Welf Probst (Freien Wähler) spricht über teuere Wohnungen ein Familienhotel in Murnau

"Murnau soll Murnau bleiben"

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Welf Probst – Fraktionssprecher und Ortsvorsitzender der Freien Wähler in Murnau.

Murnau – Seit 2002 sitzt der Murnauer Welf Probst für die Gruppierung der Freien Wähler im Gemeinderat. Im Kreisboten-Interview unterhält sich Günter Bitala mit dem Geschäftsmann. Es geht um Murnau als teuren Wohnort, um Tourismus und ein Hallenbad; sowie um die aufgeheizte Atmosphäre im Gemeinderat.

Herr Probst, in Zusammenhang mit der Neuaufstellung des Flächennutzungsplanes fordern Sie: ‚Murnau soll Murnau‘ bleiben.

Probst: „Das bezieht sich auf die Ausweisung von Baugebieten. In der Öffentlichkeit hört man immer wieder von ‚Klein-Grünwald‘, wenn man Murnau als besonders teure Gemeinde abschätzig klassifiziert. Das ist nicht mein Verständnis: Murnau hat mit einem ‚Klein-Grünwald‘ überhaupt nichts zu tun. Wir haben ein gutes Verhältnis von Jung und Alt. Eine gute Mischung aus Wohlhabenden und Menschen, die nicht ganz so wohlhabend sind – wenn man das so sagen darf. Wir haben zudem eine starke Solidarität mit Bürgern, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Wir haben Zugezogene und Alteingesessene. Wir haben Traditionen, die nicht aufgesetzt, sondern über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind. Eine ‚Mia-san-Mia‘-Mentalität gibt es in Murnau nicht.“

Aber es stimmt, dass Wohnen in Murnau sehr teuer ist.

Probst: „Teure Wohnungen kommen aus mehreren Gründen zustande. Wir haben wenig verfügbaren Baugrund, das ist richtig. Genau so richtig ist, dass potentielle Interessenten jeden Preis für ein Haus oder eine Wohnung in Murnau bezahlen: Mitten im Grünen. Schnell in München. Hoher Freizeitwert. Das ist schön für wohlhabende Leute, die hierher ziehen wollen. Für uns Einheimische bringt der Trend eher Probleme. Dazu kommt, dass diejenigen, die Baugrund besitzen – wenn sie denn überhaupt verkaufen – einen möglichst hohen Preis erzielen wollen. Ein anderer Gesichtspunkt ist, dass Bauen in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent teurer geworden ist.“

Wenig Bauland = hohe Preise! Sie sprechen sich dagegen aus, Wiesen in größeren Mengen baureif auszuweisen.

Probst: „Nach 30 Jahren stellt der Gemeinderat gerade einen neuen Flächennutzungsplan auf. Da kann man natürlich sagen, wir hauen jetzt einfach Bauland raus. Damit lösen wir das Problem nicht. Wir müssten, um die Preise spürbar abzusenken, soviel Grund auf den Markt werfen, bis das Angebot die Nachfrage übersteigt. Das können wir wegen fehlender Masse nicht, Murnaus Gemeindegebiet ist begrenzt – und weil das genau die Situation wäre, die unseren Ort negativ verändert.“

Wie meinen Sie das?

Probst: „Trotz der 12.000 Einwohner hat Murnau einen ‚gemütlichen‘ Flair. Hat in vielen Teilen den dörflichen Charakter bewahrt, wie ihn beispielsweise zur vorvergangenen Jahrhundertwende die Maler des ‚Blauen Reiters‘ vorgefunden haben. Und weswegen die Menschen heute hierher ziehen wollen. Man muss nur die geschäftige Fußgängerzone verlassen und durch die hinterliegenden Straßen und Gassen schlendern. Es ist für unsere Generation wichtig, das zu erhalten.“

Wie das die Gemeinderäte in den 1980er-Jahren gemacht hatten, als sie im alten Flächennutzungsplan große Wiesen eben nicht zu Bauland machten – an der Kocheler Straße beispielsweise. Oder Privatleute, die in den 1990ern Teile des Südhangs oberhalb des Alpenhofs kauften, um den Blick über das Murnauer Moos und in die Berge nicht zu verbauen – da gaben zwar private Interessen den Ausschlag, aber die Allgemeinheit profitiert davon.

Probst: „...und die Gemeinde in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirchenverwaltung, als sie vor 20 Jahren den Kirchenanger oberhalb der Lederergasse kaufte, um ihn gegen Bebauung zu schützen – ein unbezahlbarer Blick rüber zum Münterhaus wäre verloren gegangen.“

Haben Sie Ideen? Wie kann die Gemeinde den angespannten, teuren Wohnungsmarkt entspannen?

Probst: „Eine einfache Lösung des Problems kann ich nicht anbieten. Den sensiblen Bereich im unmittelbaren Ortszentrum darf man baulich nicht weiter verdichten. Unser kulturelles Erbe mit Kirche und Schloss dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Vielleicht ist es möglich, mit Grundstücksbesitzern über Einheimischenmodelle zu reden. Oder noch einmal gefördertes Bauen in Baugruppen auf die Beine stellen; wie wir das im Kemmelpark gemacht hatten. Was gar nicht geht: Unkontrolliert Häuser auf den Markt werfen. Das zieht nur Leute von auswärts an, das bringt unsere jungen Einheimischen nicht weiter. Was ich zudem sehe: Wenn es um ‚billiges‘ Bauen geht, darf man den Norden Murnaus, wo die meisten Menschen wohnen, nicht weiter verdichten. Dort konzentriert sich bereits vieles: Bundesstraße mit Verkehrsproblemen, Gewerbegebiet, Schule. Wenn man weitere Flächen bebaut, muss man auch an die Erschließung denken – alles über das Längenfeld abzuwickeln, wird zu viel. Ich denke, der Gemeinderat hat im neuen Flächennutzungsplan mit Bedacht und Fingerspitzengefühl eine gute Entwicklung für Murnau gefunden.“

Stichwort: Gewerbeansiedlung.

Probst: „Das ist ein Thema, für das es ebenfalls keine einfachen Antworten gibt. Aus dem Speckgürtel Münchens wird keine Firma hierher umziehen. Gewerbeansiedlung ginge nur mit Neugründungen. Das Problem ist, dass es zu wenig geeigneten Gewerbegrund gibt. Im Kemmelpark haben wir uns zu enge Fesseln angelegt und alles verboten, was irgendwie nach ‚Verkaufen‘ aussieht. Ich denke wir müssen für den Kemmelpark umdenken. Eine Variante, junge Leute als Gründer für Murnau zu gewinnen, ist das Bittlinger-Projekt im ehemaligen Gemeindekrankenhaus. Man sollte es ausprobieren.“

Stichwort: Tourismus – Hotelansiedlung.

Probst:  „Wir brauchen in Murnau ein Familienhotel. Es muss kein Fünfsterne-Haus sein. Gut geführte drei oder vier Sterne sind vollkommen ausreichend. Allerdings auch hier: Es fehlt ein geeignetes Grundstück. Der Standort des geschlossenen ‚Hotel Ludwig‘ wäre immer noch der idealste. Im Tourismusbereich halte ich es als Kreisrat und als Gemeinderat eminent wichtig, dass Murnau wieder in die sogenannte ‚Zugspitzregion‘ eintritt, zu viele Informationen und Projekte gehen uns sonst verloren. Als zweitgrößter Ort im Landkreis müssen wir in dieser Solidargemeinschaft dabei sein, dort bewegt sich mittlerweile recht viel.“

Ein Thema, das wohl auf der Wunschliste von Gemeinderäten und vor allem von jüngeren Leuten steht, ist ein Schwimmbad.

Probst: „Für mich und für die Fraktion der ‚Freien Wähler‘ ist ein Schwimmbad völlig unrealistisch, und für Murnau finanziell auf Dauer nicht zu schultern. Es gibt eine Reihe von Freizeitbädern in der näheren Umgebung, die könnten wir tatkräftig unterstützen.“

Herr Probst, wenn man Ihnen zuhört: Es macht Ihnen immer noch Spaß, Gemeinderat in Murnau zu sein – trotz der negativen Schlagzeilen, die das Gremium produziert und über die sich die Menschen nicht nur in Murnau, sondern auch in den umliegenden Gemeinden wundern.

Probst: „Grundsätzlich macht es viel Spaß seinen eigenen Heimatort mitzugestalten! Wir haben in Murnau sieben Gruppierungen im Gemeinderat, mit vielen Querdenkern und Alphatieren. Diskussionen und auch Streitereien hat es immer gegeben, und wird es immer geben. Wirklich bedenklich ist die aufgeheizte Atmosphäre im Gremium. Das macht die Leute mürbe. Neue und altgediente Gemeinderäte überlegen, ob sie zur nächsten Wahl noch einmal antreten mögen.“

Was meinen Sie, woher kommt den diese schlechte Stimmung?

Probst: „Die Aufgabe des Bürgermeisters wäre es, Diskussionen zu moderieren. Er sollte aufgeheizten Situationen die Spitzen nehmen, auseinander strebende Standpunkte zusammenführen. Stattdessen werden Themen in den Gemeinderat getragen, die mit unserer Arbeit nichts zu tun haben. Einer Reihe von Gemeinderatskollegen geht das auf die Nerven. Dies alles dient nicht der Sache und führt zu Irritationen in der Bürgerschaft.“

Nehmen wir die aktuelle Aufregung um den ‚elitären‘ Bürgerbeirat. Was ist verwerflich daran, wenn sich der Bürgermeister mit Bürgern unterhält?

Probst:  „Das ist in Ordnung. Das gehört zu seinen Aufgaben.“

Aber?

Probst: „Dazu darf es kein Gremium neben dem Gemeinderat geben. Keine Geheimloge.“

Rolf Beuting hat dieses Bürgerbeirats-Projekt wieder fallen lassen.

Probst: „Das ist gut so. Die Einflussnahme, der Lobbyismus eines solchen – vom Wähler nicht autorisierten – Gremiums ist für das Amt und die Person eines Bürgermeisters exorbitant gefährlich. Problematisch wird es, wenn – wie bekannt geworden ist – dieser Kreis weiterhin tagen möchte, ohne den Bürgermeister einzubeziehen; und ihre – wie ein Sprecher der Gruppe verlauten ließ – im geheimen entwickelten Ideen über den Bürgermeister in die politischen Prozesse einfließen lassen möchte.“

Herr Probst, die kommenden vier Jahre bis zur nächsten Wahl werden spannend. Danke, dass Sie Zeit für das Gespräch hatten.

Probst:  „Gerne. Eines möchte ich abschließend betonen: Ich bin froh darüber, dass die Fortführung unserer Umgehungsstraße B2/B2neu in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde und in Fahrt kommt. Danke an Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und alle, die sich dafür eingesetzt haben. Für uns Murnauer ist es jetzt essentiell, dass wir uns mit den Nachbarn in Seehausen zusammensetzen, um die für beide Orte beste Trasse finden.“

Ein Interview von Günter Bitala

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