Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch das historische Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Der Gefängnisturm mit den vier Scharwachtürmchen im Jahre 1572.  Ausschnitt aus dem Tafelbild von Stefan Mair in der Staatsgalerie im Hohen Schloss.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. In dieser Ausgabe berichtet er über den Gefängnisturm des Hohen Schlosses.

Aus der Ferne gesehen scheint der Gefängnisturm am Hohen Schloss seit einem Jahr wie von einem Spinnennetz umgeben zu sein: Ein Gerüst aus tausend miteinander verschraubten Stangen aus Stahl ermöglicht es den Handwerkern an dem halbrunden Turm zu arbeiten und bis hinauf zur höchsten Spitze des Daches zu steigen.

Der Turm ist nicht nur das stärkste Bauwerk, er ist auch das älteste Gemäuer am Hohen Schloss. Seine Fundamente wurden vor 747 Jahren gelegt, im Frühjahr des Jahres 1269. Auslöser für den Bau waren Auseinandersetzungen zwischen Bischof Hartmann von Augsburg und dem Herzog Ludwig II., einer wilden, unbeherrschten und machtgierigen Persönlichkeit. Seinen Beinamen „der unmilte“ (der Strenge) verdankte er der Tatsache, dass er in einem Anfall blinder Eifersucht seiner Gemahlin Maria den Kopf abhauen ließ.

Als man dem Wüterich von ihrer Unschuld überzeugt hatte, wurde sein Haar über Nacht weiß. Zum Zeichen seiner Reue und als sichtbares Zeichen seiner Sühne gründete er das Kloster Fürstenfeldbruck Ursache des Konfliktes zwischen Bischof und Herzog war der Streit um das Erbe des letzten Hohenstaufen Konradin.

Um seinen Zug nach Italien finanzieren zu können, hatte der Sohn König Konrad IV. neben seinen eigenen Besitzungen auch alle ihm vom Augsburger Bischof übertragenen Rechte an Herzog Ludwig, der sein Onkel war, verpfändet. Zu diesen Rechten zählte auch die Verwaltung über die weltlichen Belange des Hochstiftes Augsburg, die „Vogtei“, zu der auch Füssen gehörte. Dafür gab es allerdings keine rechtliche Grundlage.

Nachdem Konradin am 28. Oktober 1268 im Alter von erst 16 Jahren blutiges Opfer einer unheiligen Allianz zwischen dem regierenden Papst Clemens III. und Karls von Anjou, Bruder des französischen Königs, geworden war, trat Ludwig der Strenge unverzüglich sein vermeintliches Erbe an. Das an der Straße nach Rom gelegene Füssen war von großer politischer Bedeutung und der über dem kleinen Ort gelegene Berg, der dem Kloster St. Mang gehörende Schlossberg, von hohem militärischen Gewicht.

Wenn man sich damals irgendwo festsetzen wollte, brauchte man ein festes Haus, eine Burg. Im Gegensatz zu den meisten der damals entstandenen Burgen, die alle meist nur aus einem massiven Turm bestanden (der Falkenstein ist dafür ein gutes Beispiel), wurde die geplante Burg in riesenhaften Ausmaßen angelegt.

Krieg stoppt Bau

Mit einem hohen Einsatz von Maurern und Gefangenen ging man ans Werk. Ein kurzer schrecklicher Krieg, der zeitgleich stattfand, endete mit einem Sieg des Bischofs und der Einstellung der Bauarbeiten. Die Mauerfragmente auf dem Schlossberg wurden später im Zusammenhang mit dem Bau der Stadtmauer bis zum Jahr 1286 fertig gestellt und allem Anschein nach der Reichslandverwaltung unterstellt. Der heute sogenannte Gefängnisturm war als das stärkste Gebäude, als Bergfried, angelegt.

Er besitzt an der Erdgleiche einen annähernd quadratischen Grundriss und Mauern mit einer Dicke von rund drei Metern. Ab dem 1. Obergeschoss rundet sich der Turm nach Westen. Der Eingang lag in einer Höhe von rund fünf Metern über dem Schlosshof und war nur über eine Leiter oder eine im Kriegsfalle leicht abzuwerfende, hölzerne Treppe zu erreichen. Von hier führte eine mannsbreite, in der Mauerschale liegende, steile Stiege zu den bewohnbaren Räumen nach oben.

Der Raum im Erdgeschoss war fensterlos und nur an einem Seil hängend zu erreichen. Sein heutiges Aussehen bekam der Turm aber erst in den Jahren von 1490 bis 1503 unter dem Augsburger Bischofs Friedrich von Zollern. Der mächtige Turm erinnerte die Füssener offensichtlich an den gut genährten Bischof und sie nannten ihn deshalb „Pfaffenturm“ Obwohl der Turm links und rechts Zubauten erhalten hatte, die heute sogenannten Verbindungsflügel, gab es vorerst keine Verbindung zu Süd- und Nordflügel.

Das änderte sich erst in der Zeit, als Kaiser Maximilian I. immer wieder zwischen 1490 und 1518, im Hohen Schloss residierte. Um dem Kaiser einen Gefallen zu erweisen, kam es nun zu einem außergewöhnlichen Unternehmen: Während Abt Benedikt von St. Mang den Wehrgang zwischen dem Westchor der Klosterkirche und dem Malerwinkel zur „langen Stiege“ ausbauen ließ, ließ der Bischof die meterdicken Mauern des Bergfrieds in Höhe des ersten Obergeschosses durchbrechen. Auf diese Weise erhielt der Kaiser einen bequemen Weg zwischen den Räumen seiner Residenz und dem Westchor von St. Mang.

Westlich des „Kaiserganges“ entstanden zwei kleine, finstere Räume. Im nördlichen der beiden befindet sich im Boden eine hölzerne Klappe, die das sogenannte „Angstloch“ verschließt, eine Öffnung, die als Zugang in das lichtlose Verlies diente.

Unbeholfener Versuch

Der isoliert geplante und ursprünglich frei stehende Turm hatte durch den Bau der Verbindungsflügel seine alte Dominanz verloren. Dem entgegen zu wirken, hat der unbekannte Künstler der Fassadenmalereien die jetzt verwischten Turmkanten mit einer das Auge täuschenden Bemalung zu retten versucht. Die Art und Weise wie ihm die illusionistische Quaderung der alten Turmkante gelang, ist ein als noch etwas unbeholfener Versuch mit einer neuen Disziplin in der Kunst zu werten – das Spiel mit der Perspektive.

Während die Fassadenmalereien der anderen Flügel noch der späten Gotik verpflichtet ist, kündigt sich am Turm der Stil der neuen Zeit an, die Renaissance. Um 1820 wurde aus dem Turm eine „Fronveste“, ein Gefängnis. Im 2. Obergeschoss entstand dabei das einst legendäre „Bürgerstüble“, eine Arrestzelle mit schweren, in den Mauern eingelassenen Ringen zur Fixierung renitenter Arrestanten.

 Noch im frühen 20. Jahrhundert gehörte es zu den Initiationsritualen eines jungen Füsseners, dort wenigstens eine Nacht zu verbringen. Dies war in Zeiten strenger gesellschaftlicher Normen eine leicht zu bewerkstelligende Aktion: Es genügte, etwa spät abends auf dem Weg von einem Wirtshaus am Schrannenplatz zur eigenen Haustüre ein Lied anzustimmen.

In den von keinem Radio- oder Autolärm oder sonstigem Radau gestörten Nächten war das bis zur „Gendarmerie“ zu hören und es dauerte nicht lange, bis der „Arm des Gesetzes“ erschien und dem Sänger zu freier Kost und Logis im Hohen Schloss verhalf.

Besonderes Aussehen

 Die Zellen der beiden obersten Geschosse des Turmes wurden bis in die 1950er Jahre eifrig belegt. Im Jahre 1933 waren es höchst ehrenwerte Bürger gewesen, die hier einsitzen mussten. 12 Jahre später hatte sich das Blatt gewendet und nun kamen auch die braunen Lokalmatadore in den Genuss, auf hölzernen Pritschen zu nächtigen.

Dem Bauwerk fehlen heute vier malerische Türmchen, die der Turmspitze ursprünglich ein ganz besonderes Aussehen verliehen haben. Drei der vier gemauerten Konsolen, die sie einst getragen haben sind noch immer unter der Traufe erhalten. Die winzigen Türmchen ermöglichten es, vom Dachwerk des Turmes aus in sie einzutreten und von dort das Umland zu beobachten.

Ein ungewöhnliches, bisher von niemandem erkanntes und erwähntes Detail befindet sich eingekratzt in den Verputz unter der Traufe der nach Nordwesten gerichteten Rundung. Die Kratzung zeigt ein dem „Fischwirbel“ verwandtes Ornament, drei auf eigenartige Weise miteinander verbundene Fische. Zwei davon liegen mit der Schwanzflosse am Kopf des jeweils anderen, während der dritte quer zu den andern sich wie eine Schnur einzufädeln scheint.

Entstanden ist die Darstellung vor über 500 Jahren und man konnte sie, weil sie damals farblich gefasst war, von den Morisse-Ängern aus oder vor dem Richtertor stehend, gut erkennen. Der Sinn ist dunkel. Die Vorstellung, Tiere, deren Heimat das Wasser ist, an den höchsten Punkt der Stadt zu translozieren, in das Reich der Tauben, Krähen und der Falken, weckt die Erinnerung an die schwer deutbaren Erfindungen eines Hieronymus Bosch. Die Fische am Turm aber sind nur eines der Geheimnisse, die das Schloss umgibt.

Magnus Peresson 

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