"Denn hier hat man Halt"

Brot wird in feine Würfel geschnitten, Kaffee gebrüht und gleichzeitig werden Töpfe gespült, abgetrocknet und Kochutensilien weggeräumt. Die Küche im „MODWerk“ gleicht einem Bienenstock. Seit fünf Wochen zaubern zehn junge Erwachsene mit Rosa Jooß im „MODWerk“ in Marktoberdorf Brandteig, selbstgemachten Apfelsaft, Lunchpakete oder auch saisonale Eintöpfe. Vergangene Woche wurde die Erweiterung vorgestellt.

Unter den fleißigen Bienchen ist auch Karin. Sie ist 26 Jahre alt und erst seit Mitte September im „MODWerk“. Karin ist gelernte Beiköchin und hat „lange Zeit in dem Job gearbeitet“. Doch plötzlich war Schluss und bis jetzt hat sie keine neue Anstellung gefunden. In der Küche im „MODWerk“ kommt sie nicht aus der Übung. Sie freut sich, dass „Frau Jooß mir manchmal spezielle Aufgaben gibt.“ Karin schreibt neben der Arbeit in der Werk-Küche Bewerbungen, ruft in Betrieben an oder geht persönlich bei Gast- höfen vorbei, doch bis jetzt hat sich nichts ergeben. So geht es auch Alexander (24). Er ist vor dreieinhalb Jahren wegen seiner Ehefrau von Göttingen nach Füssen gezogen und seit dem will nicht wirklich etwas funktionieren. Auf viele Bewerbungen bekommt der 24-Jährige überhaupt keine Reaktion. Doch er gibt nicht auf, denn aufgefangen wird er von „der kleinen Familie“ im „MODWerk“. „Denn hier hat man Halt.“ Da sein Berufswunsch Koch ist, fühlt er sich in der Küche besonders Wohl. Ohne Zusatzstoffe Jooß hat als Köchin gearbeitet, war selbstständig und bei einer Bank tätig. Beste Voraussetzungen, um den Jugendlichen nicht nur das preisgünstige Einkaufen und Kochen beizubringen, sondern auch die Führung eines Haushaltsbuches. Um 8 Uhr geht es an fünf Tagen die Woche im „MODWerk“ los. Dann wird besprochen, was es zu Essen geben soll, die Arbeiten verteilt und mit der Werkstatt im „MODWerk“ abgesprochen wer überhaupt am Mittag im Hause ist. Denn die insgesamt 35 Jugendlichen essen entweder am Mittag die Leckereien der Kochtruppe oder bekommen ein Lunchpaket. Wichtig ist Jooß dabei, dass alles selbstgemacht ist. Irgendwelche Pulverchen oder Tütensuppen kommen ihr nicht in die Küche. Da wird auch mal eine Saftmaschine aufgebaut, die komplett von Hand betrieben werden muss. Herauskommt dabei ein frischer Apfelsaft, der völlig frei von Zusatzstoffen ist. Und es schmeckt den jungen Erwachsenen. Gleichzeitig lernen sie mit dem wenigen Geld, was sie als Hartz IV-Empfänger bekommen, preiswert und saisonal zu kochen. Befristet ist das Küchenprojekt bis zum 31. Dezember 2009. „Doch wir gehen davon aus, dass das Projekt verlängert werden kann“, sagt Andrea Pertz von der Dekra-Akademie. Die Arbeitsgemeinschaft Grund- sicherung für Arbeitsuchende Ostallgäu (ARGE), die von Landkreis und Arbeitsagentur getragen wird, hat im April 2006 für jugendliche Langzeitarbeitslose das Sonderprojekt ins Leben gerufen. Träger ist die Dekra-Akademie in Augsburg, die die 500 Quadratmeter in Marktoberdorf für die Küche und die Werkstatt, die das „MODWerk“ beheimatet, zur Verfügung stellt. Individuell betreuen „Jugendliche brauchen Zeit“ und diese wird ihnen im „MODWerk“ auch gegeben, betont Projektleiter Heiner Franzke. Jeder der Jugendlichen wird „individuell betreut“, da jeder eine andere Lebensgeschichte mitbringe, so Franzke weiter. Ziel sei es, die jungen Erwachsenen „in Ausbildung zu bringen“. Drei Bereiche gebe es im Werk und zwar den gewerblichen Bereich. Dieser umfasst Umzüge, die Reperatur von Fahrrädern oder auch die Aufbereitung von Möbeln, die an Bedürftige kos- tenlos weitergegeben werden. Der neue Küchen-Bereich. Dort werden neben dem Kochen, Themen, wie gesunde Er- nährung, behandelt. Und der dritte ist das Coaching – Bewerbungstraining, das Schreiben von Bewerbungen. Gerade mit dem Blick auf den kommenden Fachkräftemangel „dürfen wir am Arbeitsmarkt niemanden vergessen“, betont Jürgen Traut von der Agentur für Arbeit Kempten. „Eine gewaltige Summe“ habe die Arbeitsagentur im Allgäu für Fördermaßnahmen zur Verfü- gung – 26 Millionen Euro. Schwierig sei es derzeit aber für alle am Arbeitsmarkt unter zu kommen, deshalb sei die Aufgabe: „Je schwieriger die Situation, desto mehr müssen wir fördern“, verdeutlicht Landrat Johann Fleschhut. Dieser ist von der Entwicklung des „MOD-Werks“ begeistert. „Es hat sich in vielen Bereichen bewährt“ und ist zu „einer Perle“ geworden. 150 Jugendliche haben seit April 2006 das „MODWerk“ besucht und 100 davon konnte eine Ausbildungsstelle vermittelt werden.

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