Vertrauensperson für 4200 Kameraden

Oberstabsgefreiter Carsten Börst von den Füssener Gebirgsaufklärern erzählt von seiner Arbeit im Gesamtvertrauenspersonen-Ausschuss der Bundeswehr. Foto: Schuster

Füssen – Sich mit einem Brigadegeneral auf Augenhöhe zu unterhalten wäre für die meisten Soldaten undenkbar. Nicht so für Carsten Börst. Der Oberstabsgefreite aus der Allgäu-Kaserne steht dem Dienstgrad nach zwar unterhalb der Unteroffiziere, hat aber einen besonderen „Job“ bei der Bundeswehr. 

Er vertritt im Gesamtvertrauenspersonen-Ausschuss (GVPA) beim Bundesministerium der Verteidigung die Interessen der Soldaten. Der Zeitsoldat hat noch einige Jahre in Uniform vor sich. „Ich würde weitermachen open end,“ sagt Börst. Doch auch für die Zeit danach hat er schon eine ungewöhnliche Idee.

2006 entschloss sich der gelernte Blumen- und Zierpflanzengärtner Carsten Börst wieder zur Bundeswehr zu gehen. Vier Jahre zuvor hatte der gebürtige Kaiserslauterer in Füssen seinen Wehrdienst von neun Monaten abgeleistet. Zwischenzeitlich hatte er wieder in seinem alten Beruf gearbeitet und sich zeitweise als Handelsvertreter selbständig gemacht. Bei der Bundeswehr winkte nach der Dienstzeit eine Perspektive durch den Berufsförderungsdienst, der ausscheidenden Soldaten Starthilfe für die zukünftige Karriere bietet. 

In Füssen wurde er zunächst Funker, später Stabsdienstsoldat beim Gebirgsaufklärungsbataillon 230. Nachdem er Anfang 2009 aus einem Afghanistan-Einsatz zurück kam, begann seine „Karriere“ als Vertrauensperson. Damals wählten seine Kameraden ihn zur Vertrauensperson Mannschaften in seiner Kompanie. Das war ursprünglich nicht seine eigene Idee, „man hat mich angesprochen“, erzählt er, „wahrscheinlich auch, weil ich einer der lebensältesten unter den Mannschaftsdienstgraden war“, meint der heute 34-Jährige. 

Bei der Bundeswehr gibt es Dienstgradgruppen. Ganz unten stehen die Mannschaften, also die einfachen Soldaten und die Gefreiten. Darüber kommen die Unteroffiziere, darüber wiederum die Feldwebel-Dienstgrade, dann die Offiziere, und schließlich die Generäle. Als Vertrauensperson wurde Börst Ansprechpartner für die Kameraden unterhalb der Unteroffiziersränge. Bei den Problemen, mit denen sie zu ihm kommen, vermischen sich oft Dienstliches und Privates. Zum Beispiel wenn ein Soldat wegen eines Todesfalls in der Familie einen Tag Sonderurlaub braucht.

Schweigepflicht wie ein Arzt

Die Vertrauensperson unterliegt einer Schweigepflicht, gleich der eines Arztes. Gleichzeitig hat sie aber auch eine Meldepflicht, wenn sie von Straftaten erfährt. „Hier kann ich aber durchaus abwägen“, sagt Börst. Denn auch Kameraden, die sich Ärger eingehandelt haben, kommen oft zur Vertrauensperson, die nicht nur innerhalb der Truppe hilft. „Ich spreche auch mit den Eltern“, erzählt er, „das Gespräch ist ja die wichtigste Erfindung überhaupt“, lacht Carsten Börst. 

Im Jahr 2012 wurde Börst dann zum Vertrauensmann Mannschaften für die gesamte 10. Panzerdivision, der rund 4200 Mannschafts-Soldaten angehören, gewählt und damit auch Mitglied im GVPA. Jetzt verbringt er im Schnitt eine Woche pro Monat in Bonn oder Berlin, wo das Gremium tagt. Dem Ausschuss gehören 35 Personen aller Dienstgradgruppen an. Ohne Zustimmung des Ausschusses kann das Verteidigungsministerium den Soldaten beispielsweise keinen Urlaubstag streichen. Bei anderen Themen hat das Gremium Vorschlagsrechte oder muss angehört werden. In politische Entscheidungen ist es jedoch nicht eingebunden. So auch nicht, als – vor Börsts Wahl – die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Das Bundesministerium sei für ihn oft ein „Bundesmysterium“, gibt er zu.

"In dem Gremium sind wir alle per du"

Die Dienstgrad-Hierarchien finden innerhalb des Ausschusses keine Anwendung, „in dem Gremium sind wir alle per du“, berichtet Börst. Zwar habe es schon erst Hemmnisse gegeben, die er abbauen musste, diese Art der Mitbestimmung macht nach seiner Ansicht jedoch Sinn. Der Soldat sei schließlich Staatsbürger in Uniform, der für Freiheit und Demokratie kämpft. „Diese Werte soll der Soldat auch im Dienstalltag erleben“, sagt er. Ob er sich als Vorbild sieht? „Mancher Kamerad kann vielleicht schneller laufen oder besser schießen als ich, aber was die Werte angeht bin ich Vorbild“. Waren früher die meisten Mannschaften Wehrdienstleistende, hat deren Bild seit Aussetzung der Wehrpflicht geändert und zwar nach Ansicht von Börst zum Guten, sie werde mehr wahrgenommen. Als Erfolg des GVPA verbucht er zum Beispiel, dass 1000 neue Planstellen für Mannschaften im deutschen Heer geschaffen wurden.

Börst lebt mit seiner Lebensgefährtin und seinen zwei Kindern im Umkreis von Füssen. „Wir wurden hier sehr gut aufgenommen“, freut er sich. Auch der Soldatenberuf sei hier akzeptiert, seine Vermieter hätten ihm und seiner Familie sogar Unterstützung angeboten, sollte er einmal in den Auslandseinsatz gehen müssen. Tatsächlich tat er vier Monate lang seinen Dienst in Mazar-e-Sharif in Afghanistan. Eine Erfahrung, die er für einen Bundeswehrsoldaten „grundsätzlich für wichtig“ hält. Von seinem regulären Dienst im Stab des Gebirgsaufklärungsbataillons 230 ist er heute quasi freigestellt, ein mehrmonatiger Afghanistaneinsatz kommt während seiner Zeit als GVPA-Mitglied auch nicht in Frage. 

Börst, der auch Einsatznachbereitungsseminare moderiert, weiß um die Spuren, die ein Auslandseinsatz hinterlässt. Auch wenn die Frauen und Männer aus dem Einsatz äußerlich gesund zurückkehren und man von einem ruhigen Einsatzzeitraum spricht, so sind auch diese Zeiten verbunden mit Eindrücken und Erfahrungen die noch lange im Geiste nachwirken und verarbeitet werden wollen, so Börst weiter. Über die Zeit nach der Bundeswehr hat sich der Oberstabsgefreite bereits Gedanken gemacht. So hat er ein Praktikum bei einem Bestattungsunternehmen absolviert. „Nicht weil das mein Traumberuf ist, sondern einfach, weil ich das leisten kann“, sagt Börst. Um in dieser Branche Fuß zu fassen brauche man nämlich einen guten Leumund. Und den hat er sich erworben, da ist er sich sicher. ps

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