Vor allem untere und mittlere Einkommen sind betroffen

Auf der Strecke geblieben

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Auf der Suche nach preisgünstigen Mietwohnungen in Füssen und Umgebung haben vor allem junge Familien derzeit große Probleme.

Füssen – „Wir haben uns leider für jemand anderen entschieden.“ Diesen Satz hat Janina Ederle (Name von der Redaktion geändert) nach eigenen Angaben in den vergangenen zwölf Monaten oft gehört.

So lange suchen die 18-jährige Mutter eines sechs Monate alten Sohnes und ihr 19 Jahre alter Freund bereits eine gemeinsame Wohnung in Füssen oder Umgebung – bislang ohne Erfolg. 

„Wenn es heißt, dass wir eine junge Familie sind, heißt es immer: Das passt nicht“, erzählt sie. Tatsächlich ist das junge Paar kein Einzelfall. Wie Recherchen des Kreisboten ergaben, ist die Wohnungssituation in Füssen und Umgebung für bestimmte Schichten derzeit sehr angespannt. 

„Die Wohnungssituation in Füssen und dem Umkreis ist einfach katastrophal.“ Für Janina Ederle ist das eine unumstößliche Tatsache. Dabei hat sie eigentlich eine Wohnung in einem Dorf in der Nähe von Füssen. Eigentlich. Doch dort wächst seit Monaten der Schimmel an den Wänden, die Fenster sind undicht und die Heizung funktioniert im Winter nicht richtig. „Uns geht es dort sehr schlecht“, so Ederle. 

Ihr Mieter, sagt sie, wolle aber nichts gegen die Missstände unternehmen. Wenn ihr es hier nicht gefalle, müsse sie sich eben eine andere Wohnung suchen, habe er ihr gesagt. Dazu kommt, dass die Wohnung gerade einmal 36 Quadratmeter groß ist – und damit viel zu klein für die junge Familie. Deshalb ist das Paar derzeit bei ihrer Familie im Unterallgäu untergeschlüpft. 

Obwohl die beiden einen Wohnberechtigungsschein haben, blieb ihre Suche nach einer größeren Wohnung trotz Einschaltens eines Maklers bisher ohne Erfolg. Weder in Füssen, noch in Pfronten, noch in Marktoberdorf fand sich etwas Passendes für sie. Die besichtigten Wohnungen waren entweder zu teuer, zu groß oder es hieß: „Wir haben uns leider für jemand anderen entschieden.“ Mittlerweile sind die beiden davon überzeugt, dass ihr Sohn das Problem ist. „Viele sagen bei junger Familie sofort ‚Nein’“, sind sie sich sicher. 

Hausgemachte Misere 

Dieses Problem kennt Rainer Kresse nur allzu gut. „Es fehlen vor allem Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen für junge Familien“, erklärt der Kemptener Immobilienmakler. Die Gründe für die Misere sind seiner Ansicht nach vielfältig und vor allem hausgemacht. „Die Städte und Kommunen haben es in der Vergangenheit verpennt, Wohnungen zu bauen“, so Kresse. Statt auf Geschossbau mit günstigem Wohnraum hätten viele Verwaltungen in den vergangenen Jahren auf schmucke, aber teure Einfamilienhäuser gesetzt. „Otto-Normal-Verdiener kann sich das nicht leisten“, so der Kemptener. „Die Städte müssten mehr Baugebiete ausschreiben.“ 

Gesellschaft ist gefordert 

Erschwert werde die Situation noch durch die Einstellung vieler Vermieter. „Deutschland ist nicht das kinderfreundlichste Land. Es ist auch nicht familienfreundlich gebaut worden.“ Daher müsse ein Ruck durch die Gesellschaft gehen. Die Politik sieht auch Bernhard Dopfer, Prokurist des Siedlungswerks Füssen, in der Pflicht. „In der Stadtentwicklung hat man schon ein bisschen geschlafen“, kritisiert er. „Der Soziale Wohnungsbau hat die letzten zwanzig Jahre ziemlich geruht. In Füssen wurde viel Hochpreisiges gebaut“, erläutert er. 

Auf der Strecke geblieben seien dabei diejenigen mit einem unteren oder mittleren Einkommen. „Es ist wichtig, auch etwas für diese Leute anzubieten“, betont Dopfer. Tatsächlich sei es für diese Schichten derzeit „sehr schwierig“ Wohnungen zu finden, vor allem im Segment der begehrten Drei-bis Vier-Zimmer-Wohnungen. „Es verschärft sich gerade“, so der Prokurist. „Wir können nur begrenzt helfen.“ 

Einen guten Ansatz sieht er in der Bebauung des Wohngebiets Weidach durch die BSG Allgäu, eine Genossenschaft. 

Die privaten Vermieter seien für die aktuelle Situation jedenfalls nicht verantwortlich, betont Annegret Viebig-Sandler, Vorsitzende von Haus und Grund Füssen. Preisgünstigen Wohnraum zu schaffen, „ist nicht Aufgabe privater Vermieter“, betont sie. Das sei Sache der Politik. „Es ist die Frage, ob der Soziale Wohnungsbau in Füssen in gebührender Weise gefördert wird“, so die Juristin. Darüber hinaus müsse die Sache auch einmal von der anderen Seite aus betrachtet werden. „Die Vermieter haben eher das Problem, den passenden Mieter zu finden“, berichtet Viebig-Sandler. Häufiger komme es vor, dass schon nach drei Monaten keine Miete mehr gezahlt werde. 

Keine schnelle Lösung 

Eine kurzfristige Lösung für die derzeitigen Probleme auf dem Wohnungsmarkt sieht übrigens keiner der Befragten. Im Gegenteil: Durch die wachsende Zahl an Asylbewerbern werde sich die Lage voraussichtlich noch verschärfen. Janina Ederle empfehlen sie unisono, bei ihrer Suche durchzuhalten und nicht aufzugeben. „Man muss dranbleiben!“, so Prokurist Dopfer vom Siedlungswerk. 

Das Siedlungswerk Füssen immerhin errichtet seit März 2015 elf familienfreundliche Wohnungen im Sozialen Wohnungsbau (der Kreisbote berichtete). Die Wohnungen sollen im Jahr 2016 bezugsfertig werden. Die Baukosten sind mit 2,2 Millionen Euro kalkuliert. Ein weiteres Vorhaben mit rund 20 Wohnungen im Bereich Hiebelerstraße hängt laut Prokurist Dopfer derzeit in der Luft, da sich der Stadtrat beim Bebauungsplan W20 nicht einig ist. „Ich hoffe, dass es dort jetzt vorwärtsgeht“, betont Bernhard Dopfer.

Matthias Matz

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