Loyalität oder freier Wille?

Sein Schauspieltalent zeigt Martin Harbauer auch bei seinen Lesungen: Ausdrucksstark präsentiert er den Zuhörern die Novelle „Fräulein Else“. Foto: Knoll

Füssen – Mit ausdrucksstarker Erzähltechnik hat der Diplomsprecher Martin Harbauer am Montag im Rahmen der „LeseZeit“ das Dilemma in Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ vermittelt. In der Novelle kritisiert der Dramatiker die österreichisch-ungarische Gesellschaft um die Jahrhundertwende.

Während die 19-jährige Else ein paar Urlaubstage in Italien verbringt, fordert ihre Mutter sie in einem Brief auf, den reichen Kunsthändler Dorsday um ein Darlehen über 30.000 Gulden zu bitten. Denn Elses Vater, ein Wiener Rechtsanwalt, hat Mündelgelder veruntreut und wird verhaftet werden, wenn Else das Geld nicht innerhalb von drei Tagen auftreibt. Der Kunsthändler will Else das Geld geben, aber nur unter einer Bedingung: Er möchte Else nackt sehen. Die reagiert empört, sie will sich nicht vor ihm ausziehen, sie will aber auch nicht ihren Vater im Stich lassen. Durch den inneren Monolog, in dem „Fräulein Else“ zum größten Teil geschrieben ist, und durch Harbauers leidenschaftlichen Vortrag, bekam der Zuhörer einen guten Einblick in Elses Inneres. Während Else ihre Handlungsoptionen prüft, zeigt sich, dass sie eine wankelmütige junge Frau ist, die sich nach Liebe und auch Freiheit sehnt. Da sie aber nicht den Mut aufbringt, ihrem Willen zu folgen, beschließt sie sich nicht nur Dorsday nackt zu präsentieren, sondern auch anderen Hotelgästen, um ihm so die Freude daran zu verderben. Da sie während ihrer Überlegungen immer häufiger an Selbstmord denkt, kristallisiert sich heraus, dass es für sie der einzig mögliche Ausweg zu sein scheint. Während Harbauer zum Schluss immer leiser spricht und schließlich ganz verstummt, wird nicht klar, ob Else tatsächlich an einer Überdosis Veronal stirbt oder nur einschläft. Auch bleibt unklar, ob sich Dorsay an die Abmachung hält und Elses Vater das Geld schickt. kk

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