Bürgerinformationsabend "Forettle": OB Stefan Bosse blickt auf lange Planungsgeschichte zurück

"Es bringt nicht viel, schadet aber nicht"

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Gut informiert und gleichzeitig emotional zeigten sich die Bürger (hier: Rudolf Geyrhalter) beim Infoabend zum „Forettle“ im Stadtsaal.

Kaufbeuren – Ganze elf Jahre mussten die Kaufbeurer auf ihre Bürgerinfo-Veranstaltung zum Thema „Forettle“ warten. Am Dienstagabend war es dann soweit: OB Stefan Bosse konnte zur objektbezogenen Bürgerversammlung rund 300 Besucher begrüßen. Doch die Anwesenden machten deutlich, dass das Projekt wenig Zuspruch erfährt.

Zum Bürgerinfo-Abend hinsichtlich des "Forettle" hatte die Stadtverwaltung am Dienstag (5.11.) in den Stadtsaal geladen. Während das Stadtoberhaupt vor allem die seit vielen Jahren anhaltenden Bemühungen um eine Ertüchtigung des Areals skizzierte – die aktuell im angedachten „Einkaufszentrum“ münden – zeigten viele Bürger mit deutlichen Worten auf, was sie davon halten: Nämlich nicht viel. 

OB Bosse zeigte sich zu Beginn der Veranstaltung „sehr beeindruckt“ von der Kulisse und gab auch gleich die Marschrichtung vor: „Jetzt ist es Zeit, darüber zu sprechen“. In seinem historischen Exkurs zeigte er auf, dass alle Bemühungen, das Forettle wieder zu beleben, seit 1984 aus unterschiedlichen Gründen im Sande verlaufen seien. Viele Expertisen, Gutachten und Pläne seien seitdem entwickelt worden. 

So habe es Ende der 1980er Jahr mit dem Kult-Kino „Regina“ noch Leben in diesem Areal gegeben. Dann wurde 1990 durch das Büro „Topos“ ein Stadtentwicklungsgutachten erstellt mit dem Ziel, die Stadt in den Bereichen Verkehr und Attraktivität voranzubringen. Zur Disposition standen unter anderem Wohnbebauung, der Bau eines Parkhauses, einer Stadthalle sowie eines Hotels. „Es war ein großer Wurf geplant“, so Bosse. Dann, 1993, wurde für das „Forettle“ erst ein Rahmenplan, später ein Bebauungsplan aufgestellt. 1995 haben man dann letzteren wieder aufgehoben (Standort für Stadthalle). Drei Jahre später sei dann auch der Rückbau des „Grabens“ sowie die Verlegung des Durchgangsverkehrs in die Johannes-Haag-Straße nicht weiter verfolgt worden, so Bosse. 

2002 folgte dann die 2. Fortschreibung des Stadtentwicklungsgutachtens durch das Büro „Lars-Consult“ als Grundlage für weitere Entscheidungen. Ziel sei es gewesen, eine Art „kulturellen Block“ direkt am Graben zu errichten, als Abschirmung zur B16 für eine dahinterliegende Wohnbebauung. Seitdem stehe auch besagte objektbezogene Bürgerversammlung im Raum. Doch habe man es nie geschafft, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, resümierte Bosse. 2003 habe die Verlegung des Mühlbaches zur Disposition gestanden, um mehr Raum zu schaffen. Jedoch wurde aus Kostengründen darauf verzichtet. 2004 habe man verschiedene Alternativen zur Rahmenplanung entwickelt, mit dem Ziel, die Wohnbebauung „hinzubekommen“. Zwei Jahre sei dann wieder nichts passiert, „trotz Gesprächen mit den Grundstückseigentümern des Areals Forettle“, so Bosse. 

Dabei hätte die Stadt ihr Grundstück (ehemals „Dachdecker Schmidt“, 2500 Quadratmeter) sogar kostenlos zur Verfügung gestellt, wenn eine klare Aussage zur zeitlichen Umsetzung des Rahmenplans in wesentlichen Bereichen gegeben gewesen wäre. „Leider ist auch hier nichts passiert“, so Bosse. 2008 folgte ein Rahmenplan vom Büro SEP als Grundlage weiterer Entscheidungen. Ein Ziel sei gewesen, die Hauptgeschäftslagen in der Fußgängerzone zu erhalten, mit behutsamer Weiterentwicklung und einer Stärkung der Randbereiche. Am Forettle seien demnach entlang der Verkehrsstraße durchaus gewerbliche Nutzungen, insbesondere Dienstleistungen, denkbar. Im Zentrum habe aber ganz klar Wohnbebauung gestanden. Es folgten weiter Planungsentwürfe wie etwa vom Büro „mse“. Doch habe sich laut Bosse niemand gefunden, der diese hätte kostenmäßig realisieren können. 2010 hatte dann die Firma Dobler verschiedene Varianten entwickelt. Doch einstöckige Gebäudekomplexe waren „bautechnisch nicht der Hit“. Dobler habe dieses Vorhaben dann nicht mehr weiter verfolgt – Bosse sei darüber „nicht traurig“ gewesen. 

2012 trat schließlich der Berliner Investor Aldinger mit seinem Einkaufszentrum auf den Plan. „Wir haben viel gemacht und dennoch keine Wohnbebauung hinbekommen“, resümierte Bosse mit Blick auf die vergangenen 23 Jahre. Er machte auch klar, dass es ohne die Grundstücksbesitzer des „Forettle“ nicht gehe. Mit Blick auf das neue Heider-Gutachten (wir berichteten) sei ein Einkaufszentrum an dieser Stelle „grundsätzlich OK“. „Es bringt nicht viel, schadet aber auch nicht“, so Bosse. Kaufbeuren sei ein schwieriger Standort, unter anderem bedingt durch die Verkehrsanbindung, und der Investor Aldinger habe im Hinblick auf eine Sortiments-Nachbesserung bereits deutlich gemacht: „Mehr geht nicht“. 

Diskussion im Bauausschuss 

Auch in der letzten Bauausschusssitzung war das Einkaufszentrum Gegenstand einer längeren Diskussion, ausgelöst durch einen Antrag der Freien Wähler hinsichtlich eines Forderungskatalogs (wir berichteten) an den Investor des Einkaufszentrums (EKZ). Abteilungsleiter Manfred Pfefferle seitens der Verwaltung sah die Kernpunkte des Antrages aber als erfüllt an und schlug keine weitere Verfolgung des Antrages vor. Letztendlich müsse der Stadtrat entscheiden, ob alle Vorgaben bei den Plänen zum EKZ erfüllt seien. 

Wolfgang Hawel (Grüne) verlangte eine eigene Anbindung zum EKZ, während Ottmar Maier (FW) vorschlug, zunächst die Straßen und Wege festzulegen. Dem widersprach der OB, der davor warnte, „Geld in den Sand zu setzen“. Erst müsse ein Objekt vorhanden sein. Er erhielt Unterstützung von Bürgermeister Gerhard Bucher (CSU), der meinte, „man kann das Pferd nicht von hinten aufzäumen“. 

„Ich bin mir nach der gestrigen Veranstaltung nicht sicher, ob überhaupt etwas entsteht“, so Bosse mit Blick auf die Bürger-Infoveranstaltung. Er sprach von einem „Schaufensterantrag“, da die Bedingungen dem Investor bekannt seien und kündigte eine eigene öffentliche Veranstaltung mit der Vorstellung des Projektes durch die Investoren an. Man sei derzeit auf dem Stand von 1990 und nach wie vor „Herr des Verfahrens“. Der Antrag der FW wurde mit vier Stimmen abgelehnt. von Kai Lorenz und Wolfgang Becker

Beachten Sie in unserer Wochenend-Print-Ausgabe Nr. 45 auch den ausführlichen Artikel mit unserer Kolumne "Kaiser Maxi" sowie einen gesonderten Artikel mit den Fragen der Bürger und den Antworten von OB und Baureferent!

Hier einige Beispiele:

Elisabeth Sturm: Die Bürgerin bezeichnete die aus dem einschlägigen Heider-Gutachten vorliegenden Erkenntnisse als „eine einzige Ablehnung“. Sie stelle sich die Frage, ob ein solches Einkaufszentrum (EKZ) gebraucht werde. „Wir brauchen in erster Linie Wohnungsbau. Kaufbeuren kann hier von der Nähe zu München profitieren“, so die frühere Kaufbeurer Geschäftsfrau, was von starkem Beifall begleitet wurde. 

OB Stefan Bosse: Das Stadtoberhaupt erklärte, das zentrale Thema sei die Belebung der Innenstadt. Bei der Verkaufsfläche pro Einwohner rangiere Kaufbeuren hinter anderen Städten. Er glaube nicht, dass der Wohnstandort Kaufbeuren für München-Pendler hinreichend attraktiv sei.

Stefan Geyrhalter: Der Sprecher für die Aktionsgemeinschaft der Kaufbeurer Einzelhändler (AK) sagte, die Innenstadt leide schon „seit 25 Jahren“ unter vielen Leerständen und Verfall. Man dürfe das Projekt des Investors Dr. Aldinger nicht von Grund auf verteufeln, in der aktuellen Form sei es jedoch mit den Vorgaben des Stadtrats definitiv nicht vereinbar. Ihm fehle beim städtischen Einzelhandelskonzept eine Gesamtschau auf die Situation. 

OB Bosse: „Wir haben ein Einzelhandelskonzept für die Gesamtsituation, und das Planungsbüro Dr. Heider hat festgestellt, dass es durchaus mit den Investorplänen am Forettle zusammenpasst“, widersprach Bosse. Man müsse nur darauf achten, dass keine innenstadtrelevanten Sortimente wie Lotto-Toto oder ähnliches ins EKZ gingen.

Rudolf Geyrhalter: Der Inhaber eines Lederwarengeschäfts regte an, jeder Bürger könne sich ja „im Internet die scheußlichen Industriebauten des Dr. Aldinger anschauen“. Als Kundenmagnet lässt er ein Einkaufszentrum am Forettle nicht gelten: „Die Händler in der Innenstadt müssen selbst für ihre Attraktivität sorgen – dieser Billigbau wird sie nicht retten“. Er sei zum Beispiel sicher, dass keine Frau nachts durch eine „Röhre“ zwischen Stadt und EKZ laufen wolle. Zur Förderung der Altstadt schlug er eine großzügigere Auslegung des Denkmalschutzes vor. 

OB Stefan Bosse: „Für Denkmalschutz ist die Stadt nur bedingt zuständig“, antwortete Bosse. Es seien diesbezüglich aber schon Gespräche mit den zuständigen Stellen in München geplant. Das große Ziel sei, die Menschen ins Stadtzentrum zu bringen. „Auch beim Schaffen neuen Wohnraums sollte der Fokus auf der Altstadt liegen und nicht im Forettle“. Dort sei Wohnbebauung wegen der Nähe zur B16 ohnehin nur in beestimmten Bereichen sinnvoll. „Wir verbauen uns durch das EKZ im Forettle nicht die gleichzeitige Option auf Wohnbauten“, war sich der OB sicher. Ohne einen großen Parkplatz funktioniere laut Dr. Aldinger das gesamte Konzept nicht.

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