Ostallgäuer Wirtschaftsbeirat kritisiert touristische Rabattkarten scharf

"Der Erfolg ist nicht gegeben"

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Personaltrainer Dieter Lang rät seinen Zuhörern, einmal die „Ego“-Brille abzunehmen.

Schwangau – Rabattkarten wie die Königscard oder die Allgäu-Walser-Card im Oberallgäu sind für viele Touristiker und Politiker eine Art Allheilmittel. Doch die öffentliche Hand kosten diese Rabattaktionen oft viel Geld, legte Wirtschaftsbeirat Hans Ketterl bei einem Treffen des Wirtschaftsbeirates zum Thema „Tourismus“ dar.

Im vergangenen Jahr war es die Firma Bihler in Halblech und das Thema Industrie 4.0. Heuer wandten sich die Mitglieder bayerischen Wirtschaftsbeirates dem Thema Tourismus zu und waren diesmal zu Gast im Wellnesshotel „König Ludwig“. Als Gastredner hatte der Beirat den Personaltrainer Dieter Lange gewonnen, der das Thema Tourismus beleuchtete und den einen oder anderen Denkanstoß lieferte.

Der Wirtschaftsbeirat Bayern ist eine 1948 gegründete Unternehmervereinigung. Gut 1800, vor allem mittelständische, Unternehmer, Freiberufler, Führungskräfte und Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen und ganz Bayern zählen zu den Mitgliedern. Auf Einladung der Ostallgäuer Wirtschaftsbeiräte Winfried Nusser und Hans Ketterl sowie Renate Böck trafen sich nun 90 Vertreter aus Politik und Tourismus sowie der Wirtschaft zum Regionalen Wirtschaftstag, bei dem sich jeweils ein Mitglied, Unternehmen oder Betrieb, vorstellt.

Außer einem Vortrag gab es darüber hinaus die Möglichkeit zum Meinungsaustausch. Neben den beiden Landtagsabgeordneten Angelika Schorer und Klaus Holetschek (beide CSU) konnte Ketterl zahlreiche Ost- und Oberallgäuer Bürgermeister begrüßen.

Kritik an Rabattkarten

Ehe der Wirtschaftsbeirat an die Gastgeber, den Schwangauer Bürgermeister Stefan Rinke und Florian Lingenfelder als Inhaber des Wellnesshotels übergab, konnte er sich einen Seitenhieb auf den „Rabatttourismus“, so Ketterl, nicht verkneifen. Der Tourismus sei einer der Schwerpunkte in der Region, er beschäftige Handel, Handwerk und Unternehmer, weshalb man darauf ein besonderes Augenmerk legen sollte. Der Fremdenverkehr führe, so Ketterl weiter, zu einer Freizeitinfrastruktur, die auch den Einheimischen nütze, wodurch der Standort aufgewertet werde.

Demgegenüber könne man aber leider beobachten, so der Wirtschaftsprüfer und Steuerfachmann, dass die Billigschiene wieder vermehrt Einzug halte. „Diese indirekte Rabattierung des Tourismus muss unbedingt überdacht werden“, appellierte Ketterl. Diese Rabattierung komme mit unzähligen Kartenmodellen ins Haus, aber auch mit einem kostenlosen Nahverkehr – was die öffentliche Hand viel Geld koste. „Aber der Erfolg der Rabattierung ist in der Form nicht gegebene.“

Er glaube nicht, so der Wirtschaftsbeirat, dass ein Urlauber aus Hamburg nur deshalb hierher in den Urlaub komme, weil er hier umsonst mit dem Bus fahren oder eine Attraktion umsonst nutzen könne. Deshalb glaube er, „dass wir wieder mehr in Richtung wirtschaftlichen und ökonomisch sinnvollen Tourismus gehen müssen“.

Angst um Investitionen

 Die Leute vor Ort müssten Geld verdienen können, war sich Ketterl sicher. „Nur Gratisleistungen führen nicht dazu, dass hier Investitionen in die Zukunft getätigt werden können“.

Investitionen, die einfach wichtig seien, um diesen Wirtschaftszweig nach vorn zu bringen, lautete das Resümee mit Blick in die Runde, vor allem der Kommunalpolitiker und Touristiker, die als vehemente Verfechter der Rabattkarten gelten. An den Thesen Ketterls könnte durchaus etwas wahres dran sein, folgt man zumindest den Ideen Dieter Langes. Lange ist Trainer, Coach und Impulsgeber und wurde unter anderem von einem Nachrichtenmagazin unter die Top Ten der „Erfolgsmacher in Deutschland“ gewählt.

Mit der entsprechenden Vehemenz ging Lange in seinen Vortrag, den er rund um die Entschlussfreudigkeit, aber auch die Ziele im Leben eines jeden aufbaute. Alles sei permanent in Veränderung, so Langes These.

Deshalb müssten auch Führungskräfte ihre Kompetenz dem anpassen und verändern. Nur wer bereit sei, sich auf neues einzulassen, könne bestehen. „Wer die Schwachen schont, verletzt die Guten“. Es brauch die Variation, wobei er sich nicht gegen Traditionen wandte, sondern gegen tradiertes Verhalten, das die Menschen in – auch überkommenen – Strukturen gefangen halte.

Die Wahrnehmungskrise

 In seinem Vortrag zeigte Lange, dass vieles nur durch unsere Wahrnehmung beeinflusst werde. Die Krise im Tourismus, in der Wirtschaft, in der Welt, sei in erster Linie eine Wahrnehmungskrise. Eine Zitrone, die man durch eine blaue Brille betrachte, bleibe trotzdem gelb und werde nicht grün. Doch wir würden viele Vorgänge durch unsere „Ego“-Brille wahrnehmen. Und gemäß diesem Ego verknüpfe der Mensch mit vielen Dinge seine Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche ohne zu realisieren, dass das den Blick in die Welt verzerren würde.

Erst wenn er bereit sei, alles so zu akzeptieren, wie es ist, erlebe er Glück. Sprich: Wer die Situation in der Wirtschaft analysiert und sie akzeptiert, der kann daran wachsen und sie verändern. Wer Ja sage, so Lange, der argumentiere mit dem Herzen und sei damit schon der Sieger. Wer Nein sagt, argumentiere mit dem Kopf, mit dem Ego. Die Akzeptanz, das sei in etwa wie der Leerlauf. Wenn man rückwärts fahren will, müsse man zunächst in den Leerlauf um dann vorwärts zu kommen, so Lange in seinem Resümee.

Oliver Sommer

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