Saad Thamir Ensemble beim Festival vielsaitig

Gesamtkunstwerk aus Text und Musik

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 Saad Thamir (rechts) mit seinem Ensemble beim Auftritt im Kaisersaal.

Füssen – Der starke Beifall des Publikums am Donnerstagabend im Kaisersaal war hoch verdient: denn das Saad Thamir Ensemble hatte beim Festival „vielsaitig“ unter dem Titel „Erklärung einiger Dinge“ einen musikalisch-lyrischen Abend gestaltet, der über zwei Stunden eine Meisterleistung bot.

Das Programm begann mit Bert Brecht. Marei Seuthe rezitierte das Gedicht „Bitten der Kinder“. Es beginnt mit der Zeile „Die Häuser sollen nicht brennen.“ Nach diesem berührenden Einstieg war Marei Seuthe im Saad Thamir Ensemble als stimmgewaltige Sängerin und großartige Cellistin im Einsatz. Der Text „Wettrüsten“ der Autorin Bertha von Suttner (1843 – 1914) mündete hier in einem Chor. Die kraftvollen Stimmen signalisierten Protest und einen Hoffnungsschimmer, der in der beschwingten Zugabe zu einem kräftigen Strahl wurde. Die Botschaft: es bringe nichts, sich traurig und resigniert ob des schlimmen Zustands der Welt in die Ecke zu setzen. Ein neuer Lebensmut könnte tanzend gewonnen werden und auch bei Lektüre von Literatur wie Hölderlins „Lebensalter“, das neu ins Programm aufgenommen wurde und großen Anklang fand.

Klassik, Jazz und arabische Klänge

Aus Erfahrung weiß man: Gedichtvertonung ist oft mit dem Ergebnis verbunden, dass sie musikalisch enttäuscht. Die musikalisch umrahmte Autorenlesung – oder Rezitation durch Profi-Sprecher – hat deshalb auch weiterhin ihren gebührenden Platz in der Kulturszene. Auch hier kann es mit fortschreitender Zeit langweilig werden. Beim Projekt „Erklärung einiger Dinge“ ist dagegen mitzuerleben, wie Text und Musik sich zum Gesamtkunstwerk verbinden. Zu hören waren nicht, wie es angekündigt wurde, „Friedensgedichte“. Saad Thamirs Auswahl ließ naive Reimkunst außen vor. Dagegen holte er politische Lyrik, die von Autoren mit Weltrang verfasst wurde, ins Rampenlicht. Es ging dabei um hohe ästhetische Qualität.

Die hat auch die besondere Musik aus Saad Thamirs Feder. Bei seinen Auftritten unterstützen ihn stets Künstler, die er in Deutschland seit seiner Ankunft im Jahr 2000 traf.

Traditionelle Klänge

Kontrabassist Dietmar Fuhr war der optische Mittelpunkt auf der Bühne: mit jeder seiner eher spärlich eingesetzten Soloeinlagen zog dieser Vollblutmusiker und zeitlich längster Partner Saad Thamirs die Publikumsschar in seinen Bann. Rechts und links auf der Bühne saßen Saad Thamir und Pianist Dietmar Bonnen. Beide gestalteten– sozusagen von den Flügeln aus – die markanten, aber harmonisch eingebetteten Akzente im Programm. Saad Thamir gab den pulsierenden Rhythmus vor.

Darüber hinaus stimmte er arabische Lieder an. Damit gelang es ihm schon 2015 beim Festival „vielsaitig“ auf den traditionellen Klagegesang aus seiner Heimat aufmerksam zu machen An Violine und Viola trug Christoph König zum Hörgenuss bei. Sein Instrument wurde auch für recht seltsame Töne eingesetzt, für die ein klassisches Konzert keinen Raum hat.

Gefeiert vom Publikum wurde der 1972 im Irak geborene Saad Thamir als Komponist. Thamir ist der Schöpfer von Werken, denen das live spielende Quintett einen weiteren unverwechselbaren Stempel aufdrückt.

Intuitives Zusammentreten 

Zu hören – besser: mitzuerleben – war, wie Jazz, westliche Klassik und arabische Tradition so intelligent in Verbindung gebracht werden, dass hier kein einziges Stilmittel die anderen dominiert. Die große Kunst des Komponisten und der Instrumentalisten auf der Bühne im nahezu voll besetzten Kaisersaal bestand darin, „dass die Elemente ganz intuitiv zusammen auftreten“, wie es Saad Thamir mit eigenen Worten im Programmheft beschrieben hatte.

Am Samstag ging dann das diesjährige Festival mit dem Abschlusskonzert der Meisterkurse zu Ende. Doch: Nach dem Festival ist vor dem Festival: zum 15. Mal wird im Sommer 2017 zu „vielsaitig“ eingeladen. Der von Dr. Eckhard Derday aus Füssen geleitete Verein „vielsaitig“ hat sich übers 150. Mitglied gefreut und möchte auch wieder Flagge in Füssen zeigen, wenn das Motto nächsten Sommer „Staunen“ heißt.

Chris Friedrich

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