"Wir waren totale Neulinge"

+
Zusammen 60 Jahre Erfahrung im Stadtrat: Bernhard Pohl (v. li.), Helmut Folter und Ernst Holy.

Kaufbeuren – „Wir wussten nicht, was uns als totale Neulinge erwartet!“ Das ist der einhellige Tenor der drei Kaufbeurer Stadträte Bernhard Pohl (FW), Ernst Holy (KI) und Helmut Folter (CSU) anlässlich ihrer 20-jährigen Tätigkeit als Fraktionsvorstände.

In einem gemeinsamen Pressegespräch schilderten sie ihre ersten Schritte als Vertreter im Stadtparlament. Enttäuschungen und Erfolge kamen dabei ebenso zur Sprache wie humorige Begebenheiten. Klar wurde auch, dass sie ihren Schritt zu keiner Zeit bereut haben und junge Menschen ermuntern, sich aktiv und gestaltend für und in der Kommunalpolitik zu engagieren.

Einigkeit herrscht trotz unterschiedlicher Auffassungen zu bestimmten Themen darüber, dass der größte Teil ihrer Arbeit unspektakulär abläuft und von der Öffentlichkeit kaum registriert wird. Die meisten Entscheidungen würden, so Holy, mit großer Mehrheit getroffen. Das Image der Stadt liegt allen gleichermaßen am Herzen.

„Bei der FW war es brutal. Von sieben Stadträten fünf neue und drei davon 31 Jahre alt und jünger“, so Pohl zu seinem Einstieg. „Wir waren damals 20 Greenhorns im neu gewählten Stadtrat“, erinnert sich Folter, „in der ersten Fraktionsrunde dachte ich, ich bin auf einem anderen Planeten“. In guter Erinnerung ist Holy 1996 noch der Erfolg der KI: „Von Null auf Hundert mit sechs Sitzen“. Sie seien bei der konstituierenden Sitzung im einheitlichen Zweireiher-Sakko mit Goldknöpfen einmarschiert und hätten ihre Plätze eingenommen. „Das hat schon für Aufsehen gesorgt“, schmunzelt Holy. Aber keiner habe gewusst, wie es abläuft.

Nach der konstituierenden Sitzung ging es nach Folters Worten gleich um die Entscheidung für einen zivilen Sonderlandeplatz am Kaufbeurer Flugplatz. Der hatte vorher schon für große Diskussionen gesorgt, war aber eigentlich schon abgesegnet. „Das war für mich persönlich die größte Niederlage und die verhängnisvollste Entscheidung“, schildert Pohl die spätere Entwicklung, die nach einer quer durch alle Fraktionen gehenden knappen weiteren Entscheidung zum Ausstieg des Investors führte. Zu Turbulenzen führte ein Antrag seitens der KI über das veräußerbare Vermögen der Stadt. Interpretiert wurde, dass der Energieversorger VWEW verkauft werden soll, was aber nicht vorgesehen war.

Ähnlichen Aufruhr verursachte der Vorschlag für ein Erlebnisbad im Kaufbeurer Norden und ein Naturbad in Neugablonz. Beides scheiterte, unter anderem am Widerstand in Neugablonz. Ende der 1990er gab es laut Folter erste Ansätze für eine Privatisierung der insgesamt fünf Kliniken in der Region. Von acht Bewerbern stiegen sieben schnell aus und das Geschäft kam nicht zustande. Danach folgte die Fusion von Landkreis und Stadt mit ihren Häusern. „Wir haben gravierende Fehler gemacht“, so Pohl. Positiv sahen alle die Entscheidung für das neue Eisstadion und die Ansiedlung von HAWE. Das 1996 eingeführte jährliche Treffen der Umlandbürgermeister ist gemäß Holy fest etabliert.

Amüsantes

„Bei meinem ersten Antrag auf Anbindung der Hüttenstraße an die Osttangente wurde ich gleich abgebügelt“, erinnert sich Holy. „Ich hatte einen Antrag auf ein Parkleitsystem eingebracht“, so Folter, „doch das wurde seitens Baureferat abgelehnt, weil es keine Kabel zum Leitungverlegen gab. Und das, obwohl damals schon Funklösungen möglich waren“. Eine damalige Aussage Pohls im Stadtrat, dass „die Entfernung zwischen Brett und Gehirn bei einigen bedenklich gering ist“ sorgte ebenfalls nicht für Beifallsstürme. Nach wie vor begeistert ist Pohl vom Vorschlag des OB nach einer Christusstatue. „Bei den Diskussionen hätte man glauben können, wir wollen ein Kernkraftwerk bauen“, amüsiert er sich.

Zukunft

„Wir müssen etwas mutiger werden“, sagte Pohl zum Image der Stadt, „wir sollten unsere Stadt nicht schlecht reden.“ Letzterem schloss sich Holy an: „Wir können auf unsere Stadt stolz sein und haben ein gutes Angebot an Kultur und Sport“. Zum Nachwuchsproblem sieht er Information als Lösung, aber „ein Herz für Kaufbeuren ist wichtig“. Für Folter ist klar: „Im Prinzip sind wir auf dem richtigen Weg, wir probieren ja alles. Es liegt an den Leuten selbst, wenn sie nur schimpfen und nichts annehmen“.

Das weitere Engagement für eine nochmalige Amtszeit fällt unterschiedlich aus. Pohl möchte so lange weitermachen, wie er etwas bewegen kann. Holy macht es an der gesundheitlichen Situation fest und Folter lässt es nach dann 24 Jahren als Stadtrat noch offen.

Ein Jubiläum kann auch Gerhard Bucher feiern: Er ist 20 Jahre Zweiter Bürgermeister.

von Wolfgang Becker

Meistgelesene Artikel

Wohin mit den Abgabehunden?

Landkreis/Beckstetten – Das Tierheim Beckstetten des Tierschutzvereins Kaufbeuren und Umgebung e. V. kommt nicht zur Ruhe. Neben …
Wohin mit den Abgabehunden?

"Wir sind die Coolsten"

Stefanie Kloß (*1984) gründete 1998 ihre erste Band, aus der einige Jahre später SILBERMOND hervorging. Seit mehr als 12 Jahren rockt sie gemeinsam …
"Wir sind die Coolsten"

Kein gemeinsamer Nenner

Kaufbeuren – Der Athletik Club Kaufbeuren e.V. (ACK) und die Stadt Kaufbeuren kommen momentan nicht überein, wenn es um eine künftige Bleibe für den …
Kein gemeinsamer Nenner

Kommentare