Experten arbeiten an einem Sicherheitskonzept

Pöllatschlucht bleibt gesperrt

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Die Arbeiten finden vor allem im oberen Bereich der bei Wanderern beliebten Schlucht statt.

Schwangau – Die Pöllatschlucht unterhalb von Schloss Neuschwanstein bleibt voraussichtlich bis weit ins nächste Jahr gesperrt.

Grund sind Sprengarbeiten an einem instabilen Felsüberhang im oberen Bereich der Schlucht. Bei einem Pressegespräch stellte die Verwaltung der Schlössergemeinde die anstehenden Arbeiten, insbesondere zur Sicherung des Wanderweges durch die Schlucht, vor.

„Wir haben die Schlucht von der Marienbrücke bis zur Gipsmühle kartiert, teilweise am Seil hängend“, erklärte der Geologe Albin Kretz. Im Zuge der Bewertung des Gefahrenpotenzials war die in Davos beheimatete Firma Geotest mit dem Gutachten betraut worden. Man habe, so Kretz, die Pöllatschlucht in verschiedene Sektoren unterteilt und war dabei auf ein „Sonderrisiko“, so Kretz, gestoßen: einen etwa 300 Kubikmeter und gut 1000 Tonnen schweren Kalksteinüberhang im oberen Bereich.

Der Wildbach Pöllat hat unterhalb von Schloss Neuschwanstein eine romantische Schlucht geschaffen, die Wanderern und Gästen vor allem durch den schmalen Wanderweg bekannt sein dürfte, der von der Gipsmühle hinauf zum Schloss führt und dann auf der Marienbrücke den Wasserfall überquert. Wie exponiert der Wanderweg für so genannte Georisiken ist, sieht der aufmerksame Beobachter entlang des Pfades, wo teils mannsgroße Steinblöcke liegen, die immer wieder von den Hängen abgerutscht waren.

So musste der Weg eingangs der Schlucht in den vergangenen Jahren mehrfach teilerneuert werden, nachdem Rutschungen Teile weggerissen hatten. 2014 dann kam es zu einem Felssturz im oberen Bereich der Schlucht. Dabei war ein Fangnetz, das lose Steine und Geröll auffangen sollte, beschädigt worden.

Bei den Instandsetzungsarbeiten entdeckten Mitarbeiter der Fachfirma weitere Probleme, so dass ein geologisches Gutachten angefordert wurde (der Kreisbote berichtete mehrfach). Der Felsüberhang stelle ein enormes Risiko für die Wanderer dar, so der verantwortliche Geologe. Auf Fotos und im Gelände erkennt man die gegen den Hang nach Südosten einfallenden Schichten der triassischen – also mehr als 200 Millionen Jahre alten – Gesteine.

Diese Gesteine, so Kretz, werden in diesem Bereich von zwei Klüften, wie man sie im gesamten Schluchtbereich wiederfinde – die große Wand nahe der Gipsmühle ist eine solche Kluftfläche – begrenzt. Der daraus resultierende Kluftkörper sei instabil und könnte jederzeit, etwa nach starken Niederschlägen, abrutschen. „Wir haben daraufhin Varianten geprüft, aktive wie passive Sicherungsmaßnahmen“.

Eine passive Sicherung mittels Fangnetz sei angesichts der Größe des Kluftkörpers nicht in Frage gekommen, resümierte Kretz das Gutachten. „Die Kubatur hat nur eine aktive Sicherung – die Abtragung – zugelassen“. Insbesondere, nachdem der Wanderweg direkt unterhalb des Felsüberhangs vom Wasserfall zum Schloss führt, sei hier das Schadenspotenzial erheblich gewesen, so dass eine einfache Felssicherung nicht ausgereicht hätte. Deshalb wurde nun gesprengt.

 Maximaler Schutz

Die Pöllatschlucht gehört nach Angaben von Bürgermeister Stefan Rinke dem Freistaat Bayern. Dass die Gemeinde Schwangau nun die Arbeiten, deren Kosten Rinke auf etwa 300.000 Euro bezifferte, vornehmen lässt, ist der Verkehrssicherungspflicht geschuldet. „Die Gemeinde betreibt den Wanderweg“, so Rinke, weshalb sie dafür auch verantwortlich sei. Seitens der Schlösser- und Seenverwaltung begrüße man aber die Arbeiten.

 In einem Statement heißt es, man danke den Beteiligten für die gute Zusammenarbeit. Insbesondere ist die Verwaltung in die Vorbereitungen eingebunden, um einen maximalen Schutz der Besucher zu gewährleisten. Denn für die Sprengungen müssen Teile der Wanderwege rund um Neuschwanstein sowie die Marienbrücke gesperrt werden.

Arbeiten in der Pöllatschlucht

Man habe dafür die Machbarkeit eruieren müssen, so Eduard Reisch, Chef der Sprengfirma Reisch. Aufgrund des Geländes sei nur die Variante in Frage gekommen, den Überhang peu-a-peu zu sprengen. Dafür kommt ein spezieller Sprengstoff zum Einsatz, mit dem immer wieder nur Teile der Flanke weggesprengt werden.

Anschließend muss der Gesteinsschutt, teilweise von Hand und mitunter auch am Seil hängend, weggeräumt werden. „Es gibt keine großen Blöcke“, beruhigte Reisch. Dennoch müsse man auf maximale Sicherheit achten, faustgroße Steine wurden bis in 200 Meter Entfernung – das entspricht der Entfernung zum Pallas des Schlosses – gefunden.

Deshalb werde der gesamte Bereich, auch Schloss Neuschwanstein und die Marienbrücke, mit Sicherungsposten abgesperrt. Doch nicht nur der Schutz vor umherfliegenden Steinbrocken wird berücksichtigt. Man überwache auch die durch die Explosionen ausgelösten Erschütterungen am denkmalgeschützten Schloss. Hier seien aber noch nicht einmal die Grenzwerte erreicht worden, so Reisch.

Geheime Sprengung

Auch bei den Arbeiten im Schuttbereich werde permanent auf Sicherheit geachtet, insbesondere der Mitarbeiter der Firma Königl, die für die Felssicherung und das Wegräumen des Materials verantwortlich sind. „Wir haben eine absolut ausreichende Sicherheit“, so der Experte, der deshalb auch nicht verlauten ließ, wann gesprengt wird, um nicht Schaulustige auf den Plan zu rufen. Sofern das Wetter stabil bleibe, sollen die Sprengarbeiten noch heuer zu Ende gebracht werden. Vorgesehen sind um die acht Sprengungen.

Sperrung bleibt

Dennoch wird die Schlucht über den Winter gesperrt bleiben. Denn zunächst muss das lose Material der Sprengungen zur Seite geräumt werden.

Dann, so erklärten der Geologe und Rinke übereinstimmend, müsste der Weg und die Stege im unteren Bereich auf Beschädigungen untersucht und wieder Instand gesetzt werden. Insbesondere waren Geländer und einzelne Stegbereiche durch Steinschlag beschädigt worden.

Nach einem nochmaligen Begang, der Grundlage für ein rechtsverbindliches Gutachten der Kanzlei Tacke Krafft in München ist, könne die Schlucht wieder freigegeben werden. Wann dies der Fall sein könnte, wollte Rinke aber noch nicht sagen. Es könnte im kommenden Spätsommer oder Herbst soweit sein, sollten keine unvorhergesehenen Komplikationen auftauchen.

Bis dahin werde es ein Konzept für eine lückenlose Überwachung der Schlucht und Räumarbeiten sowie ein Risikomanagement geben, so Kretz. „Im Gebirge gibt es aber immer ein Risiko, das ist alpines Gelände“, so der Geologe. Vor allem, nachdem sich in der Schlucht dynamische Prozesse abspielten. So gibt es hier Schneeeintrag und auch Hochwasser verändere die Situation immer wieder. Man sei aber darauf bedacht, eine nachhaltige Lösung der Situation herbeizuführen.

Oliver Sommer

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