Das Schlossmuseum Murnau zeigt Gabriele Münter – Die Zeit nach Kandinsky

Gabriele Münter, fotografiert 1952 von Sigrid Bühring. Mit frdl. Genehmigung des Schlossmuseums Murnau (im Ausstellungskatalog)

Gabriele Münter führte sich mit 40 Lebensjahren immer noch auf, wie ein pubertierender Teenager, der von der ersten großen Liebe verlassen wurde. Klar, Wassily Kandinsky, mit dem sie in der Murnauer Villa als „g‘schlampertes Verhältnis“ zusammengelebt hatte, stahl sich 1916 ohne ein erklärendes Wort davon. Aber ist das ein Grund für eine erwachsene Frau, geschlagene acht Jahre später einen Brief mit „Münter-Kandinsky“ zu unterzeichnen, gerade so, als wäre sie mit dem Russen amtlich verheiratet gewesen? Sicher, Kandinsky freite in Moskau die junge, hübsche Nina. Aber es grenzt ein bisserl an Hysterie, dass die „Abgelegte” in Oberbayern Jahre danach so sehr ihrer Trübseligkeit nachhing, dass der Schriftsteller Hugo Ball nach einem Besuch bei ihr klagte: „Es war wie ein Sonntag auf dem Friedhof“. Sandra Uhrig und ihr Team zeigen in der neuen Sonderausstellung des Schlossmuseums Murnau das Spätwerk einer sperrigen Frau: Gabriele Münter – Die Zeit nach Kandinsky.

Die Wirren des Ersten Weltkrieges und die Jahre danach verbrachte Gabriele Münter in Skandinavien. Als das Geld knapp wurde, kehrte sie nach Deutschland zurück – Berlin, München, Murnau. Hier war alles anders. Die Malerfreunde des „Blauen Reiters“ sind entweder im Krieg gefallen oder wurden in aller Herren Länder verstreut. Zum Lebensunterhalt portraitierte sie die Gäste im „Erholungsheim für Gesunde“ auf Schloss Elmau bei Mittenwald. Zeichnen war ihre Stärke. Mit knappen Strichen hielt sie die Menschen fest. Das Malen fiel ihr dagegen schwer, konnte sie doch mit der „Neuen Sachlichkeit“ der beginnenden 1920er-Jahre nicht viel anfangen. Drei Jahre lang malte Gabriele Münter überhaupt nichts. Sie reiste unstet umher. Die Kunstwelt schien sie vergessen zu haben. Später könnte man meinen, dass Gabriele Münter nach jedem Strohhalm griff, sich und ihre Kunst der Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen. Im Katalog sind nämlich zwei Ausstellungen erwähnt, die eigentlich kaum nennenswert gewesen wären: Einmal im Murnauer Schreibwarengeschäft der Familie Wiegelmann (1922) und einmal im großen Saal des Murnauer Zacherlbräu (1922). In Murnau gab sie sich ihren Depressionen hin – das Haus an der Kottmüllerallee erinnerte sie an die Zeit mit Kandinsky. Sie wollte es verkaufen, aber niemand interessierte sich für das Domizil ohne Heizung und fließendem Wasser. An Silvester 1927 lernte Gabriele Münter in Berlin dann den Philosophen Dr. Johannes Eichner kennen. Es dauerte Jahre, bis Eichner die Lebensgeister in Gabriele Münter neu weckte und sie davon überzeugte, in Murnau wohnen zu bleiben. Wer war dieser Johannes Eichner – Lebensgefährte? Lebensbegleiter? Mentor? Förderer? Gabriele Münter nannte ihn „Opapa“, obwohl er viele Jahre jünger war als sie. Auch redeten sich die beiden stets mit einem distanzierenden „Sie“ an. Johannes Eichner kümmerte sich um die wirtschaftlichen Verhältnisse Münters. Um während der Zeit des Nationalsozialismus ihre Werke öffentlich ausstellen und verkaufen zu können, drängte er die Malerin mehr dem Zeitgeschmack angepasst zu arbeiten, kommerzieller, gefälliger, zweckdien- licher. Das kam den persönlichen Vorlieben Eichners ohnehin näher, denn mit der expressionistischen Kunstauffassung Münters aus der Zeit mit Wassily Kandinsky konnte der konservative Privatgelehrte ohnehin nichts anfangen. Gabriele Münter ging widerwillig darauf ein. Für die Ausstellung „Die Straßen des Adolf Hitler in der Kunst“ (1936) kombinierte sie die Bauarbeiten an der neuen Olympiastraße mit der Landschaft drumherum. Die so entstanden Ölgemälde „Bagger“ und „Blauer Bagger“ gehören nicht zu ihren besten Arbeiten. Nach dem Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“ (1937), in der Gabriele Münter die Werke ihrer früheren – und jetzt von Politik und Gesellschaft verfemten – Malerfreunde aus der Zeit des „Blauen Reiters“ wiederfand, fasste sie den Gedanken, selbst aus Deutschland fortzuziehen. Eine Idee, die sie wieder verwarf und sich in ihr Murnauer Häuschen zurückzog. Johannes Eichner hatte die Villa mittlerweile winterfest gemacht. Im Garten erntete sie selbst angebauten Mais und Zuckerrüben. Das Leben war karg und entbehrungsreich, aber sie blieb von den Nachstellungen der Machthaber verschont – obwohl am 2. Mai 1945 ihr Haus viermal durchsucht worden war.1947 kam Gabriele Münter wieder verstärkt an die Öffentlichkeit, mit ersten Ausstellungen im Murnauer Lesesaal und im Schreibwarenladen der Wiegelmanns in der Schlossbergstraße. Es folgte eine umfangreiche Wanderausstellung durch 22 Städte, die Teilnahme an der Biennale in Venedig, Ausstellungen in Berlin und München. Obwohl Gabriele Münter das neu erwachte Interesse an ihr und an der Zeit des „Blauen Reiters“ genoss, blieb die mittlerweile sehr betagte Künstlerin bescheiden. Die Schwestern Maria und Anneliese Müssig erinnern sich, wie sie ihrem Neffen Andreas Müssig erzählten, an eine sehr zurückhaltende und feinfühlige Frau: „Gabriele Münter liebte Blumen mit kräftigen Farben, den roten Mohn und die morbiden Zinien. Frau Münter hatte sich gerne Sommersträuße zum Malen mit nach Hause genommen. Aber niemals wäre sie auf die Idee gekommen, irgendetwas, was sie kaufte, mit Bildern zu bezahlen.“Zur Ausstellung im Schlossmuseum Murnau ist ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen von Sandra Uhrig und Christine Ickerott-Bilgic erschienen. Brigitte Salmen steuert darin einen Beitrag über die Begegnung Gabriele Münters mit Ödön von Horváth bei. Gemeindearchivarin Marion Hruschka berichtet über die Geschichte des Münter-Hauses an der Kottmüllerallee.

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