Gedenktag gegen das Vergessen

Erinnerung an die 1941 in Russland Vertriebenen: Mitglieder vom Verein der Russlanddeutschen stellen im Gedenkgottesdienst Kerzen auf. Foto: Becker

Für viele Kaufbeurer unbemerkt fand am vergangenen Sonntag ein Gedenktag statt. Ein Tag, an dem an die Verfolgung und Vertreibung vieler Deutscher während des Zweiten Weltkrieges in Russland begann. Grundlage war der sogenannte „Stalin-Erlass“ vom 28. August 1941, der als Antwort auf den von Hitler am 22. Juni 1941 begonnenen Russland-Feldzug die Deportation aller Deutschen vorsah. Diese wurden entschädigungslos nach Sibirien und in asiatische Sowjetrepubliken verbannt. Ab Mitte der 1950er Jahre war eine Umsiedlung nach Deutschland möglich. Heute leben in Kaufbeuren rund 5.500 Spätaussiedler. In Gedenkgottesdiensten in der Dreifaltigkeitskirche in Kaufbeuren und der Herz-Jesu-Kirche in Neugablonz wurde der Hunderttausenden von Toten als Folge der Vertreibung gedacht.

Diakon Wolfgang Stock vom Seelsorgezentrum der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinden ist Aussiedlerbeauftragter und hat sich ausführlich mit diesem „Stück vergessener deutscher Geschichte“ befasst. In Russland lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts insgesamt knapp drei Millionen Deutsche in der Ukraine in den Siedlungsgebieten Wolhynien (Wolhyniendeutsche) und am Schwarzen Meer (Schwarzmeerdeutsche) sowie an der Wolga (Wolgadeutsche). Da die großen Siedlungsgebiete in der Ukraine im Verlauf des Zweiten Weltkriegs unter deutsche Besatzung geraten waren, konnte Stalins Deportationsbefehl zunächst nur im Gebiet an der Wolga durchgesetzt werden. Vierhunderttausend Wolgadeutsche wurden der Kollaboration beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Das gleiche Schicksal ereilte rund 250.000 Wolhyniendeutsche, die 1943 bis westlich der Oder geflüchtet waren und von den Westalliierten an die Sowjetunion zurückgeführt wurden. Tod als Erlösung In den Erzbergwerken des Ural, in den Kohlegruben hinter dem Polarkreis und in den Wäldern von Sibirien mussten sie Schwerstarbeit leisten. Begleitet von Repressalien, seelischer Verzweiflung und Hunger war der Tod oft die Erlösung. In den sowjetischen Medien führten Hetzkampagnen dazu, dass die Bezeichnung „Deutscher“ als Fluch betrachtet wurde und bedeutete, dass man weniger wert war. Mit dem Verlust von Heimat und Besitz ging eine einzigartige und eigenartige deutsche Kultur verloren. „Es lohnt sich, bekannt zu werden mit dieser Geschichte, die zu unserer gehört. Es ist nicht die Geschichte Fremder, sondern ein Teil der deutschen Geschichte“, so Diakon Wolfgang Stock. Gottesdienst Der Gedenkgottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche wurde von Pfarrer Dominic Leutgäb zelebriert und vom Verein der Russlanddeutschen mitgestaltet. In einer Ansprache erinnerte Rosalia Walter an das unsägliche Leid der älteren Generation ihrer Landsleute. Die Russlanddeutschen hätten am eigenen Leib erfahren müssen, was es heißt, zwischen zwei kriegerische Nationen zu geraten. Nach vom KGB der UDSSR zusammengestellten Unterlagen seien allein bis 25. Dezember 1941 in den ersten drei Monaten etwa 900.000 Frauen, Männer und Kinder zwangsumgesiedelt worden. Nach Historikerangaben hätten insgesamt 300.000 Russlanddeutsche ihr Leben verloren, entweder während der Deportation in den Viehwaggons oder in den berüchtigten stalinistischen Zwangsarbeitslagern. „Es sind unsere Eltern und Großeltern, die in der Erde Russlands ruhen. Wir dürfen sie nicht vergessen und gedenken ihrer im Gebet“, so Rosalia Walter. wb

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