Diskussion um Zwangsheirat

Elvan Ciftcioglu (v.l.), Sultan Ciftcioglu, Hanni Semmlin-Leix, Filiz Kizilay und Damla Kizilay folgten dem Referat und diskutierten mit. Foto: privat

Füssen – An das Thema „Zwangsheirat“ hat sich der Muslimische Frauenverein Füssen herangewagt. Zum Vortrag hatten die Organisatoren darunter der Arbeitskreises Sozialdemokratischer Frauen (ASF), Amnesty, PFIFF, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Ostallgäu, Heike Krautloher eingeladen.

Die Referentin Damla Kizilay, unterstützt von den Mitfrauen des Muslimischen Vereins, Filiz Kizilay, Sakire Aydemir und Sultan Ciftcioglu, führte gleich zu Beginn ihres Vortrages aus, dass die Zwangsehe im Islam eigentlich verboten ist aber immer noch in vielen muslimisch, hinduistisch und buddhistisch orientierten Ländern praktiziert wird. Zwangsheirat bedeutet Eheschließung ohne Einwilligung eines oder beider Partner, arrangiert zwischen den Eltern der zukünftigen Ehepartner, und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. 

Dabei hat Zwangsheirat weniger mit Religion zu tun, sondern ist hauptsächlich ein Bestandteil von Traditionen und Bräuchen in einer patriachalisch geprägten Gesellschaft. Auch Männer sind hiervon betroffen. Allerdings sind diese in der Regel zum Zeitpunkt der Eheschließung älter als die betroffenen Frauen und Mädchen. Bei diesen liegt das gesetzlich vorgeschriebene Mindestalter in den meisten Ländern bei 15 Jahren, was jedoch häufig auch unterschritten wird. 

Eine besonders schlimme Praktik stellt in diesem Context die Kinderheirat dar. Aus materiellen Gründen, und um die Tochter als Jungfrau an den Mann bringen zu können, werden Mädchen in Indien, Pakistan, Bangladesh und so weiter im zarten Alter von acht bis zehn Jahren bereits an Männer verheiratet, die um ein Vielfaches älter sind als ihre Bräute. Genaue Daten über diese Kinderheiraten gebe es nicht, da diese offiziell nicht registriert werden.

Auch unter Migranten in Deutschland sei die Zwangsehe kein Fremdwort. Es beginnt mit einem Familienurlaub in der Türkei und endet mit der Verheiratung des Mädchens oder des jungen Mannes, so Kizilay. Es stelle sich die Frage, warum die westlich orientierten und hier aufgewachsenen jungen Leute sich nicht gegen diese Traditionen wehren. Es sei die Angst vor Gewalt und Aggressionen, ein Gefühl der Hilfs- und Ausweglosigkeit gegenüber dem subtilen Druck der Familien beziehungsweise vor dem Verlust der Familienzugehörigkeit mit totaler Isolation. Diesen Schritt wagen nur wenige zu gehen. 

Damla Kizilay argumentierte dahingehend, dass Zwangsehen in der Türkei, wenn überhaupt, eher auf dem Land arrangiert würden. In den Städten würde das so gehandhabt wie in Deutschland, nämlich, dass Ehen aus Zuneigung und Liebe geschlossen werden. Je höher das Bildungsniveau, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit einer Zwangsheirat. 

In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, meinte Kizilay, dass es gerade einmal 100 Jahre her ist, dass auch in der westlichen Tradition Väter ihren Töchtern einen Ehemann aussuchten, und die Ehemänner praktisch vollständige Verfügungsgewalt über ihre Ehefrauen und deren Vermögen hatten. Scheidungen gingen mit Ächtungen der Frauen einher. 

In der anschließenden Diskussion galt es für die Gastgeberinnen noch viele Frage zu beantworten. Hannelore Semmlin-Leix bedankte sich zum Abschluss des Abends beim Muslimischen Frauenverein für den gut recherchierten und ausgeführten Vortrag. kb

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