Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Nur wenn die Bäume keine Blätter tragen ist die Inschrift im Felsen neben der Spalte zu sehen.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute führt er Sie in die Geschichte der Grotte des griechischen Königs ein.

Es ist eine märchenhafte Szene, wenn im späten Frühling unterhalb von Schloss Hohenschwangau, im Schatten der Felswände die Mondphiole blüht und den Wald mit ihrem süßen Duft erfüllt. Einige Wochen später sind es tausende von tellergroßen Pestwurzblättern unter deren Dach an mehreren Stellen Wasser aus der Erde bricht und den Kalten Bach bildet. Der wird mit Wasser aus dem Alpsee angereichert und sucht den Weg zum Schwansee.

Zur Zeit von König Maximilian II. war dieser Bach soweit ausgeräumt, dass man sich in einem Kahn von der Strömung bis zum See treiben lassen konnte. Im jetzt wild verwachsenen Gelände mit brusthohen Brennnesseln verbirgt sich der einst zur königlichen Küche gehörende Eiskeller, der über einen halsbrecherischen Felssteig mit ihr verbunden war. Etwa hundert Meter weiter erkennt man, wenn die Bäume keine Blätter tragen, am Fuß der senkrechten Felswände einen hohen schmalen Spalt.

Der Zugang führt über extrem steiles Geröll. In ein leicht überhängendes Felsband westlich der Spalte, vielleicht zwanzig Meter über dem Kalten Bach ist eine Inschrift eingehauen: „Otto’s Grotte“ In einer zweiten Zeile folgt „5. September 1850“ und danach ein stilisierter Walfisch oder ein Delphin. Es ist eine rätselhafte Schrift, die nur ein schwindelfreier Steinmetz auf einem Gerüst oder in einer Seilschlinge hatte ausführen können. Doch aus welchem Grund könnte diese Schrift an einem solch einsamen und ausgesetzten Ort entstanden sein? Um ein wenig Licht in die Sache zu bringen, muss man in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückblicken.

Der zweitälteste Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., Otto, war 1832 als 18-Jähriger von den europäischen Großmächten und unter tatkräftiger Mitwirkung seines Vaters zum König von Griechenland bestimmt worden. Ludwig I. war wie besessen von der Kultur des klassischen Griechenlands – auch wenn das Hellas, das er idealisierte, seit eineinhalb Jahrtausenden nicht mehr existierte und die über Jahrhunderte andauernde, osmanische Herrschaft es zu einem dürftigen Anhängsel der Levante degradiert hatte.

Da der bayerische Prinz zum Zeitpunkt seiner Inthronisierung noch minderjährig war, war, wenn man so will, König Ludwig I. von Bayern de jure auch König von Griechenland.

Schuhplattler und Sirtaki

Der junge Otto residierte zuerst in Nauplia, später in Athen umgeben von hunderten von bayerischen Bauernbuben in bunten Uniformen. Da ihn ständig das Heimweh plagte, reiste er so oft wie möglich nach Bayern. Unternehmungen, die ihn stets mehrere Monate von seinem Königreich fernhielten. Im September 1850 besuchte er seinen Bruder, König Maximilian II., in Hohenschwangau. Wir wissen über den Ablauf seines Aufenthalts gut Bescheid. So bestiegen die beiden Könige am 5. September mit ihren „Kavalieren“ den Säuling, wobei die Griechen ihre Nationaltracht trugen.

Auf der höchsten Spitze „dinierte“ die bunte Bergsteigerschar. Am Abend kam es in einem „Buchenhain“ zu einem Fest zu Ehren der bayerischen Königin Marie. Dieser Hain liegt unterhalb von Schloss Hohenschwangau. Begrenzt wird er zum einen von fast senkrecht aufsteigenden Felswänden, zu anderen durch eine Schleife des Kalten Baches. Der Ort ist heute stark verwachsen. In seiner Mitte liegt ein großer, vom Berzenkopf abgegangener Felsblock. Das Fest fand im Schein von Öllampen und vieler Fackeln statt. Es wurden bayerische, französische und griechische Tänze dargeboten. Es muss ein reizvolles Bild gewesen sein, zwischen deftigen Schuhplattlern und höfischen Reigen die griechischen Männer Sirtaki tanzen zu sehen.

Zu später Stunde habe man die Bäume des Haines mit Wein bespritzt. Dem Chronisten, dem wir diese Schilderung verdanken, schien das ein fremder, wenn nicht heidnischer Brauch zu sein.

Abenteuer an der Grotte

In welche Beziehung nun der griechische König zu der schwer zugänglichen Felsspalte, der „Grotte“ treten sollte, kann nur vermutet werden. Verleitete die weinselige Stimmung den König zu einem kleinen Abenteuer? Stieg er in Begleitung von Fackelträgern im angesäuselten Zustand hinauf, um die Grotte zu erkunden? Und erging es ihm dann wie den wenigen nüchternen Besucher, die später hierher kommen sollten? Verließ er den Ort aufrecht? Oder stieg er infolge der Steilheit und des schmierigen Bodens gar auf dem königlichen Hosenboden ab?

Man weiß es nicht.

Es muss bei diesem Fest aber etwas Denkwürdiges geschehen sein, etwas, was dem Bruder, dem Bayernkönig, Anlass gab für immer daran erinnern zu lassen. Ein Steinmetz wurde in die Wand geschickt, um mit Hammer und Meißel den Namen Otto, den Zusatz „Grotte“ und das Datum des Festes einzuhauen. Der kleine Delphin aber mag die Signatur des ausführenden Mannes gewesen sein.

Die Inschrift war wegen ihrer Lage und des Bewuchses auch den Einheimischen nicht mehr bekannt. Der Vater des Verfassers, Engelbert Peresson, hat die Schrift vor mehr als 90 Jahren wahrscheinlich bei einer Klettertour entdeckt und sie mehr als 30 Jahre später seinem Sohn gezeigt.

Nachdem sich im Vorfeld des 100. Todestages von König Ludwig II. ein Verein in Füssen zur Errichtung eines Denkmals gebildet hatte, wollte man auf die rätselhafte Schrift im Felsen aufmerksam machen. Doch bei einer Begehung schien die Schrift verschwunden zu sein. Ein Mitglied der Denkmalfreunde aber wollte der rätselhaften Geschichte auf die Spur kommen. Er verbrachte viele Stunden am Fuß der Wand und suchte mit einem Fernglas den Felsen ab. Als schließlich die Sonne über den Berzenkopf stieg und ihre Strahlen den Felsen streifte, da füllten sich die eingehauenen Buchstaben mit Schatten und machten die Schrift wie von Geisterhand wieder lesbar.

Ein Mitglied des Denkmalvereins, ein junger Füssener, hing bald darauf einen ganzen Tag lang an einem Seil in der Felswand. Er reinigte den Stein und erneuerte die ausgewaschene Farbe, so dass sie, mehr als 130 Jahre nach ihrer Entstehung, wieder lesbar wurde. Wer heute am Kalten Bach entlang wandert, dem mag die Vorstellung schwer fallen, dass in dem seichten und verwachsenen Bachlauf der spätere Märchenkönig gelernt hatte einen Kahn zu lenken. Er mag den Ort der nächtlichen Feier vom September 1850, den Buchenhain entdecken und, solange die Bäume kein Laub tragen, auch das schmale Felsentor über dem Kalten Bach, den Eingang zur Grotte des griechischen Königs.

Aber nur wenn er an der richtigen Stelle steht, wird sich ihm die Inschrift zeigen: „Otto’s Grotte. den 5. September 1850“.

Griechen verjagen Otto

Fast 30 Jahre lang hatte das Königreich Bayern mit Unsummen das griechische Abenteuer unterstützt. Zuletzt hatte sogar der knauserige König Ludwig I., der an seinen griechischen Bauten in Bayern arbeitete, tief in seine Privatschatulle greifen müssen.

Doch dann hatten die Griechen genug: Am 23. Oktober 1862, fast genau auf den Tag, da am Bau der Propyläen in München die letzten Gerüste fielen, jagten sie ihren „König Othona“ zum Teufel. Der Griechenkönig lebte von da an verbittert in Bamberg. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit der einst vom Vater ausgesetzten Prinzenapanage, verachtet von seinem Neffen, dem umschwärmte König Ludwig II. König Otto von Griechenland starb am 26. Juli 1867, sieben Monate vor seinem Vater, König Ludwig I., dessen maßlosem Ehrgeiz er seine zweifelhafte Karriere zu verdanken hatte. Im Englischen Garten von Hohenschwangau aber erinnert noch immer die Felsinschrift an eine längst vergangene, märchenhafte Geschichte und einen traurigen Griechenkönig.

Magnus Peresson

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