Keine Beweise für Unterschlagung

Freispruch für ehemaligen Kastellan

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Im Prozess um "schwarze Kassen" auf Schloss Neuschwanstein wurde ein Angeklagter am Dienstag frei gesprochen.

Kaufbeuren/Füssen – Im Betrugsprozess gegen zwei ehemalige leitende Beamte auf Schloss Neuschwanstein hat das Amtsgericht Kaufbeuren am zweiten Verhandlungstag den ehemaligen Kastellan Markus R. am Dienstag frei gesprochen. 

Dem 42-Jährigen war vorgeworfen worden, insgesamt 198 Euro aus Einnahmen für Sonderführungen gestohlen zu haben. Das Gericht sah jedoch „deutliche Zweifel“ an der Schuld des Mannes.

Die am ersten Prozesstag vom Hauptverfahren abgetrennte Verhandlung gegen den ehemaligen Kastellan Markus R., 42, ist ein Teil des großen Betrugsprozesses vor dem Amtsgericht Kaufbeuren um nicht ordnungsgemäß abgerechnete Sonderführungen und anderer Ungereimtheiten auf dem Märchenschloss. Und sie ist bezeichnend für das kuriose Chaos, das jahrelang auf dem Schloss herrschte.

So soll R. laut Anklage der Staatsanwaltschaft Kempten im Sommer 2012 aus zwei Briefumschlägen, in denen die Touristinfo Schwangau das Geld für von der Gemeinde angebotenen Sonderführungen aufbewahrte, insgesamt 198 Euro genommen haben. Dann, so der Vorwurf, soll er die Umschläge ausgetauscht, umettikettiert und schließlich in den Tresor des Schlosses gelegt haben.

Bereits am ersten Verhandlungstag hatte R. über seinen Anwalt die Vorwürfe abgestritten. Er gab zwar an, die Umschläge mit dem Geld wie üblich bei der Touristinfo in Schwangau abgeholt und in den Tresor des Schlosses gelegt zu haben. Da Teilnehmer der Führung doch nicht mitgehen konnten und deshalb ihr Geld zurück wollten, hab er jeweils 36 Euro aus den Umschlägen genommen, den Rest in neue Kuverts getan, diese neu beschriftet und wieder in den Tresor gelegt. „Man Mandant hat sich kein Geld angeeignet“, betonte sein Anwalt.

Dieser Auffassung folgte am Dienstag auch Staatsanwalt Claus Amann, der am späten Nachmittag einen Freispruch für R. forderte. Das Verfahren habe keine Beweise dafür erbracht, dass R. das Geld tatsächlich unterschlagen habe, so Ammann.

Tatsächlich wurde im Laufe der Verhandlung deutlich, dass viele Menschen das Geld hätten stehlen können – insofern es überhaupt gestohlen wurde. Denn effektive Kontrollen, ob die Anzahl der verkauften Tickets mit den eingenommenen Summen auch übereinstimmten, gab es offensichtlich keine., ebenso wenig wie Quittungen. Die Führer bedienten sich zum Teil wohl ebenfalls aus den Umschlägen. Bestanden hat das System schon über Jahrzehnte. So sei die Übergabe der Gelder bereits in den 1970er so gehandhabt worden, gab ein Mitarbeiter der Schwangauer Touristinfo zu Protokoll.

Darüber hinaus hatten sowohl in der Touristinfo als auch im Schloss jede Menge Leute die Gelegenheit gehabt, sich an den Kuverts zu bedienen, wie die Aussagen von R., der Zahlstellenverwalterin auf dem Schloss und eines Mitarbeiters der Touristinfo Schwangau nahelegen. Vor allem auf Schloss Neuschwanstein hatten im Sommer 2012 an die 30 Personen Zugang zum Tresor mit dem Geld. „Manipulationen waren jederzeit möglich“, betonte R.s Anwalt. Im Sommer 2012, Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, sei auch eine ganze Einnahmekasse aus dem Schloss gestohlen worden. „Der Tresorraum war ein Bedienungsladen für irgendjemanden“, sagte der Jurist am Dienstag.

Dieser Auffassung folgte auch das Gericht, das R. freisprach. „Der Tresorraum ist eine blackbox“, sagte der Richter. „Es konnte jeder jederzeit in den Tresorraum.“ Angesichts der Tatsachen, dass es auf dem Schloss und in der Touristinfo „kein wirksames Controlling an keiner Stelle“ und nur eine „oberflächliche oder gar keine Dokumentation“ gegeben habe, bestünden „deutliche Zweifel an der Schuld“ des ehemaligen Kastallans. Die Medienberichterstattung und den daraus entstandenen Schaden für R. nannte der Richter „bedauerlich“.

Der Prozess gegen den ehemaligen Schlossverwalter Rudolf R., 66, wird am 31. Juli vor dem Amtsgericht Kaufbeuren fortgesetzt.

Matthias Matz

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