Beeindruckende Geschichte

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Erich Resch und Roswitha Warholak schauen sich die Stellwände im Festsaal genau an. Beide hatten die kleine Ausstellung am Rande der 140-Jahr-Feier konzipiert.

Kaufbeuren – „140 Jahre zu bestehen, sich trotz Kriegszeiten, Hungersnöten, wirtschaftlichen Krisen und schwierigen Rahmenbedingungen zu behaupten und dabei immer wieder positive Akzente zu setzen, wie es unser Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren erfolgreich getan hat, ist überaus beachtlich – bei allem Schatten und Unheil, welche die Klinik zeitweise über ihre Patienten und die Region gebracht hat“, sagte der Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken, Thomas Düll, vor mehr als 100 Anwesenden im Festsaal des BKH. Die „beeindruckende und zugleich bedrückende Geschichte dieser Klinik“, so Düll, stand im Mittelpunkt dieser Feier.

Am 1. August 1876 wurde die damalige „Heil- und Pflegeanstalt“ eröffnet. Sie war damals die erste Klinik in Schwaben, die für die psychiatrische Versorgung konzipiert war. Die benachbarte Klosteranlage in Irsee war bekanntlich für einen anderen Zweck errichtet worden; dort erfolgte dann schon ab 1849 bis 1972 die Unterbringung von psychisch Kranken. Heute ist das BKH Kaufbeuren, das zwischenzeitlich „Nervenkrankenhaus“ hieß, der älteste Standort der Bezirkskliniken Schwaben. Zur Einrichtung gehören die Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, für forensische Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie ist einer der größten Arbeitgeber der Region sowie die Bereiche „Wohnen und Fördern“ mit seinen Wohn- und Pflegeheimen, die Allgäu-Akademie als Bildungszentrum der Bezirkskliniken sowie die Berufsfachschule für Krankenpflege (seit 1922). „So bunt, wie wir als Unternehmen und Klinik mit all unseren Mitarbeitern, Patienten und Bewohnern sind, so vielfältig sind wir auch. In dieser Vielfalt liegt eine unserer größten Stärken“, sagte der Leitende Ärztliche Direktor Dr. Albert Putzhammer. Diese Vielfalt, so Putzhammer, gelte es zu erhalten und weiterzuentwickeln.

"Düstere Zeit"

Der Ärztliche Direktor beleuchtete die wechselvolle Geschichte des Krankenhauses. Dabei ging er ausführlich auf die Zeit des Nationalsozialismus ein – „die düsterste Zeit in der Geschichte unseres BKH“. Im Rahmen der T4-Vernichtungsaktion holten die berüchtigten „grauen Busse“ knapp 700 Menschen aus der „Kaufbeurer Anstalt“ ab, um sie in ein Vernichtungslager zu bringen. Dort wurden sie getötet. „Damit hatte das Morden aber kein Ende – es ging in den Anstalten selbst weiter“, fuhr Putzhammer fort. Später starben etwa 2000 Patienten in Kaufbeuren und Irsee infolge medizinischer Versuche, Entzugs- und Hungerkost sowie durch aktive Tötung mithilfe von Gift und Medikamenten. Der Klinik sei es seit vielen Jahren ein Anliegen, immer wieder an diese schreckliche Zeit zu erinnern, zu mahnen, und diese Erinnerungskultur aufrecht zu halten. Einen maßgeblichen Anteil an dieser Aufarbeitung hat Prof. Dr. Michael von Cranach, ehemaliger Leitender Ärztlicher Direktor des BKH (1980 bis 2006).

Auch Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert lobte das BKH dafür, in welcher Form es zur Aufarbeitung der „schrecklichen Zeit der Euthanasie“ beigetragen hat und dass die Mitarbeiter heute in medizinischer wie menschlicher Sicht als gutes Beispiel vorangehen. „Es hat lange gedauert, nämlich bis in die 80er Jahre, um die Geschichte nach Kriegsende aufzuarbeiten. Doch wir lassen nicht nach, weiter zu forschen“, versprach der Verwaltungsratsvorsitzende der Bezirkskliniken Schwaben.

Um das Verhältnis zwischen der Stadt und dem BKH zu beschreiben, zeichnete Oberbürgermeister Stefan Bosse, der zugleich Verwaltungsrat der Bezirkskliniken ist, das Bild einer „Symbiose zum Wohle beider Partner“. Kaufbeuren habe der Klinik damals großzügig Flächen überlassen mit dem Ziel, „die Einrichtung autark zu stellen“. Erst vor wenigen Jahren sei beispielsweise die autonome Wasserversorgung aufgelöst und das BKH an die städtische Wasserversorgung angekoppelt worden. Die neurologische Abteilung, integriert in das Allgemeinkrankenhaus, die Finanzhochschule in den ehemaligen Räumen der Neurologie am Kaiserweiher, umfangreiche Lieferverträge sowie die örtliche Feuerwehr, „die hier ständig zu Gast ist“: Es gibt laut Bosse viele Beziehungen zwischen Klinik und Kommune.

Professor Dr. Norbert Müller, ehemaliger stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, beleuchtete in seinem Festvortrag die „Geschichte der Psychiatrie“. Direktor Putzhammer vertiefte dies anschließend am Beispiel Kaufbeurens. Er berichtete, dass am 2. August 1876 – dem Tag nach der Eröffnung –der erste Patient ins BKH kam: Es war Friedrich Gloggengießer aus Lindau. Er blieb dort bis zu seinem Tod 1930. Seine Originalakte wurde bei der Feier in einer der Vitrinen ausgestellt, die im Festsaal aufgebaut waren.

Das Versorgungsgebiet des BKH Kaufbeuren, so Dr. Putzhammer, war lange Zeit sehr groß. Um die wohnortnahe Versorgung von Menschen mit seelischen Störungen zu verbessern, wurden in Schwaben nach und nach psychiatrische Kliniken in Kempten, Augsburg, Memmingen und Lindau gegründet.

Der Bedarf an tagesklinischer Behandlung und Betreuung sei stark gestiegen, berichtete der Ärztliche Direktor. „Wir können die Nachfrage gar nicht bewältigen.“ Die größte Herausforderung jedoch sei die Gewinnung von jungen Mitarbeitern. „Außerdem müssen wir unsere bestehenden Mitarbeiter bei uns halten, indem wir ihnen mit Respekt und Offenheit begegnen.“ Auch der verstärkten Aus- und Weiterbildung wolle man sich widmen, sagte Putzhammer.

Vorstandsvorsitzender Düll beleuchtete die interessante Architektur des BKH. Alles sei symmetrisch und feudal geplant worden. Er betonte, dass die knapp 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Kaufbeuren „die Seele und das Herz in diesen Gemäuern“ seien.

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