Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Die Füssener stellen sich zu einem Festzug auf. Der eigentliche „Lammkeller“, unter dem ein Bierkeller liegt, ist das gemauerte Gebäude links. Der hölzerne Bau in der Mitte ist die „Sommerwirtschaft“. Rechts liegt das Wohnhaus Schweiger. Am rechten Bildrand ist noch ein Stück des Daches der „Villa“ des Hotels Hirsch zu sehen. Zwischen den Gebäuden liegen die Beete der Gärtnerei Streidl.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute führt er Sie in die Geschichte des Bier- und Sommerkellers ein.

Entsprechend dem bayerischen Reinheitsgebot durfte das braune Bier nur zwischen Michaeli und Georgi (29. September und 23. April) gebraut werden. Zeitig im März begann man deswegen große Mengen eines Sommerbieres anzusetzen, das einen größeren Anteil an Hopfen enthielt und einen höheren Alkoholgehalt als das Winterbier hatte. Um dieses Bier frisch zu halten, galt es, geeignete Lagerräume zu schaffen. Deshalb grub man sich in die Steilufer der Alpenflüsse ein, um dort tiefe, gewölbte Keller zu mauern.

Die Gewölbe wurden mit Erdreich überdeckt und darüber Kies planiert, der das Sonnenlicht reflektieren sollte. Doch damit nicht genug: Man pflanzte über die Keller die flach wurzelnde Rosskastanie, die mit ihren großblättrigen, dichten Kronen einen lückenlosen Schatten warf. Dass sich aus diesen Anlagen schon bald Gärten entwickelten, in denen dann das tief Bier ausgeschenkt wurde, konnte man zu Beginn nicht ahnen.

Eis aus See gebrochen

Zur zusätzlichen Kühlung des Bieres war es üblich, im Spätwinter an den Seen Klötze aus dem Eis zu schneiden. Mit besonders geformten Zangen hob man die schweren Klötze aus den Eislöchern. Man nannte dies im Füssener Land „eisne“. An der Methode der Eisgewinnung hatte sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wenig geändert. Es war noch vor 60 Jahren ein vertrautes Bild, wenn die „Bierausfahrer“ vor den Gasthäusern neben den hölzernen Bierfässern auch große Eisklötze ausluden. Die Leistung der Maurer und Handlanger beim Bau der Bierkeller ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Es galt zuerst einmal acht bis zehn Meter tiefe Gruben im lockeren glazialen Schotter auszuheben und zu verbauen. Im zweiten Schritt musste mit großen, oft mehreren Zentner schweren Bruchsteinen grobes Mauerwerk aufgeführt werden, das dem Erddruck widerstand.

Keller in Schulhausstraße

 Diese Räume schlossen die Arbeiter mit Gewölben, die sie mit Ziegeln in Kalkmörtel über Lehrgerüsten verlegten. Da die Zugänge am Steilufer auf Niveau des Flusses lagen, musste man keine aufwändigen Treppen und Rampen bauen, um Fässer in den Keller zu transportieren.

In Füssen ließ der Wirt des Gasthofes „Zum Lamm“ einen riesigen Keller am östlichen Ende der späteren Schulhausstraße bauen. Über dem Keller entstand ein schlankes, gut gestaltetes Gebäude, der heutige „Alpenhof“, der von der Straße aus gesehen nur ein Stockwerk zeigte. Über den Weidachwiesen aber wirkte das Gebäude mit drei Geschossen fast wie ein Turm. Später errichtete man etwas südlich davon ein Holzhaus mit einem kleinen Türmchen und pflanzte Kastanien.

Einen ähnlich konzipierten Keller besaß auch der Gasthof „Sonne“ weit draußen vor der Stadt. Dieser wurde, wie der Lammkeller auch, in das alte Steilufer des Lechs hineingebaut. Der Keller und das darauf errichtete Gebäude existieren immer noch an der Abfahrt vom Waldfriedhof zum Bootshafen. Auch der Wirt des alten Gasthofs „Hirsch“ (heute: „La Perla“), der den benachbarten Stadtmauerturm (den „Hirschwirtsturm“) zur Darre für den Hopfen umgebaut hatte, ließ einen Sommerkeller bauen, jenseits des Stadtgrabens und des Feldweges, der vom Augsburger Tor zur Stadtbleiche hinunterführte. Es handelt sich dabei um einen weit unter dem Gelände liegenden, viereinhalb Meter breiten und acht Meter langen, mit einer Tonne überwölbten Raum.

Über diesem Keller stand ein Stadel, in dem Tische und Stühle für den Sommerbetrieb gelagert werden konnten. Nördlich und westlich davon entstand ein schattiger Kastaniengarten.

Einsturzgefahr befürchtet

 Ehe man 1902 begann, das Hotel Hirsch zu bauen, wurde nach mündlicher Überlieferung der Stadel abgetragen und auf einen auf dem westlichen Ziegelberg betonierten Keller aufgesetzt.

Mit dem Neubau des Hotels wurde der Keller mit einer statisch ungewöhnlichen Konstruktion in den Neubau integriert. Sinnigerweise überschneidet das „Bierstüberl“ des neuen Hauses den alten Sommerkeller derart, dass es möglich war, vom tief gelegen, neuen Keller in den noch viel tiefer liegenden, alten Bierkeller hinabzusteigen. Als im Jahre 1953 zur Entlastung der Altstadt die „Entlastungsstraße“ zur neuen Lechbrücke gebaut wurde, geriet der alte Sommerkeller zu einer militärischen Angelegenheit.

Das Gespenst des „Kalten Krieges“ beherrschte damals die Politik und verängstigte die Gemüter. Würde im Kriegsfalle, so die Überlegung, die neue Straße mit Panzern befahren, könnte das Gewicht dieser Fahrzeuge den Unterbau der Straße in den alten Keller drücken und die Straße unpassierbar machen.

Erinnerungsstein entdeckt

Es blieb den Besitzern des Hotels nichts anderes übrig, als den Keller mit Kies aufzuschütten und den Zugang wie einen Bunker zu verbauen.

Die alte, sehr steile Treppe aber existiert noch heute. Im Sommer 1991 hatte der Füssener Jürgen Geisenfelder bei einem Tauchgang im Lechbett unter dem Bleichertor einen beschrifteten Stein entdeckt und in ihm zuerst für einen Grabstein gehalten. Nur bei günstiger Wasserfracht war die Inschrift lesbar: Der einstige Mohrenwirt Max Baur erinnerte daran, dass er 1878 für seine Schwester, für die Schiffwirtin Karoline Baur, einen Bierkeller in den Felsen des Kalvarienberges hatte sprengen lassen. Wie dieser Stein, der einst am Zugang des Keller eingelassen war, in den Lech gelangte, ist nicht mehr bekannt.

Der Besitzer des „Schiffs“, Walter Stanner, ließ den Stein im Herbst 1992 bergen und in die Arkade der Schiffwirtschaft setzen, wo er trotz guter Zugänglichkeit so gut wie nicht beachtet wird. Der Keller, an den der Stein erinnert, liegt an der äußeren Schwangauer Straße. Ein Autohändler hat dort vor Jahrzehnten eine Werkstatt eingerichtet und wegen des von der Felsendecke tropfenden Wassers ein regelrechtes Dach in den Keller bauen lassen.

Bei der Verlegung von Gasleitungen an der Morisse in Faulenbach war vor einigen Jahren der Inhaber der ausführenden Tiefbaufirma auf einen – wie er glaubte – geheimen Gang gestoßen. Er war dem etwa drei Meter breiten, aus dem Felsen gehauenen Stollen etliche Meter weit gefolgt und unterstellte, dass er bis nach St. Mang führen müsse.

In Wahrheit handelt es sich um einen vergessenen Bierkeller, den der Eigentümer des Faulenbacher Mineralbades 1853 in den Felsen hatte sprengen lassen. In einem 1854 gedruckten Prospekt konnte man lesen, dass der neue Keller das aus dem Kloster Polling bezogene Bier „sehr erfrischend und wohlschmeckend halte“.

Platz zum Wenden

Zwei höchst eigenwillige Bierkeller waren auch nördlich von Füssen entstanden. Der eine liegt an dem Weg, der von Roßhaupten zur Mangmühle führt.

Ihn hatte der Roßhauptener Postwirt in den stark lehmhaltigen Grund hineinbauen und derart großzügig bemessen lassen, dass Fuhrwerke nicht nur in den Keller fahren, sondern dort auch in einem Zuge wenden konnten. Der andere, ungewöhnlich tiefe Bierkeller lag bis zum Bau des Forggensees am sogenannten Kellerberg, an der Auffahrt von der Deutenhausener Brücke nach Dietringen. Die ungewöhnliche Schichtung der Molasse nutzend, hatte man ihn zwischen die senkrecht stehenden Sandsteinbänke eingehauen und mit einem Tonnengewölbe aus Sandsteinplatten versehen.

Die rasante technische Entwicklung nach dem Krieg ermöglichte sehr bald den Bau von komfortablen Kühlräumen. Die alten Bierkeller wurden nicht mehr gebraucht und gerieten oft in Vergessenheit. Wer kann wissen, was sich alles unter den Häusern Füssens mit den einst zahlreichen Gasthäusern verbirgt und was vielleicht noch irgendwo draußen in der Landschaft und tief unter dem Boden auf seine Entdeckung wartet.

Magnus Peresson

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