Nationalpark ohne Kompromisse

Dr. Hans Ehrhardt. Foto: privat

40 Besucher lockte der Vortrag von Dr. Hans Ehrhardt in die Zechenschenke in Peiting. Im Rahmen der jährlichen Mitgliederversammlung der Umweltinitiative Pfaffenwinkel berichtete er kürzlich über das Vorhaben des Fördervereins „Nationalpark Ammergebirge“. 230 Quadratkilometer Staatsgrund umfasst die Fläche, die der Förderverein gern als National- park ausweisen lassen würde, und sie liegt im Hochgebirge: Das Gebiet reicht vom Lech im Westen bis zur Loisach im Osten und schließt auch den unzugänglichen westlichen Abschnitt des Wettersteingebirges sowie die steilen Nordflanken der Zugspitze und die Westflanke der Alpspitze ein.

Anders als in Naturschutzgebieten darf nach deutschen und internationalen Gesetzen in der Kernzone eines Nationalparks keinerlei forst‐ und landwirtschaftliche Nutzung oder Pflege stattfinden, dort soll „Natur Natur sein“ dürfen. Die Kernzone muss nach dem Bundesnaturschutzgesetz mindestens 51 Prozent der Nationalparkfläche umfassen und gemäß internationalen Richtlinien 30 Jahre nach der Grundung auf 75 Prozent angewachsen sein. Die restlichen Flächen bilden die sogenannte Pflegezone. Dort soll laut künftiger Nationalpark‐Verordnung weiterhin Almweide stattfinden, denn nur so können die artenreichen Magerrasen und Offenlandflächen der Lichtweiden bewahrt werden. Auch die Pufferzone zwischen Nationalpark und Privatwald, die ein Übergreifen des Borkenkäfers verhindern soll, zählt zur Pflegezone. Da die Wälder im Hochgebirge neben ihrer lokalen Wirkung etwa als Lawinenschutzwälder auch eine wichtige Hochwasserschutzfunktion für die Flüsse in ganz Südbayern haben, dürfen sie nicht dem Borkenkäfer zum Opfer fallen. In der Kernzone würde er deshalb mit Fallen bekämpft werden, in der Pflegezone hingegen dürfen auch Bäume gefällt werden, wenn das die Ausbreitung des Borkenkäfers verhindert. Das Gebiet ist für Wölfe und Bären zu klein, deshalb haben unter den großen Raubtieren nur Luchse eine Chance auf Ansiedlung. Die jedoch reißen nicht mehr als ein Reh pro Woche und das ist zu wenig, um die ungebremste Vermehrung des Rotwilds und der Hirsche zu verhindern. Deshalb ist Wildtiermanagement, also Jagd, in der Pflegezone des Nationalparks unerlässlich, um eine Naturverjüngung aller Baumarten des Bergmischwaldes zu gewährleisten. Man wird weiterhin wandern und in den Seen an festen Plätzen baden dürfen. Auf ausgewiesenen Strecken wird das Mountainbiken erlaubt sein, und im Winter wird umweltfreundliches Skibergsteigen nach den Regeln des Deutschen Alpenvereins ebenso möglich sein wie das Langlaufen auf Loipen. In der anschließenden Diskussion wurde Kritik laut an den Zugeständnissen: Wie soll die Natur sich wieder in einen Urzustand entwickeln, wenn so viele Eingriffe und vor allem Jagd erlaubt sind? Dr. Ehrhardt wies darauf hin, dass letztendlich drei Viertel des Nationalparks sich selbst überlassen bleiben, und dort kann sich „Urwald“ ausbilden. Am wichtigsten für eine Rückentwicklung des Waldes sei der Verzicht auf Forstwirtschaft in der Kernzone. Doch die Idee hat Gegner, vor allem unter den Landwirten und Waldbesitzern. Kompromisse und Zugeständnisse sollten diesen den Wind aus den Segeln nehmen. In Peiting fand man dafür wenig Verständnis und hätte es lieber gesehen, wenn das Projekt noch etwas radikaler in seinen Forderungen wäre, damit die Nationalpark‐Idee nicht verwässert wird.

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