Ärztin auf der Anklagebank

+

Kaufbeuren – Ärzte auf der Anklagebank – wenn Mediziner über Behandlungsmethoden und damit möglicherweise über Leben oder Tod eines Patienten entscheiden müssen, schlagen im Nachgang die emotionalen Wellen oft hoch. Vor dem Kaufbeurer Amtsgericht kam es am vergangenen Mittwoch zu einem solchen Fall.

Eine Tübinger Neurochirurgin musste zum Vorwurf der fahrlässigen Tötung eines Patienten Stellung nehmen, nachdem der 91-Jährige am Klinikum Kaufbeuren in Folge einer Hirnblutung verstorben war. Am Ende wurde das Verfahren eingestellt.

Eingereicht hatte die Klage vor dem Strafgericht der Schwiegersohn des 91-Jährigen. Der betagte und demente Senior, der zudem laut Aktenlage des Gerichts unter einigen, dem fortgeschrittenen Alter entsprechenden Vorerkrankungen litt, war zuvor in einem Seniorenheim untergebracht gewesen und dort 2013 gestürzt. Die Folge: Blutergüsse im Schädelbereich, wegen denen er schließlich ins Kaufbeurer Klinikum eingeliefert wurde.

Dort kam er jedoch nicht auf die Intensivstation, sondern auf eigenen beziehungsweise Angehörigenwunsch auf die dortige Station für Privatpatienten, wo er nach rund 24 Stunden verstarb. Die Schuld dafür gab der Schwiegersohn der Tübinger Neurochirurgin, tätig als sogenannte „Konsiliarärztin“. Konsiliarärzte sind niedergelassene Mediziner, die in speziellen Fällen von den behandelnden Ärzten vor Ort zu Rate gezogen werden. Sie hätte eine Operation des 91-Jährigen, die dessen Leben im Zweifelsfall verlängert hätte, nicht angeordnet. Als Zeugin vor Ort war eine Gutachterin des Instituts für Rechtsmedizin in München. Sie zog in Zweifel, ob alle Überwachungs- beziehungsweise Behandlungsmethoden in diesem Fall tatsächlich ausgeschöpft worden seien.

Eine Argumentation, der die Verteidigung nicht folgen wollte. Nicht zuletzt sei der Mann schließlich auf eigenen Wunsch nicht auf der Intensivstation des Krankenhauses, sondern auf der Privatstation mit regulärer medizinischer Betreuung untergebracht gewesen. Dort waren, wie in solchen Fällen üblich, mehrere Ärzte an der Behandlung des Seniors beteiligt – ein Umstand, der es nach Ansicht des Gerichtes nicht rechtfertigte, der Angeklagten die Schuld für den Tod des Patienten zu geben.

Vielfältige Fragen aufgeworfen

Die Fragen, die während des rund anderthalbstündigen Prozesses aufgeworfen wurden, waren vielfältig. Wie hoch wäre die Überlebenschance des Patienten gewesen, wäre doch operiert worden? War die ärztliche Versorgung auf der Privatstation des Krankenhauses ausreichend? Und wer trug am Ende die Gesamtverantwortung für den Behandlungsverlauf des Patienten? Fragen, die das Gericht ebenso wie die Gutachterin und der Anwalt der Angeklagten am Ende nicht abschließend beantworten beziehungsweise belegen konnten. Deshalb wurde das Verfahren gegen die Konsiliarärztin am Ende eingestellt.

Die emotionale Diskussion zwischen Gutachterin und Verteidigung warf jedoch Fragen zu den grundsätzlichen Organisationsstrukturen in Krankenhäusern und der Entscheidungsgewalt von Ärzten und Angehörigen auf. Das Klinikum Kaufbeuren hat angekündigt, in einer der kommenden Ausgaben des Kreisbote dazu Stellung zu nehmen.

von Michaela Frisch

Meistgelesene Artikel

Bürgermeister wartet auf Anruf

Buchloe – Noch wartet Bürgermeister Josef Schweinberger auf den Anruf für eine Terminvereinbarung mit dem Vorstand des Gewerbevereins. In der …
Bürgermeister wartet auf Anruf

Sauerei am Fieselstadion

Kaufbeuren – Der Fieselplatz in Neugablonz, Austragungsstätte unzähliger und hitziger Partien, rückt Jahr für Jahr nach Beendigung des offiziellen …
Sauerei am Fieselstadion

Dose für den Notfall

Marktoberdorf – Im Cafe „Greinwald“ stellte der Sozialverband VdK Kreisverband Kaufbeuren-Ostallgäu mit der sogenannten „SOS-Rettungsdose“ kürzlich …
Dose für den Notfall

Kommentare