Islamwissenschaftler informiert über Nahen Osten

"Den Konflikt kann niemand gewinnen"

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Der Islamwissenschaftler Dr. Guido Steinberg spricht beim IHK-Empfang in Oy-Mittelberg.

Oy – Auf die aktuelle Situation im Nahen Osten und die Flüchtlichtspolitik ging Dr. Guido Steinberg bei seinem Vortrag beim IHK-Erntedank-Empfang bei Primavera in Oy ein (siehe eigener Artikel auf Seite 11).

Der promovierte Islamwissenschaftler und ehemalige Terrorismusreferent des Bundeskanzleramtes ist Kenner des Nahen Ostens. Er studierte zwei Jahre lang in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Syrien. Aktuell arbeitet er für die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Die Relevanz der Region muss ich nicht mehr erklären.

Das war vor zehn Jahren noch anders“, so Dr. Guido Steinberg. Er betonte, das der andauernde Bürgerkrieg in Syrien kein religiöser Konflikt sei. Hier bekämpfen die Bewohner der überwiegend ländlich geprägten Regionen die Stadtbewohner, welche überwiegend hinter der Asaad-Regierung stehen. „Den Konflikt kann dort niemand gewinnen. Dem Asaad-Regime laufen die Soldaten weg. Es kann diesen Krieg nicht gewinnen“, so der Islamwissenschaftler.

900 deutsche IS-Kämpfer 

Eine Folge davon werde eine langfristige Instabilität des Landes sein, so Steinberg. In dem Land stehen sich auf beiden Seiten nur einige hunderttausend Kämpfer gegenüber, mehrere Millionen Flüchtlinge sind in die Nachbarländer und nach Europa geflohen. Zahlreiche Gruppen der verschiedenen Ethnien und Religionen wie Aleviten, Drusen, Jesiden und Kurden sind in die Kämpfe verwickelt. Die Region wird aber auch von religiösen Spannungen geprägt, so der Experte. Der Konflikt der beiden islamischen Konfessionen, der Sunniten und der Schiiten, bestehe bereits seit dem 9. Jahrhundert. Hier profitiere der IS davon, der mit brutalsten Mitteln die Schiiten bekämpft. Diese setzen im Gegenzug ähnliche ein. So heize sich der Konflikt immer weiter an.

Die Zahl der ausländischen Kämpfer auf Seiten des IS werde auf etwa 40.000 geschätzt. Hiervon sind ungefähr 900 aus Deutschland. Das Risiko das von diesen ausgeht, ist nach Ansicht des Terrorismus-Experten nicht zu unterschätzen. Die bisherigen Anschläge in Deutschland seien nicht das Ende. „Es wird weitere Anschlagsversuche geben. Aber unsere Sicherheitspolitik ist darauf nicht vorbereitet“, so Steinberg. Geopolitische Aspekte spielen am Persischen Golf ebenfalls eine große Rolle, erklärte der Experte. Seit 1973 gehe es hier um das Erdöl. „Saudi-Arabien hat hier die Führungsposition übernommen“, so Steinberg.

Der Iran versuchte aber auch seine Stellung auszubauen. Als „Kalten Krieg am Golf” bezeichnet dies der Islamwissenschaftler. Die beiden Staaten unterstützen jeweils die konkurrierenden Parteien in den Konflikten des Nahen Ostens. „Eine direkte Konfrontation zwischen den beiden Ländern wird es nicht geben“. Der Irak spiele in den Auseinandersetzungen aufgrund der Instabilität im eigenen Land noch keine große Rolle.

 Überfordert bei Kontrollen 

Der größte Teil der Flüchtlinge des Jahres 2015 kam aus Syrien, Afghanistan und Irak, so Steinberg. Die EU sei mit ihren derzeitigen Grenzkontrollen nicht effizient genug und überfordert. Eine Anpassung an den Bedarf sei seit dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens überfällig. Auch forderte Steinberg eine stärkere Beteiligung Deutschlands im Kampf gegen den IS. „Die Hilflosigkeit der Bundesregierung im Syrien-Konflikt schmerzt“.

Um die Region zu stabilisieren müssten die Beziehungen zur Türkei wieder deutlich verbessert werden. Nach dem Vortrag stand der Experte für Fragen zur Verfügung. Eine bezog sich auf den niedrigen Ölpreis und die Konsequenzen für die ölproduzierenden Länder. Hier seien bereits ökonomische Reaktionen die Folge. So wurden Investitionen zurückgefahren. Ausbleibende oder verspätete Lohnzahlungen seien bei großen Unternehmen wie dem Bin-Laden-Baukonzern vorgekommen. Eine weitere Destabilisierung der Region könnte nach Ansicht Steinbergs langfristig die Folge davon sein.

hoe

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