Neue Wege am Energiemarkt

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Unternehmer auf neuen Energiewegen: Frank Backowies (li.) und Raffael Schindele von gara energy systems.

Kaufbeuren – Mit dem Zauberwort „Regelenergie“ will das im März gegründete Start-up-Unternehmen „gara energy systems GmbH“ den Herausforderungen der Energiewende begegnen. Geschäftsführer Raffael Schindele und Partner Frank Backowies sehen die Lösung im Verlagern der Energiesteuerung von der Erzeuger- auf die Verbraucherseite.

Das im „House of Energy“ im Bavariaring in Kaufbeuren angesiedelte Unternehmen stellte jüngst seine Konzepte einigen Energieversorgungsunternehmen und Kommunalbetrieben als möglichen Bedarfsträgern vor. Dazu gehört auch die Pyrolyse von Biomasse zu Pflanzenkohle. 

Nach dem politisch gewollten Atomausstieg und dem Zuwachs alternativer Energieformen ist der Energiemarkt ständig weiter unter Druck geraten. Das liegt im Wesentlichen daran, dass Erzeuger und Verbraucher sich zunehmend azyklisch beeinflussen. Das heißt, Wind und Sonne sind bei sinkender Grundlastkapazität nicht immer verfügbar und steuerbar. Damit kommt es bei entsprechendem Bedarf zu starken Schwankungen der Netzfrequenz im Stromnetz, die auf 50 Hertz gehalten werden muss. Dies ist durch den starken Zubau alternativer Energiequellen so nicht mehr möglich. Früher regelten dies die Großkraftwerke, welche je nach Verbraucherverhalten die Produktion steigerten oder verringerten. 

Frank Backowies, dessen Vertrag als Geschäftsführer der VWEW im April nach fünf Jahren endete, sieht die Lösung im Verlagern der Steuerung weg von der Erzeugerseite. „Deshalb werden das Gaspedal und die Bremse nun auf die Verbraucherseite gebracht“, so Backowies in seinem Vortrag vor den Unternehmen, in dem er über die Möglichkeiten der Energiewirtschaft in puncto Flexibilität und Direktvermarktung von Energieerzeugungsanlagen referierte. Dabei stellte er die Möglichkeiten sogenannter „virtueller Kraftwerke“ vor. 

Hier werden mehrere kleine Energieerzeuger beispielsweise in Form von Biogas-, Solar-, Windenergieanlagen und Wasserkraftwerken miteinander vernetzt und können als Verbund die Stromschwankungen ausgleichen. Verbraucher können in diese Flexibilität eingebunden werden. Auch die Direktvermarktung von Strom aus Biogas- und aus Solaranlagen ist ein weiterer Dienstleistungsbereich der Firma. Wie Backowies als Energiefachmann darstellte, gibt es dabei eine Prämie zusätzlich zur EEG-Vergütung also praktisch „on top“ –, die selbst bei einem Wegfall der EEG-Vergütung verbleibt. 

"Pyrolyse nächste Generation"

Geschäftsführer Raffael Schindele stellte den zweiten Hauptbereich der Firmentätigkeit vor. Den Umweltfachmann mit Wurzeln in der Landwirtschaft hat die Pyrolyse (siehe Infokasten) von Biomasse vor einem Jahr mit seinem Geschäftspartner Frank Backowies verbunden. Nun ist aus dem Konzept ein vermarktungsfähiges Produkt entstanden, was viele Potentiale birgt. 

Schindele beleuchtete die aktuelle Situation der Trinkwasserqualität in Deutschland, bezogen auf die Nitratwerte über die Herausforderungen der Bodenerosion sowie die Notwendigkeit von Alternativen. „Die Pyrolyse kann in vielen Umwelt- und Wirtschaftlichkeitsfragen die passenden Antworten liefern“, so Schindele. Als besonderen Vorteil stellte er die Nutzung von bisher schlecht verwertbarer Biomasse vor. So können Wurzelstöcke, Getreidespelzen oder auch Streuballen sehr wirtschaftlich veredelt werden. Für ihn ist die Pyrolyse die nächste Generation von Biogas- und Hackschnitzelheizanlagen und steht in keinerlei Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. 

Die erst zwei Monate alte Firma hat sich viel vorgenommen und ist bereits in Finnland, Estland und Griechenland in Gesprächen zur Umsetzung ihrer Ideen unterwegs. Die Begeisterung und die Fachkompetenz über ihre Arbeitsthemen sind den zwei Initiatoren – Energiewirtschaftler trifft auf Landwirt- und Wasserwirtschaftler – nicht nur anzumerken, vielmehr wird hier eine Vision gelebt und zeitgemäß umgesetzt.

von Wolfgang Becker

Was ist Pyrolyse?

Die Pyrolyse ist eine Verbrennung ohne Sauerstoff. So entsteht aus der zugeführten Biomasse ein ganzes Produktpotpourri von Grillkohle über Pflanzenkohle für die Landwirtschaft bis hin zum Aktivkohlegrundstoff. Daneben kann die Abwärme in einem Fernwärmenetz oder zur Wasserreinigung genutzt werden. Das entstehende Pyrolysegas wird in diesem Konzept über ein BHKW zu Strom veredelt, welcher über die Nutzung der Regelenergiemärkte vermarktet wird. 

Über die vielfältigen Eigenschaften der Pflanzenkohle und den Nutzen für die Landwirtschaft und Kommunen bis hin zum Hobbygärtner informiert Schindele innerhalb eines Vortrags am 24. Juni um 19.30 Uhr im House of Energy im Bavariaring 14 in Kaufbeuren. Weitere Informationen und Anmeldung unter Telefon 08341/9712000 sowie im Internet unter www.gara-energy.de.

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