"Bombe platzt" vor Kaufbeurer Amtsgericht

Freiheits- gegen Geldstrafe?

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Der Motorradfahrer riss beim Aufprall ein großes Loch in den Wohnwagen und war vermutlich sofort tot. Die angeklagte Fahrerin des Campers wurde vergangene Woche aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Rieden am Forggensee – Es sollte für zwei Verlobte ein schöner Urlaub an einem Campingplatz am Forggensee werden, doch der 12. Juni 2015 wurde zum Horrortag. Als das Wohnmobil eines heute 44-Jährigen am frühen Abend aus Richtung Rosshaupten kommend nach links in den Campingplatz einbiegen wollte, gab es einen lauten Krach im hinteren Teil des Campers. Ein entgegenkommender 26-jähriger Motorradfahrer aus dem südlichen Ostallgäu war mit seiner YZF-R1 in die rechte Seite des Fahrzeugs geknallt, wurde in das Wohnmobil geschleudert und war vermutlich sofort tot.

Im Polizeibericht hieß es am 12. Juni 2015, dass eine damals 31-Jährige Fahrerin des Wohnmobils gewesen sei. Vergangenen Donnerstag stand die mittlerweile 33-Jährige Angeklagte aus Landshut wegen fahrlässiger Tötung vor dem Kaufbeurer Amtsgericht – und ließ über ihren Verteidiger die Bombe platzen: sie sei damals gar nicht gefahren, sondern ihr Verlobter. Auch wenn für den Richter nach der Verhandlung nicht alle Zweifel ausgeräumt waren, lautete sein Urteil aus Mangel an Beweisen auf Freispruch.

Am Unfallort hatte die Angeklagte gegenüber der Polizei angegeben, sie sei gefahren, um ihren Verlobten zu schützen, erklärte ihr Verteidiger. Noch im Fahrzeug hätten die beiden das vereinbart. Ihr Partner habe nämlich einen englischen Führerschein, von dem das Paar nicht wusste, ob er gültig sei. Dieser bestätigte die Aussage als Zeuge vor Gericht. Die Angaben regten beim vorsitzenden Richter durchaus Misstrauen. Die Angeklagte würde so einer zu erwartenden Haftstrafe entgehen, da sie zum Unfallzeitpunkt 0,37 Promille Alkohol im Blut hatte und zudem unter massivem Ampethamineinfluss stand. „Man tauscht einen Freiheitsstrafe gegen eine Geldstrafe“, konstatierte der Richter. Selbst wenn der Verlobte zum Zeitpunkt des Unfalls ebenfalls unter Betäubungsmitteln gestanden hätte, könne das heute kein Mensch mehr feststellen.

Keiner der vor Gericht anwesenden Zeugen konnte genau sagen, wer nach dem Unfall auf der Fahrer- und wer auf der Beifahrerseite ausgestiegen ist. Hinzu kam, dass das Motorrad lichterloh brannte und das Feuer auch auf das Wohnmobil übergriff. Wegen dieser Situation hat wohl niemand darauf geachtet, auf welcher Seite des Wohnmobils die Angeklagte ausgestiegen ist. Für einen Zeugen, der damals hinter dem Wohnmobil gefahren ist, sei jedoch nach eigenen Angaben „sonnenklar“ gewesen, dass sie die Fahrerin gewesen ist, weil sie „total geschockt“ war. Auch ein Polizist, der am Unfallort eingetroffen war, sprach vor Gericht von „der Fahrerin“. Der andere Zeuge sagte auch, dass die Fahrerin seines Erachtens keine Chance gehabt habe, den Motorradfahrer zu sehen, weil dieser erheblich schneller als mit 100 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sei. Diese Aussage bestätigten auch zwei weitere Zeugen, die der Verunglückte vor dem Unfall mit überhöhter Geschwindigkeit überholt haben soll.

Die Berechungen eines Sachverständigen zum Unfallhergang sprechen jedoch eine andere Sprache. Demnach war der Motorradfahrer zum Zeitpunkt des ungebremsten Aufpralls mit höchstens 80 Kilometern pro Stunde gefahren. Der vorfahrtsberechtigte junge Mann sei erkennbar und der Unfall vermeidbar gewesen. Auch wenn der Motorradfahrer 150 Kilometer pro Stunde draufgehabt hätte, sei der Unfall genauso vermeidbar gewesen.

Die Staatsanwältin forderte für die Angeklagte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Sie sei der zweifelsfreien Überzeugung, dass das Paar das Gericht an der Nase herumzuführen versuche. Der Verlobte hätte eine deutlich geringere Strafe zu erwarten, als die Angeklagte. Für den Verteidiger waren das nur Vermutungen, die für eine Verurteilung nicht ausreichend seien. Es gebe keine Beweise dafür, dass sie die Fahrerin war.

Er sei nicht davon überzeugt, dass die Angeklagte nicht gefahren sei, sagte der Richter beim Urteilsspruch. Er könne ihr aber keine Schuld nachweisen, weswegen er die 33-Jährige freisprach. Gegen das Urteil wird die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel einlegen. Sollte die Angeklagte auch in zweiter Instanz freigesprochen werden, hat der Verlobte ein Verfahren zu erwarten.

von Martina Staudinger

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