Grundschulerweiterung auf der Kippe

Die Raumnot an der Grundschule Füssen könnte zum Waterloo der laufenden Legislaturperiode des Stadtrates werden. Zum Schuljahresbeginn jedenfalls dürfte kein Erweiterungsbau mit neuen Klassenräumen stehen. Foto: Schuster

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PETER SCHUSTER, Füssen – Grundschulrektorin Sylvia Kiesel war sichtlich mitgenommen. Zehn ihrer zwölf Jahre an der Spitze der Grundschule werde bereits über eine Erweiterung des Schulhauses diskutiert, verschiedene Vorschläge wurden – vor allem aus Kostengründen – vom Stadtrat immer wieder verworfen. Nun schien eine Lösung für die kommenden 25 Jahre gefunden: ein Fertigbau, der an der Buchloer Realschule derzeit noch als Provisorium dient, soll – für eine Dauernutzung fit gemacht – Klassenzimmer, EDV- und Musikraum beherbergen. Doch seit Dienstagabend wackelt auch dieses Projekt, der Schule droht das Raumchaos. Zum Monatsende soll eine Entscheidung fallen. Um halb neun am Dienstagabend bildeten Vertreter aller Stadtratsfraktionen einen Kreis vor dem großen Sitzungssaal um einen gestikulierenden Michael Wollnitza (FW). Mit Denkermine berieten sich die Ratsmitglieder, wie es nun weitergehen soll mit dem Projekt Grundschulerweiterung. Vom geplante Fertigbau, der mehrere Klassen, EDV- und Musiksaal beherbergen soll, waren sie nach langer Diskussion nicht mehr überzeugt, er erschien ihnen zu teuer, zu viele Fragen bezüglich seiner Qualität blieben offen. Ein normaler Neubau dürfte aber zu teuer werden. Was also tun? Der Reihe nach: Es war bereits der zweite Tagesordnungspunkt an diesem Abend, an dem sich der Stadtbaumeister scharfe Nachfragen unzufriedener Stadträte gefallen lassen musste. Bevor es um die Grundschulerweiterung ging, hatten die in die Höhe geschossenen Kosten der neuen Kindertagesstätte zur Debatte gestanden (ein ausführlicher Bericht folgt in der kommenden Ausgabe des KREISBOTE). Doch während an der Kita nun endlich gebaut wird, rollt auf dem Schulgelände noch kein Bagger. Es fehlt ein Okay der Regierung von Schwaben, das die Maßnahme fördert. Bau wird nicht fertig In der Sitzung zeichnete sich ab: Das Gebäude wird nicht rechtzeitig zu Schuljahresbeginn fertig. Zwei Klassen kann Kiesel damit nach den Sommerferien nicht unterbringen, „meine Schüler stehen auf der Straße“, klagte sie. Ab kommenden Schuljahr beginnt zudem die Ganztagesbetreuung an der Schule, jedes Schuljahr kommt eine weitere Ganztagesklasse hinzu. „Wir sind die einzige Grundschule im Landkreis, die keinen Musiksaal hat“, bemerkte die Rektorin. Ein Computer-Raum wäre auch von Nöten, nur einer mit zwölf Plätzen, so dass zwei Schüler an einem Rechner sitzen können. All diese Probleme sollte der Buchloer Fertigbau lösen. Doch was es braucht, um den Bau nach Füssen zu transportieren, für eine Dauernutzung zu präparieren und was es kostet – darüber gab es im vergangenen Jahr immer wieder neue Angaben. Unbekanntes Terrain Besonders ein Punkt missfiel in der detaillierten Chronologie der Ereignisse, die der Stadtbaumeister im Gremium schriftlich ausgeteilt hatte: Der erste Kontakt zwischen Bürgermeister Paul Iacob und der Herstellerfirma des Baus war bereits im Juli 2009, die erste Kostenschätzung von 409 000 Euro kam Ende November 2009 auf den Tisch. Doch erst im Juli 2010 sah sich erstmals ein Vertreter des Bauamts das Gebäude in Buchloe persönlich an, im August erst der Stadtbaumeister selbst. Seither sind die geschätzten Kosten auf über 700.000 Euro gestiegen. Der Stadtbaumeister führt das auf mangelnde Erfahrung mit Fertigbauten dieser Art und mit den Förderrichtlinien für sie zurück. Denn nur wenn der Bau auch für 25 Jahre Nutzung präpariert wird, steuert die Regierung Fördergelder bei. "Umfang unterschätzt" So musste Geld investiert werden, was vorher nicht absehbar war. „Ich habe den Umfang nicht erkannt und ihn unterschätzt“, räumte er ein. Doch dass etwa die Schall- und Brandschutzkosten nicht von Anfang an absehbar waren, dafür hatte Dr. Martin Metzger (Bürger für Füssen) kein Einsehen. „Schallschutz, Brandschutz, Wärmeschutz – das ist doch Ihr täglich Brot“, äußerte er sein Unverständnis. „Sie haben Probleme mit dem Schallschutz“, meinte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Michael Wollnitza gegenüber dem Stadtbaumeister auch im Hinblick auf das nicht ausreichend Lärm gedämmte Füssener Jugendhaus. Ausstieg möglich? Ein weiterer Kritikpunkt: die immens lange Dauer des Verfahrens. Denn knapp zwei Jahre nach den ersten Gesprächen wird immer noch nicht gebaut, „Das dauert mir zu lang“, erklärte Stadträtin Anja Selzer (SPD). „Können wir eine Reißleine ziehen?“, fragte daher Stadtrat Klaus Zettlmeier (CSU). Sollte die Stadt nicht doch einen Steinbau errichten und die Zeit bis zur Fertigstellung mit Provisorien überbrücken? Bei seinem Fraktionskollegen Martin Lochbihler und weiteren Räten fand er Zustimmung. Ilona Deckwerth (SPD) und 3. Bürgermeister Andreas Ullrich (FW) waren trotzdem für die Fertigbaulösung, da sie, wenn auch nicht pünktlich, dennoch zeitnah erfolgen kann. Ein Eigenbau dürfte zudem wohl über eine Million Euro kosten, Geld, das der Kämmerer nicht übrig hat. Und kann die Grundschule ein ganzes Schuljahr mit Provisorien überbrücken? Rektorin Kiesel hat bereits bei den benachbarten Schulen, der Berufs- schule und dem Gymnasium, nachgefragt, ob Klassen zur Not dahin ausweichen könnten. Und ja, es wäre möglich, jedoch, das erklärte Kiesel anschließend gegenüber dem KREISBOTE, habe sie nur wegen weniger Wochen nachgefragt, nicht wegen eines ganzen Jahres oder mehr. Eigenbau abschätzen Nach der zehnminütigen intensiven Beratungspause, stellte Bürgermeister Paul Iacob einen Beschluss zur Abstimmung. Demnach will die Stadt ausrechnen lassen, wie viel ein normaler Steinbau, der die gleiche Kubikmeterzahl wie der Fertigbau aufweist, kosten würde und ob ein Generalunternehmer ihn Schlüsselfertig bis zum 31. August 2012 bauen kann. In der Stadtratssitzung am 31. Mai soll dann eine Entscheidung fallen. Diesem Plan folgte das Gremium mit Ausnahme von Andreas Ullrich, Ilona Deckwerth und Herbert Dopfer (Füssen-Land). Rektorin Sylvia Kiesel hatte derweil den Glauben an den Stadtrat offenkundig verloren. Ob überhaupt ein Erweiterungsbau kommt? „Ich glaube es Ihnen nicht“, meinte Kiesel an die Adresse der Stadträte.

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