Alpenverein stellt sich der Vergangenheit

Frederike Kaiser (Mitte) erläuterte vor der Ostallgäuer Landtagsabgeordneten Angelika Schorer (rechts) den Aufbau der Ausstellung. Foto: Sommer

Lechbruck – Es gibt kaum ein Verein, der unter den Nazis nicht für deren Zwecke, missbraucht worden wäre. Da macht auch der Alpenverein keine Ausnahme. Wie sehr er instrumentalisiert wurde, das ist aktuell in der Ausstellung „Berg heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 – 1945“ in Lechbruck zu sehen. 

Zum Auftakt begrüßte Wilfried Götz von der Sektion Lechbruck neben DAV-Vertretern aus München auch die CSU-Landtagsabgeordnete Angelika Schorer. Es ist das erste Mal, dass die Ausstellung, die sich mit dem „Sündenfall“ befasst, wie es die Ressortleiterin Kultur des DAV, Frederike Kaiser, beschrieb, im Allgäu zu sehen ist. Auch im benachbarten Oberbayern war sie bislang nur in Garmisch ausgestellt. Umso mehr freuten sich Götz als Vorstand einer der kleinsten DAV-Sektionen mit nicht ganz 500 Mitgliedern und Kaiser über den Zuspruch, waren doch rund 40 Interessierte zum Ausstellungsauftakt gekommen. 

Sie erfuhren von der Kulturbeauftragten des DAV in München, dass der Alpenverein schon bei seiner Gründung national, vor allem deutsch-national eingestellt war. Seinerzeit, 1869, wollte man ein Band darstellen für alle Deutschen in Deutschland und Österreich. Das damals, bedingt durch die Geschichte, ein Vielvölkerstaat war, der bis ans schwarze Meer reichte. Doch es blieb nicht nur beim Gedanken, 1924 kam es zum „Sündenfall“, erläuterte Frederike Kaiser. Da beschloss der Alpenverein mit fast 95 Prozent der Stimmen, die von jüdischen Bergsteigern in Wien gegründete Sektion Donauland aus dem DÖAV auszuschließen. 

2008 habe man sich im Gremium des DAV dazu entschlossen, dieses Kapitel der eigenen Geschichte aufzuarbeiten, rekapitulierte Kaiser die Entstehung der Ausstellung und eines damit verbundenen Buches. Historiker und Volkskundler sollten sich des Themas annehmen. Dabei, so erinnerte Kaiser, sei der Sündenfall der Höhepunkt einer mehrjährigen Entwicklung gewesen. Davor schon spielten „völkische“ Tendenzen eine immer größere Rolle in dem als Deutsch-Österreichischer Alpenverein firmierenden DÖAV. Man habe sich entsprechende Paragraphen gegeben, schloss alle nicht christlich-gesinnten Bergsteiger aus und erließ schlussendlich mit der Hüttenordnung einen Passus in der Satzung, der schon vorbereitete auf ein eher martialisches Auftreten. 

Es sind viele Mosaiksteinchen, die die Forscher zusammengetragen haben, die ein antisemitisches Bild des Alpenvereins zeichnen. Schließlich instrumentalisierten die Nationalsozialisten den Bergsport, ob nun die Durchsteigung der Eiger-Nordwand oder der Matterhornwand. Die Leistungen wurden anschließend immer auf die Nazis umgemünzt. 

DÖAV als Schmiede für die Gebirgsjäger 

Auch Idole wie Luis Trenker oder die Filmemacherin Lena Riefenstahl taten ein Übriges, um den Bergsport braun zu färben. Auf lange Sicht wurde der Alpenverein auch die „Schmiede“ für die Gebirgsjäger. Er wurde inkorporiert in die Leibesertüchtigung des Reiches.  Nicht zuletzt deshalb zerschlugen die Alliierten den DÖAV, es kam nie wieder zu einem gemeinsamen Dachverband in beiden Staaten. Was Interessierte auf den Ausstellungsplakaten selbst nachvollziehen und dabei vielleicht noch die eine oder andere unbekannte Seite des DAV und dessen Vergangenheit entdecken können. 

Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, 22. Juni, immer mittwochs und sonntags jeweils von 17.30 bis 19 Uhr und von 16 bis 18 Uhr zu sehen. gau

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