Eine Wanderung durch den leeren Forggensee bietet interessante Einblicke in die Geschichte

"Wie ein Marsch durch die Wüste"

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Gespenstisch: Bei jedem Ablassen des Forggensees werden die Grundmauern des ehemaligen Weilers Forggen wieder sichtbar.

Schwangau – Bereits nach wenigen Metern wird klar – das hier wird kein einfacher Spaziergang. Schon kurz hinter dem Uferbereich hängt der Schlamm zentimeterdick an den Schuhsohlen, nur mühsam gelingt ein Schritt nach dem anderen auf dem weichen Boden.

Dazu kommt ein heftiger und kalter Regenschauer. Tegelberg und Säuling sind unter dicken grauen Regenwolken verschwunden. Magnus Peresson ficht das nicht an. Munter schreitet der Historiker auf dem grau-braunen Schlammboden voran, zeigt mit ausgestrecktem Arm mal hier hin und mal dorthin. 

Ihm folgen etwa 20 mit Regenschirmen und Regenmänteln bewaffnete Touristen und Einheimische in die weite Senke des abgelassenen Forggensees. 

Bereits seit Jahren führt Peresson, Architekt und Vorsitzender des Vereins „Alt Füssen“, in Zusammenarbeit mit der vhs Füssen und der Tourist Info Schwangau Einheimische und Gäste im Frühjahr durch den abgelassenen Forggensee. Die Touren erfreuen sich vor allem bei schönem Wetter großer Beliebtheit. 

Forggensee-Wanderung

Schließlich bietet der Seegrund neben einer etwas eigentümlichen Atmosphäre allerlei Einblicke in die bewegte Vergangenheit dieses Fleckchens Erde zwischen Füssen und Schwangau im Süden und Roßhaupten im Norden. Heute ist das Wetter allerdings schlecht. Dennoch haben sich etwa 20 Unentwegte auf dem Parkplatz des Campingplatzes Brunnen bei Schwangau eingefunden. 

Von dort aus führt Peresson die Gruppe einige Meter in den See hinein, dann hält er. „Nirgendwo ist der Kontrast so groß“, sagt er und zeigt Richtung Tegelberg und Säuling. 1200 Meter betrage der Höhenunterschied auf Schwangauer Grund, erklärt er und geht dann auf die Bodenbeschaffenheiten des Forggensees und seiner näheren Umgebung ein. 

Denn wo heute der Stausee liegt, gab er schon einmal einen See: Vor etwa 15.000 Jahren entstand hier nach der letzten Eiszeit und dem Schmelzen des Lech-Wertach-Vorlandgletschers der etwa 60 Quadratkilometer große Füssener See. Heute erinnern nur noch der Bannwald-, Hopfen-, Schwansee und Weißensee an die riesige Wasserfläche von einst.

 "Regelrechte Vertreibung" 

Peresson zufolge erkannte die Firma Siemens bereits Ende des 19. Jahrhunderts das daraus resultierende Potenzial der Fläche und plante bei Roßhaupten einen Stausee zur Gewinnung von Wasserkraft. Erster Weltkrieg und die anschließenden Wirtschaftskrisen verhinderten zunächst jedoch eine Umsetzung der Pläne. Mitte der 1930er Jahre griff die Bayerische Wasserkraftwerke AG (Bawag) die Idee erneut auf, diesmal torpedierte jedoch der Zweite Weltkrieg die Umsetzung. 

Erst nach dessen Ende und dem Beginn des Ost-West-Konflikts – die Thüringer Wasserwerke waren laut Peresson damals der Hauptstromlieferant für die heimische Region – bekam der Plan eines Stausees wieder neuen Schwung. Insgesamt drei Jahre dauerten die Arbeiten bis zur Fertigstellung Ende 1954. Auf die Schwangauer und Füssener Bürger hatte das technische Meisterstück jedoch gravierende Auswirkungen. 

Etwa 200 bis 300 Bewohner aus den Ortschaften Brunnen, Forggen, Dürracker und Füssen, so schätzt Peresson, mussten damals ihre Häuser verlassen. „Man kann von einer regelrechten Vertreibung der Leute reden“, sagt Peresson. Mitverantwortlich dafür seien auch Beamte und Verwaltungsmitarbeiter gewesen, die bereits unter den Nationalsozialisten führende Positionen eingenommen hätten. 

Wie auf dem Mond 

Peresson führt die Gruppe von einer kleinen bewachsenen Erhöhung vor Brunnen in Richtung Nord-Osten in das weite einsame Schlammfeld hinaus. Hier und da steht stilles grau-grünes Wasser in Vertiefungen. Der Marsch durch die leblose Ödnis wirkt surreal. Von den weit entfernten Ufern dringen Geräusche nur noch gedämpft in den Seegrund, Boden, Wasser und Himmel vermengen sich nach wenigen Metern in eine grau-braune Masse. 

Wegen des Wetters steht das Wasser jetzt bereits vier Meter höher als um diese Jahreszeit eigentlich üblich, erklärt Peresson. Deshalb könne heute nicht so weit gewandert werden wie sonst. Selbst die eigenen Schritte sind auf dem weichen Schlammboden kaum zu vernehmen. „Wie ein Marsch durch die Wüste“, sagt ein Teilnehmer. Nur hin und wieder sind Spuren von Pferden im Boden zu erkennen. 

Kurz vor einem der vielen Wasserlöcher macht die Gruppe Halt. Zahllose, zum Teil zertrümmerte, Steine ragen dort aus einer Kuppe. Außerdem hat irgendjemand einen etwa halben Meter hohen Turm aus Steinen dort errichtet. Wahrscheinlich Kinder. „Land art“, lacht Peresson und erklärt, was es mit dem Steinhaufen in der Bucht von Brunnen auf sich hat. Genau an dieser Stelle stand einst ein Stadel, dessen Fundament bei abgelassenem Wasser noch heute zu sehen ist. 

Die Steine dafür, berichtet Peresson, stammen aus dem Steinbruch Altersschrofen. Überhaupt Schwangau und seine Steinbrüche: Peresson nutzt die kurze Rast, um verschiedene Anekdoten über Schwangauer, Füssener und Venetianer und ihre geschäftlichen Verbindungen zu erzählen. Er berichtet von den Tücken des Sees bei steigendem Wasser und das bei Fön und anschließendem Unwetter die Wellen bei Roßhaupten schon mal bis zu eineinhalb Meter hoch werden können. 

Baden wie die Römer 

Von dem Fundament des Stadels wanderte die Gruppe bei immer stärker werdendem Regen ostwärts in Richtung der Überreste von Forggen. Hier erklärt der Füssener Architekt die Geschichte des Weilers, erzählt von längst vergangenen Ziegeleien und bischöflichen Mühlen und erläutert die Hintergründe alter Allgäuer Sagen. Mittlerweile ist zwar kaum noch jemand aus der Gruppe trocken geblieben, aber alle halten weiter aus. Letzte Station der Wanderung sind die im braunen Boden deutlich zu erkennenden Überreste eines römischen Gutshofes mit Baderanstalt.

 Einige Historiker glauben, das hier einmal eine römische Straße verlief. Schließlich lag am Tegelberg einmal eine Römersiedlung. Während des etwa zweistündigen Marschs über den mondlandschaftsähnlichen Seegrund wird so vor allem eines deutlich: Der See bietet heutzutage im Winter vor allem spannende historische Einblicke und im Sommer dient er als Naherholungsgebiet. Denn: „Strom“, so Peresson, „wird hier nur noch sporadisch erzeugt.“

Matthias Matz

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