jährigen Geschichte ist jetzt zu Ende gegangen: Der Mühlbach wurde zugeschüttet und damit endgültig aus dem Bild und der Geschichte dieser Stadt getilgt.

Ein Satz noch zum Abschluss: Das von Lokalpolitikern regelmäßig angestimmte hohe Lied von der Schönheit unserer Stadt und ihrem Reichtum an denkwürdigen, wertvollen Bauten und Einrichtungen verkommt immer dann zum hohlen Geschwätz wenn es darum geht, zur rechten Zeit Haltung zu zeigen, sich mannhaft vor die Vergangenheit zu stellen, ihre einmaligen Zeugnisse wirksam als Teil unserer Geschichte und unserer Identität zu schützen und zu erhalten.

Magnus Peresson

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