Kaufbeurer Stadtrat spricht sich mit 21:19 Stimmen knapp gegen Ralf Baur aus

Baureferatsleiter muss seinen Stuhl räumen

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Helge Carl ist ab September 2013 der oberste Mann im Baureferat.

Kaufbeuren – Die Diskussion um den Wechsel an der Spitze des Kaufbeurer Baureferats schlägt hohe Wellen, denn jetzt ist es amtlich: Ralf Baur muss weichen, der "Neue" ist ab September Helge Carl. Wer ist der zukünftige Baureferatsleiter, und was sagen die Fraktionsführer im Stadtrat zum Neuanfang mit Helge Carl?

Der Sitzungssaal des Rathauses war so voll wie noch nie. Sogar Bierbänke hatte man vorsorglich hineingestellt, um dem Ansturm gerecht zu werden. Vor allem städtische Mitarbeiter hatten darauf Platz genommen, um die Wahl des zukünftigen Baureferatsleiters hautnah zu verfolgen. In geheimer Abstim- mung entschied der Stadtrat mit 21:19 Stimmen das Amt an den 35-jährigen Helge Carl (siehe hierzu untenstehendes Interview) zu übergeben. Der noch amtierende Baureferatsleiter Ralf Baur muss nun zum 1. September 2013 seinen Stuhl räumen. Nach der Verkündung des Wahlergebnisses sah man vor allem bei den Zuschauern betretende Gesichter, viele von Ihnen verließen schlagartig den Raum. „So ist es in der Demokratie“, kommentierte OB Stefan Bosse die Auszählung. Er freue sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit Baur für die verbleibende Zeit, seinem Nachfolger wün- sche er viel Erfolg bei den „gewaltigen Herausforderungen“, vor denen Kaufbeuren stehe. Noch während Bosse diese Worte sprach, ging Baur auf seinen Kontrahenten zu und gratulierte ihm zu seiner Wahl. Baur selbst akzeptiert diesen „demokratisch gefassten Entschluss“: „Mir war klar, dass diese Tätigkeit auf sechs Jahre begrenzt ist und danach neu entschieden wird“. Auch mit einem engen Wahlausgang habe er gerechnet. Doch die Hoffnung mit einer kleinen Mehrheit sein Amt zu behalten, hatte er bis zu letzt, weil seine Abteilung und er in den letzten 17 Jahren tolle Ergebnisse für die Stadt Kaufbeuren vorweisen kön- ne. Diese Arbeit wurde auch von außen stehenden Fachleuten positiv wahrgenommen und unter anderem mit Preisen, Auszeichnungen und Veröffentlichungen honoriert. „Ist dies doch Zeugnis für die hohe Qualität unserer Arbeit“, resümiert Baur im Redaktionsgespräch. Als Beispiele führte er unter anderem den Thomas-Wechs-Preis für die Beethoven-Schule (hier war die Stadt Auftraggeber) aber auch die Aufnahme ins Führungsprogramm der Architekturen für den Kesselberg, das Kemptener Tor und die eben genannte Beethoven-Schu- le an. Aber auch in der bundesweiten Berichterstattungen wie etwa die energetische Optimierung der Straßenbeleuchtung durch den Bauhof wurde beispielsweise als bundesweit bedeutendes „Best-Practice-Projekt“ angesehen. Auch persönlich wur- de laut Baur seine Arbeit außerhalb Kaufbeurens fachlich wahrgenommen und honoriert. So wurde er unter anderem als außerordentliches Mitglied in den Bund Deutscher Architekten und in die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung berufen. Mit den Blick auf die verlorene Wahl hätte Baur natürlich gerne weitergemacht und die zahlreichen unter seiner Federführung angeschobenen Projekte beendet. Baur hofft, dass sein Nachfolger die entsprechende Erfahrung hat, um eben diese Projekte erfolgreich weiterführen zu können. Im Blick hat Baur dabei vor allem die städtebauliche Entwicklung in Neugablonz aber auch die große Herausforderung Fliegerhorst. Warum letztlich 21 Stadträte ihn als Baureferatsleiter nicht mehr haben wollten, darüber kann Baur nur spekulieren, denn eine konkrete Rückmeldung habe er nicht erhalten. Baur will seine noch verbleibende Amtszeit nutzen, ein „geordnetes Haus“ zu hinterlassen. „Das bin ich auch meinen Kollegen schuldig“, betont er. Vor allem will er sich jetzt verstärkt seiner Familie und seinen Hobbys widmen, die in den letzten Jahren deutlich zu kurz gekommen seien. Wie es beruflich weitergeht, darüber mache er sich aktuell noch keine Gedanken. „Ich muss erst mal alles sacken lassen. Langweilig wird es mir aber mit Sicherheit nicht werden“, so Baur.

"Ein besonderer Ansporn" – Interview mit Helge Carl

Helge Carl wurde in der jüngsten Stadtratssitzung zum neuen Baureferatsleiter der Stadt Kaufbeuren gewählt. Er wird zum 1. September 2013 sein Amt aufnehmen. Der Kreisbote sprach mit ihm über seine Motivation und die anstehenden Herausforderungen in der Wertachstadt. 

Herr Carl, erzählen Sie uns in wenigen Sätzen etwas über sich. Was machen Sie zur Zeit beruflich, haben Sie Familie, wie sieht Ihr Werdegang aus? 

Carl: „Ich bin als Architekt an der Technischen Universität Wien für Bauen und technische Betriebsführung der Hochschulgebäude zuständig. Bevor ich vor sechs Jahren nach Wien gekommen bin, habe ich einige Jahre in der hessischen Landesverwaltung gearbeitet, wo ich auch mein Referendariat absolviert habe. Ich bin verheiratet und habe eine dreijährige Tochter“. 

 Was ist Ihre Motivation, von einer Metropole wie Wien ins ländliche Kaufbeuren zu wechseln?

Carl: „Dass mir in Kaufbeuren die Möglichkeit gegeben wird, das Bauwesen einer Stadt maßgeblich mitzugestalten, ist für mich ein besonderer Ansporn. Darüber hinaus glaube ich, in Kaufbeuren auch für meine Familie sehr gute Bedingungen vorzufinden“. 

In Kaufbeuren werden Sie das Amt des Baureferatsleiters übernehmen. Stellt dies für Sie Ihr berufliches „Ziel“ dar oder sehen Sie die Aufgabe hier eher als „Zwischenstation“ im Rahmen Ihres Werdegangs? 

Carl: „Insbesondere in der Stadtentwicklung erstrecken sich die Planungs- und Umsetzungshorizonte auf sehr lange Zeiträume. Ich hoffe, dass ich in Kaufbeuren langfristig daran mitwirken kann“. 

In Kaufbeuren besteht ja, wie Sie sicher wissen, neben den üblichen Anforderungen einer ländlichen Kommune, die besondere Situation des Bundeswehrabzugs (geplant für 2017). Wie beurteilen Sie Ihre zukünftige Aufgabe, Ideen für das freiwerdende Areal zu entwickeln und die sich verändernde Infrastruktur in die Stadtplanung mit einzubeziehen? 

Carl: „Diese Aufgabe ist ungemein spannend und komplex. Ich glaube, dass in der Neuausrichtung des Areals viele Potentiale liegen, die genutzt werden sollten. Schließlich liegen die Flächen in kurzer Entfernung zur Kaufbeurener Innenstadt. Mit dem freiwerdenden Bundeswehrgelände werden sich auch die angrenzenden Stadtteile verändern“. 

Welche speziellen Visionen verbinden Sie mit Ihrer zukünftigen Tätigkeit? In wie weit haben Sie die Möglichkeit, sich im Vorfeld auf die individuellen Gegebenheiten in Kaufbeuren vorzubereiten? Was wird für Sie – nach jetzigem Stand der Dinge – die voraussichtlich größte Herausforderung? 

Carl: „Ich erachte eine frühzeitige und intensive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger als ungemein wichtig. In meinen bisherigen Aufenthalten in Kaufbeuren sind mir die hohe stadträumliche Qualität der Kaufbeurer Altstadt und die verschiedenen Stadtteile mit ihrem individuellen Charakter aufgefallen. Die große Herausforderung wird nach meiner derzeitigen Sicht in der Entwicklung des Fliegerhorstgeländes liegen“. 

Ihr Vorgänger Herr Baur ist ein Verfechter von Realisierungswettbewerben und öffentlichen Ausschreibungen bei der Vergabe kommunaler Aufträge. Dies wurde jedoch von einigen Stadtratsmitgliedern kritisch gesehen, auch im Hinblick darauf, dass vorrangig lokale Firmen von Aufträgen profitieren könnten/sollten. Wie stehen Sie dazu? 

Carl: „Architektenwettbewerbe bieten die Möglichkeit, aus einem breiten Spektrum möglicher Lösungen auswählen zu können, wodurch sich meist hohe planerische Qualität erreichen lässt. Ob dieser Weg für eine konkrete Bauaufgabe sinnvoll ist, wird man im Einzelfall entscheiden müssen. 

Die CSU ist in Kaufbeuren sehr stark vertreten, hat unter anderem eine Mehrheit im Stadtrat. Sie selbst sind Mitglied der SPD. Denken Sie, dass dieser politische Hintergrund Einfluss auf Ihre Arbeit hier in Kaufbeuren haben wird? 

Carl: „Ich sehe mich als Kandidaten, dem die Mehrheit der Stadtratsmitglieder das Vertrauen ausgesprochen hat. In meiner Amtsführung werde ich die notwendige Neutralität zu parteipolitischen Fragen stets wahren. Nicht zuletzt freue ich mich auf eine gute Zusammenarbeit mit den politischen Gremien, den Mitarbeitern des Baureferates und auf hoffentlich viele positive Ergebnisse“. 


Das sagen die Parteien

Gerhard Bucher, Fraktionsvorsitzender der CSU in Kaufbeuren: 

„Die Neuausschreibung der Baureferatsleiter-Stelle war laut Abstimmung allgemeiner Wunsch im Stadtrat. Ob der ‘Neue’ es besser macht, wird sich natürlich erst noch herausstellen – die Hoffnung ist aber, dass mit ihm neue Impulse kommen. Herr Baur war ja nun 17 Jahre lang auf seinem Posten. Mit der Neubesetzung wird auch der Charakter eines solchen ‘Wahlamts’ richtig dargestellt, wo genau solche neutralen Aus- wahlverfahren vorgesehen sind. Von einem ‘Fraktionszwang’ im Rahmen der Abstimmung kann keine Rede sein! Mir persönlich wäre gerade am Ende des Verfahrens eine größere Anzahl an Bewerbern lieber gewesen. Vom Zeitpunkt her ist die Neubesetzung ideal, bis beispielsweise auf dem Bundeswehrareal was ‘passiert’ wird noch Zeit vergehen, die Herr Carl zur Einarbeitung nutzen kann. Wichtig ist mir an dieser Stelle, dass ich Respekt vor der Leistung des bisherigen Baureferatsleiters habe – wir sprechen hier schließlich vor allem von Menschen und nicht von irgendwelchen Figuren auf einer bestimmten Position.“ 

 Catrin Riedl, Fraktionsvorsitzende der SPD in Kaufbeuren: 

„Wir von der SPD haben schon damals gegen die Neuausschreibung der Stelle des Baureferatsleiters gestimmt, weil wir mit der Arbeit von Herrn Baur sehr zufrieden sind. Als Wahlbeamter ist man eben immer in Gefahr, zum Spielball der Politik zu werden. Problematisch ist sicher der Personalwechsel in dieser momentan sehr sensiblen Phase mit Forettle und Bundeswehrabzug. Man kann Herrn Carl daher nur wünschen, dass er seine Sache gut macht. Dass die Tatsache, dass Herr Carl Mitglied der SPD ist, Auswirkungen auf die direkte Zusammenarbeit haben wird, glaube ich nicht, da er hier von Amts wegen keine Unterschiede zwischen den Gremiumsmitgliedern machen darf. Ich hoffe aber, dass sich die sozialdemokratischen Werte in seiner Arbeitsauffassung niederschlagen.“ 

 Angelika Zajicek, Fraktionsvorsitzende der FDP in Kaufbeuren: 

„Ich war geradezu schockiert, als ich gehört habe, dass jemand der sich so bewährt hat wie Herr Baur nicht wiedergewählt wurde. Das knappe Wahlergebnis bedeutet natürlich im Umkehrschluss eine knappe Position für den neuen Baureferatsleiter. Auch wenn ich nicht weiß wie es ohne die Erfahrung von Herrn Baur funktionieren soll, wünsche ich natürlich Herrn Carl viel Glück in seinem neuen Amt – die demokratische Entscheidung müssen wir akzeptieren.“ 

 Bernhard Pohl, MdL und Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler (FW) in Kaufbeuren: 

„Herr Baur hat knapp 18 Jahre lang gute Arbeit gemacht – auch wenn natürlich bekannt ist, dass er und ich in dieser Zeit nicht immer einer Meinung waren. Jetzt geht diese Ära zu Ende, ich wünsche ihm persönlich dass er eine erfüllende neue Aufgabe findet. Dass wir oft andere Akzentuierungen hatten, ändert nichts an meiner Wertschätzung für ihn. Ich freue mich auf die zukünftige Zusammenarbeit mit Herrn Carl, er hat bei seiner Vorstellung einen exzellenten Eindruck hinterlassen. Ich erwarte neue Impulse aus Sicht eines ‘Externen’, zudem eine dynamische und wachstumsori- entierte Stadtentwicklungs-Politik für Kaufbeuren.“ 

 Wolfgang Hawel, Fraktionsvorsitzender der B90/Grünen in Kaufbeuren:

 „Wir sehen den Abschied von Herrn Baur mit Bedauern. Detaillierte Sachkenntnis aus knapp 18 Jahren wird jetzt von jemandem abgelöst, der alles erst neu kennenlernen muss. Aber jeder Neuanfang birgt in sich natürlich auch eine Chance. Anzumerken ist, dass der Wind bei dieser Entscheidung aus einer ganz bestimmten Richtung geblasen hat. Vielleicht bringt der gesamte Vorgang den einen oder anderen Wähler gerade im ‘Superwahljahr’ zu der Erkenntnis, dass die Entscheidungsgremien in unserer Stadt ausgewogener besetzt gehören“. 

 Fraktionsvorsitzender der Kaufbeurer Initiative (KI) Ernst Holy war leider bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme zu diesem Thema nicht zu erreichen.

von Kai Lorenz und Michaela Frisch

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