Nur Inseln bieten Deckung

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Schutzlos: Ein Feldhase versucht, sich in deckungsarmer Feldflur unsichtbar zu machen.

Hase, Rebhuhn, Fasan und Wachtel sind stark gefährdet  das Niederwild leidet besonders unter der industriellen Landwirtschaft. Doch was kann man tun?

Stade Zeit? Fehlanzeige bei Gerhard Klingler. Der Mann reist viel, wirft allerorten Power-Point-Präsentationen an die Wand und redet sich manchmal den Mund fusslig. Erst kürzlich war er auf der Tagung von 65 Bürgermeistern im Würzburger Raum – und referierte. Darüber, dass still und leise Rebhuhn, Fasan und Feldhase verschwinden. Weil es keine Fluren mehr gibt, sondern nur noch Agrarwüsten. Und er bittet um Land: „Gerade die Gemeinden und die Kirche haben eine Reihe von Flächen, die man als Ausgleich- und Ersatzflächen nutzen könnte.“

Nahrungsquelle auch für Vögel zerstört 

Die Idee: Die Gemeinde/Kirche stellt diese dem lokalen Jagdpächter zur Verfügung, der wiederum einen Landwirt dafür gewinnt, eine mehrjährige Niederwildmischung anzusäen, die vor allem auch im Winter stehen bleibt. „Wenn die deckungsarme Zeit kommt, dann ist das ein guter Winterschutz. Auch vor Beutegreifern wie Marder und Fuchs, Rabenkrähen oder Greifvögeln“, sagt der Vorsitzende des Ausschusses Niederwild des Bayerischen Jagdverbandes (BJV). „Zudem haben Restpflanzen ja den Vorteil, dass sie aussamen und so der Kreislauf weiter geht.“

Klingler selbst kommt aus einer Landwirtsfamilie, er hat Landwirtschaft studiert, war 30 Jahre in der Chemiebranche tätig, er ist keiner, der die Bauern scheltet. „Der Druck ist gewaltig, die Landwirte kämpfen ums Überleben, Pachtpreise sind astronomisch, bedingt auch durch Biogasanlagen.“ Natürlich geht seine Kommunikationsoffensive an die Adresse der Landwirte, er wirbt dafür, Graswege und Randstreifen stehen zu lassen und nicht alles zu mulchen. „Das Mähwerk allein ist schon ein martialisches Gerät, aber diese Schlegelmähwerke zermusen einfach alles.“ Vor allem auch die Insekten in den Zwischenstadien, die Raupen, die Puppen, die Kokons – damit sind die Nahrungsquellen für Vögel zerstört.

„Rebhuhnküken brauchen in den ersten drei Lebenswochen allein eiweißreiche Insektennahrung wie Raupen, Käfer, Regenwürmer, Ameisen und Blattwanzen. Sonst sterben sie.“ Und wenn man im Grünland alle vier Wochen mäht, gibt es erwiesenermaßen nur noch drei Grassorten, die aufwachsen, nichts Blühendes mehr. „Aber wie sollen sich Insekten dann ernähren, die ihrerseits Nahrung für eine ganze Reihe von Tieren sind?“, fragt Klingler. Er will argumentieren und wachrütteln.

„Oft verweisen Landwirte darauf, dass sie ja zum Beispiel Senf anpflanzen. Aber diese Pflanzen werden bis zu 1,50 Meter hoch, bei Regen legt sich das Ganze hin, bleibt nass und ist keinesfalls Lebensraum fürs Niederwild.“ Wer profitiert, sind einmal mehr Wildsauen, die eben auch vom intensiven Maisanbau für Biogasanlagen profitieren. Ein reich gedeckter Tisch...

Niederwild brauche nicht zu dichten, nicht zu hohen Bewuchs: Rebhühner mögen Sandbäder, brauchen das für Gefieder und Wohlbefinden, es gebe durchaus Alternativen wie Alexandriner- oder Perserklee – und der freut als Nahrung auch den Hasen. Der Winter kommt und Klingler klingelt weiter an den Türen. Die Außenarbeiten bei den Bauern sind abgeschlossen, nun will er geschlossene Ohren öffnen. Bei den Landwirten, bei den Gemeinden, bei der Kirche. „Es gibt genug Flächen, die am Hang liegen, entlang eines Baches, die einen unguten Schnitt für Maschinen haben, um die soll es gehen.“ „Inseln des Lebens“ nennt er sie. Insekten, Niederwild und Vögel brauchen solche Lebensinseln.

Wer kennt heute noch Grauammer, Feldlerche, Schafstelze, Braunkehlchen und Kiebitz? „Es kann doch nicht sein, dass ich mit meinen Enkeln in den botanischen Garten gehen muss, um ihnen Klatschmohn zu zeigen. Wir haben eine Verpflichtung für die Flora und Fauna. Und das muss auch noch inmitten einer hochindustriellen Landwirtschaft drin sein. Das sind wir der Natur schuldig!“

KONTAKT Interessenten, die aktiv etwas tun möchten, können sich gerne an den Vorsitzenden des Ausschusses Niederwild des Bayerischen Jagdverbandes Gerhard Klingler wenden: Tel. 0172/2540 303 oder 09337/1371; E-Mail: gerhardklingler@web.de

WAS GÄRTNER, BAUERN UND GEMEINDEN TUN KÖNNEN

• Ein- oder mehrjährig Blühstreifen abseits viel befahrener Straßen geben Nahrung und Deckung. Das würde auch das Straßenmassaker an Rehen verhindern, wenn sie Äsungsflächen abseits der Straßen fänden.

• Vernetzte Grünstreifen mit Klee-Einsaaten entlang von Hecken und Bächen bilden Ruhezonen und dienen auch als Kinderstube.

• Feldwege, Ackerränder, Böschungen, Wegbankette und Streuobstwiesen sind wichtige Lebensräume – auch der Privatmann mit einem größeren Garten kann dazu beitragen.

• Die Blüten verschiedener Wildkräuter locken unzählige Insekten an. Diese Kleinbiotope dürfen nicht vor Mitte Juli gemäht oder gemulcht werden. Auch ein Appell an Gärtner!

• Nach der Ernte sollte ein Teil der Getreidestoppeln nicht gegrubbert werden, damit Ausfallgetreide und Wildkräuter auflaufen können.

• Bearbeitete Äcker unmittelbar nach der Ernte mit Zwischenfruchtbegrünung bestellen, die nicht nur den Feldhasen Nahrung und im Winter Schutz bieten.

Die Verlierer auf Feld und Wiesen – Welches Tier gehört zum Niederwild?

• Das Rebhuhn

Wer jemals ein Rebhuhn „live“ gesehen hat, kann sich glücklich schätzen. Der gedrungene, etwa 30 Zentimeter große Hühnervogel mit rost-gelbem Kopf und braungrauem Gefieder, steht in Bayern auf der Roten Liste. Der Standvogel war bis in die 1960er-Jahre ein häufiger Brutvogel in Niederungen und Mittelgebirgen. Der ursprüngliche Steppenbewohner besiedelt als Kulturfolger Wiesen und Felder. Kartoffelfelder, Feldraine und Hecken, die die traditionelle Landwirtschaft prägten, aber sind verschwunden und mit ihnen das Rebhuhn. Im April ist die Paarbildung so gut wie abgeschlossen und die Hennen beginnen zu Monatsende mit ihrem Gelege. Nach rund 25 Tagen schlüpfen aus den bis zu 20 Eiern die Küken, die sofort das Nest verlassen und selbstständig nach Nahrung suchen. Rebhühner führen eine monogame Brutehe. Beide Altvögel kümmern sich um die Küken und „zeigen“ ihnen die Nahrung – die sie aber in der industrialisierten Landwirtschaft nicht mehr finden.

• Der Feldhase

Er ist ursprünglich ein Steppenbewohner, ein reiner Pflanzenfresser und sehr anpassungsfähig. Sein bevorzugter Lebensraum sind gegliederte, landwirtschaftliche Nutzflächen, er kommt aber auch im Wald vor. Behaart und sehend werden die Hasen geboren. Die Jungtiere sind schnell auf sich allein gestellt. Um keine Fressfeinde wie Fuchs, Greif- und Rabenvögel anzulocken, säugt die Hasenmutter ihre in Abständen voneinander liegenden Jungen nur einmal am Tag nach Sonnenuntergang. Als Nestflüchter sind sie in der Lage, Umgebungskälte mit erhöhter Wärmeproduktion auszugleichen. Eine Besonderheit beim Feldhasen ist die sogenannte „Superfötation“, das bedeutet, dass die Häsin, obwohl sie immer noch schwanger ist, bereits wieder befruchtet werden kann. Trotz der stattlichen Zahl an Nachkommen ist selbst unter günstigen Bedingungen bestenfalls mit einer Verdoppelung der Population zu rechnen! Mähwerke und Mulchgeräte verhindern frühzeitig die Blüte von Wildkräutern. Pflanzengesellschaften aus Schafgarbe, Löwenzahn, Hirtentäschelkraut, Wilde Möhre, Kamille und Vogelmiere, die Feldhasen und anderen Niederwildarten gut tun, sind heute so gut wie ausgerottet. Schließlich fordern Feldwege, Mähwerke und Straßen jährlich Opfer.

• Der Fasan

Seine Bestände sind stark geschrumpft, auch der farbenprächtige Feldbewohner braucht Hilfe, um in der Kulturlandschaft überleben zu können. Der Fasan ist seit den Zeiten der Römer in unseren Fluren heimisch. Als Bewohner des Tieflands benötigt er einen Lebensraum mit ausreichend Insektennahrung für die Aufzuchtzeit der Jungen sowie Körner- und Knollenäsung im Herbst und Winter. Dichte Feldholzinseln, Dornenhecken, Erlenbrüche und Schilfgürtel bieten ihm in der vegetationslosen Zeit Schutz vor Witterung und Fressfeinden. Abends fliegt er auf Randbäume. In der Zeit vom 1. April bis 15. Juli (Brutphase) brüten die gut getarnten, erdbraun gefiederten Hennen ihre Gelege mit acht bis zwölf Eiern aus. Die Jungfasane sind nach zehn bis zwölf Tagen bereits flugfähig. Der Familienverband löst sich nach rund 80 Tagen auf. Blühende Wildkräuter locken unzählige Insekten an, die auch für die Kükenaufzucht lebensnotwendig sind.

• Die Wachtel

Sie ist der einzige Zugvogel unter den heimischen Hühnervögeln. Sie überwintert südlich der Sahara. Das kleine, starengroße Feldhuhn ist perfekt getarnt und tut sehr heimlich. Ende Mai bis Anfang Juni legen die Wachteln bis zu 14 Eier in flache, mit dürrem Gras ausgekleidete Bodenmulden, die sie 18 bis 20 Tage bebrüten. Wachteln sind polygame Vögel, der Hahn beteiligt sich nicht an der Aufzucht. Die Henne kümmert sich alleine um den Nachwuchs, bis dieser nach rund 19 Tagen flugfähig ist.

INTERESSANTE LINKS

" www.jagd-bayern.de

"www.wildland-bayern.de

 

VON NICOLA FÖRG

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