Das "Allgäuer Literaturfestival" gastiert mit der Lesung Matthias Nawrats in Füssen

Nawrat und sein Opa Jurek

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Unterhaltung unter Literaturexperten: Der Schriftsteller Matthias Nawrat (links) im Gespräch mit dem künstlerischen Leiter des Allgäuer Literaturfestivals, Thomas Kraft.   

Füssen – Die erste, nach Meinung des künstlerischen Leiters Thomas Kraft erwähnenswerte Leistung lieferte Matthias Nawrat schon vor seinem eigentlichen Auftritt.

Da der 1979 in Polen geborene Autor nämlich „neun Stunden mit der Bahn aus Berlin“ nach Füssen gereist war, um dort aus seinem dritten Buch „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ zu lesen, erntete Nawrat schon vor seiner Lesung einigen Beifall. Nawarats Auftritt vor etwa 70 Zuhörern in der Orangerie der Stadtbibliothek war Teil des erstmals in diesem Jahr stattfindenden „Allgäuer Literaturfestivals“. Etwa eine Stunde später erklang der Applaus noch lauter.

Zuvor hatte der seit vier Jahren in Berlin lebende, ehemalige Biologiestudent mehrere Passagen aus seinem knapp 400 Seiten dicken Roman vorgetragen und das Publikum damit in seine eigene Familiengeschichte eingeführt. Wenn auch zeitweise wenig Freude, so habe Nawrats Opa Jurek, um den sich das kürzlich im Rowohlt-Verlag erschienene Buch des jungen Schriftstellers hauptsächlich dreht, in seinem teilweise recht beschwerlichen Leben trotzdem immer wieder viel Humor gehabt, teilte Nawrat seinen Zuhörern mit.

Glückliche Kindheit

 Insbesondere auf den Erzählungen seiner Eltern sowie Großeltern basierend, gibt das Buch des 1989 nach Deutschland gekommenen Autors, das „kein historischer Roman“ sei, in mehreren Kapiteln dennoch einen Einblick in die Geschichte Polens seit den 20er-Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts. Demzufolge wird der Leser auch über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg informiert, als „unser Opa eine recht glückliche Kindheit und Jugend“ gehabt habe.

Dies änderte sich aber spätestens dann, als der gegen die Nazis Sabotierende im besetzten Warschau nachts zwei deutschen Soldaten in die Arme läuft und anschließend als Zwangsarbeiter in die „weltberühmte Ortschaft“ Auschwitz kommt, die Nawrat in seinem Buch mit dem polnischen Namen Oswiecim bezeichnet. Welche Tode Jurek auch in der Folgezeit sterben musste, beschreibt Nawrat dabei mit viel parodistischer Erzählkunst, die den Autor seinen eigenen Roman dennoch für „auch ein trauriges Buch“ halten lässt.

Schmunzelnde Zuhörer

 „Der größte Teil des Buches spielt im Nachkriegspolen“, stellte Nawrat klar, dass darin auch der Sozialismus quasi sein Fett abbekommt.

In dieser Zeit träumt Opa Jurek im zerstörten Opole (Oppeln) zum Beispiel vor den leeren Regalen seines Lebensmittelladens mit dem Namen „Paradies“ immer wieder von kulinarischen Köstlichkeiten. Währendessen eröffnet sein Schwiegersohn, Filius regimekritischer Eltern, das Bergsteigergeschäft „Yukon“, und er hat es auch nicht immer leicht, wie Nawrat beispielsweise in dem Kapitel „Der erschöpfte Beamte im grauen Quader“ den wiederholt schmunzelnden Besuchern vortrug. Hinterher musste der Autor schließlich auch noch fleißig Autogramme schreiben.

Alexander Berndt

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