Über 800 Einsatzkräfte üben gemeinsam im Grenztunnel und auf dem Forggensee

"Für alle viel zu gefährlich"

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Mit dem Hubschrauber muss ein Teil der rund 80 Passagiere von der „brennenden“ MS Allgäu auf dem Forggensee evakuiert werden.

Füssen/Reutte – „Nächste Besprechung: 16 Uhr und wieder hier!“ Harald Flitter vom Bayerischen Roten Kreuz läuft die Anhöhe am Grenztunnel hinunter. Thomas Roth, der Kommandant der Feuerwehr Füssen, und Christopher Pult vom Technischen Hilfswerk (THW), kennen ihre Aufgaben.

Beide haben viel Erfahrung, was Einsätze bei Unfällen betrifft. Doch das, was sich vor einer guten Stunde im Grenztunnel abgespielt haben muss, stellt von Minute zu Minute auch für sie – im engen Kontakt mit der Polizei und weiteren Einsatzkräften – eine Herausforderung ohnegleichen dar.

 Was erwartete die Zuschauer, die am Samstagnachmittag geduldig hinter der Absperrung standen und auf den leicht erhöhten Plätzen die Einfahrt in den Tunnel gut im Blick hatten? Nur ein großes Spektakel, das ihrer Sensationslust dienen würde? 

Die Katastrophenschutzübung begann mit einer eindrucksvollen Demonstration, wie enorm wichtig bei Unfällen der kompetente Umgang mit Technik ist. „Das geht aber schnell“, staunten Daniel und Nils vom Füssener Feuerwehrnachwuchs, als der erste Wagen eintraf. Weil sich nach dem Alarm außer dem immer stärker werdenden Tatütata noch nicht viel tun konnte, hatten die beiden Zwölfjährigen beobachtet, wie ein eher kleines Zelt dank Pressluft blitzschnell Gestalt annahm. „30 Sekunden, Routine!“, meint Christian Martin aus der Gruppe der Feuerwehrleute unter diesem Dach. 

Acht Trupps zu je zwei Mann bekommen hier ihre gefährlichen Aufträge zugeteilt. „Von diesem Zelt geht der Einsatz der Feuerwehrmänner mit den Atemschutzmasken aus!“, erklärt Daniel. Er weiß schon Bescheid. Mehrere Rettungsfahrzeuge treffen nacheinander ein. Die Rettungskette kommt ins Laufen. Schon wird das nächste Unfallopfer aus dem Tunnel begleitet. Die junge, dunkelhaarige Frau blutet sehr stark im Gesicht. 

Wer sich als medizinischer Laie fragte, warum die geborgenen Personen hier nicht sofort von den Ärzten versorgt wurden, war bei Dr. Bernd Sigfrid aus Marktoberdorf an der richtigen Adresse: „Es wäre für alle viel zu gefährlich. Daher wurde in sicherer Entfernung, wo der Rauch nicht hinkommt, eine medizinische Station eingerichtet. Dabei wird darauf geachtet, dass der Hubschrauber landen kann, der schwer verletzte Personen in die Spezialkliniken weiter transportiert.“

 Schock-Wirkung 

Der 17-jährige John vom Jugendrotkreuz aus Garmisch gehört mit zu den Verletztendarstellern. Alle machen ihre Sache gut. Als John am Tunnel einen wilden Anfall simuliert oder am Forggenseeufer Mädchen schreiend aus Rettungsbooten steigen, hat das auf einige Zuschauer durchaus schockierende Wirkung. Eine komische Szene im Rahmen der Übung bleibt allerdings nicht aus: Auf die Hilferufe der MS-Allgäu-Passagiere an Deck reagiert eine auf dem Schwesterschiff vorbei fahrende Hochzeitgesellschaft mit fröhlichem Winken. 

„Im Ernstfall setzen wir dieses Schiff rettend ein“, so Edgar Gailhofer Technikscher Leiter der Wasserwacht Ostallgäu, die Einzelbergung aus dem Wasser. Die MS hat keine Beiboote. Die Rettungsaktionen erfolgen deshalb allein vom Ufer aus „Wir sind schnell die 400 Meter draußen und nehmen so viele Personen auf, wie ins Boot passen“, erklärt Fred Baumgartner von der Füssener Wasserwacht, während am Ufer ein Unglückspassagier mit wärmenden Decken in Empfang genommen wird. Ein Hubschraubereinsatz machte diese Rettung möglich. Auch Taucher helfen mit. 

Schlagkräftige Truppe 

Allmählich hat sich das Sanitätslager auf der Wiese am Forggenseeufer gefüllt. Denn auf dem Passagierschiff für über 200 Personen waren immerhin 80 Leute an Bord. „Die Übung hat gezeigt, dass wir auf beiden Seiten des Grenztunnels schlagkräftige und bestens ausgebildete Einsatzkräfte haben. 

Die Zusammenarbeit hat hervorragend geklappt“, so Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU). Weil aber immer etwas besser gemacht werden kann – so die Einsatzleitung – „wird die Übung einen Nachhall haben“, sagt Ralf Kinkel aus dem Landratsamts-Leitungsteam. 

Abschließend noch ein Blick auf die Bilanz der Vorfälle im Rahmen der gemeinsamen Übung: Am Grenztunnel gab es auf deutscher Seite 28 Verletzte und einen Toten und auf österreichischer Seite 31 Verletzte und 15 Tote. Am Forggensee waren laut Einsatzleitung 27 verletzte Personen zu verzeichnen. „Die ursprünglich vermissten drei Personen konnten im weiteren Verlauf aufgefunden werden“, freut sich Edgar Gailhofer, Technischer Leiter der Wasserwacht Ostallgäu. 

Mit Blick auf beide Szenarien ist der in der Verantwortung stehende Kinkel vom Landratsamt zufrieden: Diese „Generalprobe für den Ernstfall“ habe „sehr gut funktioniert“.

Chris Friedrich

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