Vom Maurer zum Minister

"Staatsfeind Nr. 1"

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Vom Maurer zum Minister: Rainer Eppelmann im Kaufbeurer Dialog über sein Leben in der ehemaligen DDR.

Kaufbeuren – „Eine Geschichtsstunde wie selten zuvor.“ So fasste Stadtrat Richard Drexl (FW) den Vortrag von Rainer Eppelmann, Friedensaktivist und späterer Minister der Volkskammer der DDR, im Kaufbeurer Dialog zusammen. Der evangelische Pfarrer hatte mit seinen „Bluesmessen” in der Friedensbewegung der achtziger Jahre enormen Zulauf bekommen.

Das bescherte ihm die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit und ließ ihn zum „Staatsfeind Nr. 1“ der DDR-Regierung werden. In der Vortragsreihe sprach der in Ostberlin Geborene über sein Leben vom „Maurer zum Minister“ im geteilten Deutschland. 

In seiner Einführung bezeichnete Drexl als Organisator des Dialogs Eppelmann als Menschen mit „beeindruckender Biografie, der bleibende Spuren hinterlassen“ habe. Dessen Gewissen und Unbeugsamkeit ihn geleitet habe und den auch ein fingierter Autounfall nicht von seiner Einstellung zum Regime abbrachte. Er wurde später Abgeordneter der letzten DDR-Volkskammer und – kurioserweise als einstiger Pazifist – Minister für Abrüstung und Verteidigung. 

Eppelmann spannte in seinem Vortrag zunächst einen Bogen von der Weimarer Republik bis 1961. Locker und im Urberliner Dialekt schilderte der ehemalige „Staatsfeind Nr. 1“ anschließend teils amüsant, teils ernsthaft nachdenklich seine Zeit bis 1989 im Osten Berlins, wo er 1943 geboren war und heute noch lebt. 

Er selbst war bis zum Mauerbau in Westberlin zur Schule gegangen, sein Vater hatte im Westen gearbeitet. Damit hatte die Familie für das Ost-Regime den Status als „Staatsverräter“. Weil ihm Abitur und Studium verweigert wurden, machte er eine Lehre als Maurer. Als Kriegsdienstverweigerer und Bausoldat – die Gelöbnisverweigerung bescherte ihm zudem acht Monate Gefängnis – entschied er sich mit 25 Jahren für das Studium der evangelischen Theologie, da die einzigen guten Erfahrungen in der „zugemauerten DDR“ für ihn untrennbar mit der Kirche verbunden waren. 

"Traumatisierte Erfahrung" 

„Nachdem Anfang 1961 monatlich 15.000 Menschen die DDR verließen, verhinderte der Mauerbau ein weiteres Schrumpfen des Staates“, erzählte Eppelmann. Er sprach von einer „traumatisierten Erfahrung“ der Bürger: „Eingesperrt in einer Gesellschaft zu leben, mit der man auf Leben und Tod verbunden war; es gab keine Freizeiten, nur Rüstzeiten.“

 „Doch dann wurde das Flüstern noch größer, denn wir hatten das wahnsinnige Glück von zwei deutschen Staaten“, berichtet der Theologe. Man habe über das West-Fernsehen ja alles über das Leben, Einkaufen und Verreisen im anderen Teil gesehen. Die Sehnsucht nach Wohlstand sei groß gewesen und „irgendwann begriffen wir: Das wird immer schlimmer“. 

Er gab tiefe Einblicke in die Seele der Leipziger Demonstranten in der Zeit des Umbruchs. Was passiert bei der Demo am Abend? Wird man gleich verhaftet oder passiert gar Schlimmeres? 

Das Wort „Wende“ für den Niedergang des SED-Systems ist aus Sicht des ehemaligen Friedensaktivisten allerdings falsch gewählt. Er spricht von einer „Revolution nach Feierabend“ der engagierten Bürger. Als Mitglied des sogenannten „Runden Tisches“ bekam er auch Kenntnis eines brisanten Vorhabens: Im Vorfeld der erwarteten Wiedervereinigung sollten alle Stasi-Leute in die Truppen der NVA eingegliedert werden. Als der Plan öffentlich wurde, verzichtete man darauf. 

Eppelmann, der erstmals in Kaufbeuren weilte, äußerte am Ende des Abends einen Wunsch: Er würde gerne 93 Jahre alt werden. „Dann kann ich meiner Frau sagen: Jetzt habe ich ein Jahr länger in einer Demokratie als in einer Diktatur gelebt“, so Eppelmann schmunzelnd. 

Der Spendenerlös des Vortragsabends ist für die „Bürgerstiftung Kaufbeuren e. V.“ bestimmt. Deren Integrationsprojekt „Überwindung traumatischer Erlebnisse von Flüchtlingskindern durch Begegnung mit Tieren” soll damit unterstützt werden.

von Wolfgang Becker

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