Abschreckung: ein verrücktes System!

Im Rahmen der vom Kommandeur der Technischen Schule der Luftwaffe 1 (TSLw 1), Oberst Richard Drexl, initiierten Vortragsreihe „Kaufbeurer Dia- log“ referierte der ehemalige Bundesminister Professor Egon Bahr nach Abschluss des neuen START-Abrüstungsvertrages zwischen den USA und Russland über Chancen der atomaren Abrüstung im Offiziersheim der TSLw 1. Gebannt lauschten die Zuhörer den von geschliffener Rhetorik und mit persönlichen Eindrücken sowie geballter politischer Erfahrung gewürzten Schilderungen des 88‑jährigen Redners.

Oberst Drexl umriss anfangs nochmals den Grundgedanken der zweiten Veranstaltung dieser Art, nämlich dem Thema „Sicherheitspolitik“ über „offene Kasernentore“ eine Plattform und der Öffentlichkeit ein Forum für Kommunikation in Form aktiver Diskussion zu bieten. Er begrüßte Bahr als „Architekten der Ostverträge“, der mit „Wandel durch Annäherung“ und einer „Politik der kleinen Schritte“ unter den Bundeskanzlern Brandt und Schmidt die Entspannungspolitik mit geprägt habe. Bahr, der zum ersten Mal in Kaufbeuren weilte, begann mit einem Rückblick in die Zeit des „Kalten Krieges“ und spannte den Bogen von den Konzepten der „Massiven Vergeltung“ über die „Flexible Reaktion“ bis heute. Der „Kalte Krieg“ blieb nur kalt, weil er ein Gleichgewicht unter Erhaltung der Abschreckung gewesen sei. Und die Abschreckung habe funktioniert, obwohl man sie nicht proben konnte; denn dies hätte unweigerlich zur gegenseitigen Vernichtung geführt. Der Blick in den Abgrund sei schrecklich gewesen, so Bahr und machte dies an einem lokalen Beispiel deutlich: Zwischen der ehemaligen DDR-Grenze und Kaufbeuren hätten die damals in der DDR stationierten Kurzstreckenraketen zweieinhalb Minuten gebraucht. Nach einem Abschuss wäre da nichts mehr aufzuhalten gewesen. Zwischen Moskau und Washington hätte der Flug einer Interkontinentalrakete immerhin 35 Minuten gedauert, was noch Spielraum für eigene Reaktionen geboten hätte. Es habe lange Phasen gegeben, in denen er schlecht geschlafen und sich unsicher gefühlt habe, doch „jetzt fühle ich mich unter dem strategischen Schirm wieder sicher“, so der Ostexperte. Auf die Frage nach der jetzigen Strategie von US-Präsident Obama antwortete Bahr: „Es ist der gigantische Versuch amerikanischer Sicherheitspolitik auf Zusammenarbeit. Die USA sind als noch größte Militärmacht nicht mehr in der Lage, die Probleme der multipolaren Welt zu kontrollieren oder gar zu lösen. Obama hat das Zeug zum Jahrhundert-Talent wie Gorbatschow oder Kennedy und er weiß, dass die Kraft Amerikas nur noch zur Kooperation und nicht mehr zur Konfrontation reicht. Und der russische Präsident hat das auch erkannt. Alles, was sich um Atom dreht, ist nur zwischen den USA und Russland zu verhandeln.“ Nur beide gemeinsam könnten eine neue Politik gegenüber dem nahen und mittleren Osten sowie dem gesamten asiatischen Raum mit China und Indien an der Spitze als künftigen Brennpunkten entwickeln. Er bedauerte, dass Europa eine „Lachnummer“ sei und trotz aller inneren Stabilität in diesem Zusammenhang leider keine Rolle spiele, da es bis heute nicht mit einer Stimme spreche. Eine Vorentscheidung für die Umsetzung der Ziele Obamas falle mit den Kongresswahlen im November dieses Jahres. Eine Chance für eine atomwaffenfreie Welt in ferner Zukunft sieht Bahr schon. Zum einen hoffe er auf den „Herdentrieb“ anderer Staaten, wenn die USA und Russland zählbar und kontrollierbar ihre Bestände reduzierten. Zum anderen könnten bessere Waffen oder auch der Zwang zum Einsatz der Streitkräfte bei größeren Naturkatastrophen infolge Klimaveränderung dies bewirken.

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