Den letzten Gipfel bezwungen

Toni Freudig steht auf dem Gipfel des höchsten Berges Venezuelas, neben der Büste des Nationalhelden Simon Bolivar. Fast 3000 Höhenmeter und 36 Kilometer musste er für die Besteigung des Pico Bolivars bewältigen. Foto: Freudig

Pfronten/Venezuela – Die sieben höchsten Gipfel der Anden hat Toni Freudig jetzt bestiegen. Der Pfrontener Bergführer wollte die „sieben Summits der Anden“ so schnell wie möglich besteigen. Nun ist ihm das auch beim letzten Gipfel seiner Sammlung, dem Pico Bolivar, gelungen.

Unter einer „sportlichen Besteigung“ versteht Freudig allein, ohne Hochlager, ohne fremde Hilfe und möglichst schnell von der Basis bis zum Gipfel und wieder hinunter. Eigentlich wollte der Pfrontener bereits 2013 sein Ziel erreichen. Am Ende stand er auch ganz oben auf dem 4981 Meter hohen Pico Bolivar, dem letzten Gipfel seiner Sammlung. Doch seine eigenen Vorgaben konnte er dabei nicht einhalten. Gescheitert war Freudigs sportliche Begehung im Vorjahr an der Aufstiegsroute. Vier Tage war er mit einem einheimischen Team unterwegs, um den Weg zu erkunden: einen kaum begangenen Pfad, von Büschen überwuchert und ohne Beschilderung. Ein Weg, der selbst mit GPS-Gerät nachts nicht zu finden gewesen wäre. Für das Auskundschaften einer anderen Strecke fehlte jedoch die Zeit, vor allem aber die Energie. Fünf Wochen spartanisch aus dem Rucksack leben und der tägliche Regen forderten schließlich die letzten Kraftreserven des Pfronteners. 

Gaskocher so teuer wie ein Inlandsflug 

Doch sein Projekt ganz aufzugeben, kam für Freudig nicht in Frage. So plante er jetzt im Anschluss an eine berufliche Reise nach Chile den Pico Bolivar noch einmal zu besuchen. Doch bereits die Anreise war schwierig: Wegen Übergepäcks musste Freudig zuerst seine teure Ausrüstung und Verpflegung am Flughafen Santiago zurücklassen. Dann war der Flughafen derart überfüllt, dass er seine Maschine nicht mehr rechtzeitig erreichte. Anstatt über Lima ging es nun über Bogota nach Caracas. Doch dort verpasste er seinen Inlandsflug in die venezolanischen Anden. Stattdessen setzte sich Freudig in den Bus, mit dem er 17 Stunden später sein Ziel erreichte. 

In Merida, dem bedeutendsten Anden-Talort, musste sich Freudig erst einmal Lebensmittel und einen Gaskocher beschaffen. Letzterer konnte er nur mit Mühe und vor allem viel Geld auftreiben. Kurios: das simple Gerät kostete mehr als doppelt soviel wie der Inlandsflug von Caracas nach Merida. Mit der richtigen Ausrüstung ausgestattet machte sich der Pfrontener dann auf nach Los Nevados, wo die Straßen so steil sind wie im Allgäu die Skipisten. Von hier aus wollte er seine Speedbegehung starten, diesmal jedoch auf einer anderen Route als im Vorjahr. Der Weg über den Pass Alto de la Cruz erwies sich als gut begehbar, auch die Orientierung bei Nacht klappte. So startete Freudig in Jogginghose und mit Leichtgepäck um zwei Uhr morgens am Kirchplatz von Los Nevados. 

„Die ersten 1600 Höhenmeter liefen sich total locker“, so der Pfrontener, „dann wurde der Weg schmäler, teils felsig, und immer mehr ebene Passagen und Zwischenabstiege bremsten den Höhengewinn.“ Dann ging es 150 Höhenmeter hinunter zum Timonsito-See, einen Geröllhang hinauf bis an eine  250 Meter hohe Felswand. Die Passagen bis zum dritten Schwierigkeitsgrad verlangen einiges ab. „Nach genau sechs Stunden und 45 Minuten stand ich auf dem 4978 Meter hohen Gipfel des Pico Bolivar, der mit einer Büste des gleichnamigen Nationalhelden Simon Bolivar gekennzeichnet ist“, erzählt Freudig. Anschließend gönnte er sich eine gerade mal 15-minütige Pause, bevor er sich auf den Rückweg machte. „Die Kletterpassagen langsam und vorsichtig hinunter, die Gegenanstiege keuchend hinauf, die langen, sanft geschwungenen Bergabstrecken im Dauerlauf. Nach zwölf Stunden 16 Minuten, 36 Kilometern und insgesamt 2820 Höhenmetern stand ich wieder auf dem Kirchplatz von Los Nevados“, so Freudig. 

Dabei verlangen Anstrengungen auf fast 5000 Metern dem Körper einiges ab. Denn „die Luft ist bereits spürbar dünner, das Berglaufen wesentlich anstrengender als zwischen ein- und zweitausend Metern wie im Allgäu“, so Freudig. Ein Sportler mit ähnlichem Leistungsniveau könnte bei gleichem Energieeinsatz „die Überschreitung von Aggenstein, Breitenberg, Einstein, Schönkahler, Kienberg, Edelsberg und Falkenstein in einem Stück durchführen und anschließend noch eine Kletterroute wie die Gimpel Südostwand klettern“, erklärt der Bergführer. 

Ähnliches Projekt ist nicht in Sicht 

Für ihn ist das Projekt nun abgeschlossen. In der internationalen Szene gibt es laut dem Pfrontener zwar zwei Bergsteiger aus Costa Rica und Guatemala, die diese Gipfelkollektion gemeistert haben, allerdings ist nach Freudigs Angaben kein Bergsportler bekannt, der alle „Sieben Summits der Anden“ unter diesen sportlichen Vorgaben gemeistert hat. Freudig benötigte nach eigenen Angaben eine Aufstiegszeit von insgesamt 42 Stunden und 11 Minuten. Insgesamt brauchte er 61 Stunden und 25 Minuten, um auf alle sieben Gipfel auf- und abzusteigen. Dabei gelangen ihm alle sportlichen Gipfelerfolge erst im zweiten Anlauf. 

„Sehr gute Ausdauersportler beziehungsweise Bergsteiger können die vorgegebenen Zeiten sicherlich unterbieten“, meint der 54-Jährige. „Allerdings ist zu bedenken, dass der Erfolg an solchen Bergen von vielfältigen Faktoren anhängt: überdurchschnittliche Berg- und Reiseerfahrung, gesundheitliche Aspekte, psychisches Durchhaltevermögen, gute Spanischkenntnisse sowie Glück um nicht in heikle Situationen zu geraten”, meint Freudig. Denn für so ein Projekt brauche man rund 20 Wochen Zeit. Er selbst will sich solch einem Projekt nicht mehr stellen. „Es kostet zuviel Geld, Zeit und Nerven“. kb

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