"Wir waren von Kopf bis Fuß dreckig" – Elisabeth und Felix Huber erzählen vom Torfstich im Murnauer Moos

So große Torfstich-Parzellen hat es nur wenige gegeben. Das Foto stammt wahrscheinlich von 1960. Foto: Schlossmuseum Murnau

„Als Kinder haben wir uns am meisten vor den Schlangen gefürchtet“, erzählt Felix Huber. „Im Murnauer Moos gab es früher viele Kreuzottern. Wenn wir mit den Eltern im Torfstich waren, mussten wir zehn, zwölf von den Tieren verscheuchen. Die Schlangen sind immer ganz schnell davongekrochen“, erinnert sich Huber, „nur einmal war ein Biest dabei. Die Otter war etwa eineinhalb Meter lang und sehr dick. Die ist nicht abgehauen. Sie hat angegriffen, sich aufgerichtet und gefaucht.“

Das Torfstechen im Murnauer Moos gehörte in den zwei Jahrzehnten nach dem Krieg für viele zum Alltag. Fast alle Familien der Marktgemeinde holten sich ihr Heizmaterial aus dem „Moor“. In den 1960ern ging diese Ära zu Ende. Torf war nicht minderwertig, wie man heute oft meint. Im Ofen hielt die Wärme eines Quaders für rund zwei Stunden an. Elisabeth Huber: „Wir Mädchen haben von den Müttern gelernt, wie man in der Küche damit umgeht. Der ‚schwarze Torf‘ hat schnelle Hitze ergeben. Den hat man verwendet, um Wasser zu sieden. Vom ‚braunen Torf‘ hat man eher mäßige, aber länger anhaltende Wärme gekriegt. Damit konnte man kochen und backen.“ Torf war das wichtigste Brennmaterial, sagt Felix Huber. Kaum jemand kam auf die Idee, teure Kohle zum Heizen aus den Bergwerken in Penzberg oder Peißenberg zu holen. Kohle haben nur die Schmiede gebraucht und die Bäcker. Im Schlossmuseum Murnau sind die Grundzüge des Torfstiches dokumentiert. In der Dauerausstellung ist zu lesen, dass es rund um Murnau v.a. drei ergiebige Vorkommen gab: Bei Riedhausen, im Murnauer Moos auf Kohlgruber Flur sowie bei Grafenaschau im „Langen Filz“. Alleine dort standen nach dem Zweiten Weltkrieg 50 Torfhütten. Die Grundstücke konnte man günstig auf fünf Jahre von der Gemeindeverwaltung pachten. Die Parzellen waren etwa 50 x 10 Meter groß. „Vor allem Flüchtlinge machten nach dem Krieg viel Torf. Sie haben das Material, das sie nicht selber gebraucht haben, verkauft“, weiß Huber. Der Torf musste den Sommer über trocknen Mit dem Stechen hat man nach der Schneeschmelze Anfang Mai begonnen. „Das hat man gemacht, wenn das Vieh im Stall versorgt war, oder nach der Heu- und Stroharbeit.“ Gestochen wurde den ganzen Mai über. Danach nicht mehr, denn die gewonnen Quader mussten monatelang in der Sonne trocknen. „Bevor man mit den Stechen anfangen konnte“, weiß Huber, „mussten die Männer Entwässerungsgräben anlegen. Das war überlebenswichtig, denn die Torflöcher waren meist um die zwei Meter tief, und von allen Seiten strömte Wasser ein. Ohne sorgfältige Entwässerung wäre man darin verloren gewesen.“ Zuerst wurde eine kleine Fläche von Birken und Sträuchern freigeräumt, danach wurden 60 bis 80 Zentimeter des Moosbodens weggeschaufelt. Mit diesem Abraummaterial wurden frühere Torflöcher wieder aufgefüllt. Als dritten Schritt haben die Männer die Quader ausgestochen. „Das war eine schwere Arbeit. Den mit Wasser vollgesogenen Torf musste man aus der Grube herauswerfen. Je tiefer das Loch war, umso höher musste man werfen. Das ging in die Arme“, sagt Huber. Jetzt begann auch für die Buben und Mädchen die Arbeit. Elisabeth Huber erzählt: „Wir Kinder mussten die Torfquader mit den Händen auffangen. Die durften nicht kaputt gehen. Vor allem der ‚schwarze Torf‘ ist leicht auseinander gebrochen.“ Das dunkle Moorwasser hat nach allen Seiten gespritzt. Nach kurzer Zeit waren die Kinder von Kopf bis Fuß dreckig. Zum Schutz mussten sie dicke wasserfeste Janker tragen, die an Kragen und Bündchen fest verschlossen waren. Das war bei Sommerhitze im schattenlosen Moor keine große Freude. Die Kinder luden die Torfquader auf hölzerne Schubkarren und zogen sie über den holprigen Boden zu Sammelstellen. Elisabeth Huber: „Zum Trocknen hat man den Torf um einen in den Boden gerammten Stecken herum gelegt. Das hat man ‚Stiefeln‘ genannt.“ Diese Stecken waren bis zu zwei Meter hoch. Für die kleinen Helfer war das sehr anstrengend. Während des Torfstechens war das Essen übrigens nicht gerade üppig. Es gab meist Milch, Eier und Salat. Den ganzen Sommer über gingen die Familien sonntags ins Moor, um die angetrockneten Torfquader zu wen- den. Trotz der schweren Arbeit sind sich Felix und Elisabeth Huber einig: „Es war eine schöne Zeit und die Gemeinschaft mit den anderen Familien im Torfstich hat gestimmt.“ Ab Mitte der 1950er schlief das Torfstechen ein. Zehn Jahre später war die Ära zu Ende. Die Krise in der Landwirtschaft ging an Murnau nicht vorbei. Die Männer mussten sich Arbeit außerhalb der Landwirtschaft suchen, hatten keine Zeit mehr zum Torfstechen. Zum Heizen wurde jetzt billiges Öl genutzt. „In vielen Häusern wurden Küchenherde und Kachelöfen durch Ölöfen ersetzt. Torf wurde dann nicht mehr gebraucht.“

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