Giftgaswolke über Kaufbeuren

Einsatzkräfte an der Schadensstelle am Wertachwehr üben die Bergung ans Ufer gespülter Verunglückter. Foto: Schönhaar

Zwei Flugzeuge stoßen in der Luft zusammen, Trümmerteile fliegen herab, verursachen Giftstoffaustritte. Es gibt Verletzte und Tote – und das alles im Kaufbeurer Stadtgebiet. Allerdings nur zu Übungszwecken. Am vergangenen Samstag fand in Kaufbeuren eine Vollübung des Katastrophenschutzes statt.

Es raucht, brennt, stinkt, knallt. Sirenen, Blaulicht, Einsatzkräfte, Verletzten-Schauspieler, Plastik-Körperteile, Hubschrauber – die Katastrophen- schützer der Stadt Kaufbeuren haben sich einiges einfallen lassen, um das Übungsszenario realistisch wirken zu lassen. Dieser Aufwand wird zur Ausbildung im Katastrophenschutz alle fünf bis sechs Jahre betrieben. Dann sind alle Kaufbeurer Hilfsorganisationen gefragt: Freiwillige Feuerwehr, Fliegerhorstfeuerwehr, Polizeiinspektion, -präsidium, THW, BRK mit Wasserwacht, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mit der Unterstützungsgruppe Sanitätseinsatzleitung, die Integrierte Leitstelle Allgäu Kempten sowie die Stadt Kaufbeuren mit der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FügK). Das Übungsszenario beginnt auf dem Kasernengelände des Fliegerhorsts Kaufbeuren. Ein Tornado wird gerade betankt, da stürzen Trümmerteile vom Himmel. Es gibt Verletzte, aus dem Tankzug läuft Kerosin aus. Die Fliegerhorstfeuerwehr ist als erstes im Einsatz, fordert Verstärkung an. Weitere Flugzeugteile, Gepäckstücke und der Flugzeugrumpf – in Form eines alten Busses – brennen und rauchen. In einem Innenhof des Bundeswehrgeländes steht ein beschädigter Gefahrstofftransporter. Es tritt hochgiftiges Hydracin aus. Was auch immer die Einsatzkräfte tun beim Retten, Bergen, Löschen – sie müssen extrem vorsichtig sein. 380 Männer, Frauen und Jugendliche sind bei der Übung vor und hinter den Kulissen im Einsatz. Davon allein 41 als Mimen für Verletzte und Tote. Kein leichter Job, vor allem nicht am zweiten Schauplatz des Katastrophenszenarios. Am Wertachwehr in der Schelmenhofstraße sind Wrackteile und Passagiere in den Fluss gestürzt. DRLG und Wasserwacht sind mit Booten und Tauchern vor Ort, retten Personen und bergen den Flugschreiber. Die Übungs-Situation wird durch eine Giftgaswolke verschärft. Das ausgetretene Hydracin ist schwerer als Luft und zieht Richtung Innenstadt. Mehr und mehr Einsatzkräfte werden alarmiert, schließlich ruft die Stadt Kaufbeuren den Katastrophenfall aus. Ab jetzt geht es nicht nur vor Ort hektisch zu. Im Katastrophenschutzkeller unter dem Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr Kaufbeuren sitzen 40 Leute der FügK und müssen das Übungs-Chaos koordinieren. Fachberater der beteiligten Organisationen helfen dabei. Auf einer Tafel und am PC erfassen sie jede neue Information, leiten sie gegebenenfalls weiter, nehmen Aufträge entgegen, kümmern sich um ungeklärte Fragen. Wer muss wann verständigt werden? Was passiert mit den Toten? Muss eine Sammelstelle eingerichtet werden? Aber auch weniger dramatische Dinge wie die Verpflegung der Einsatzkräfte läuft über die FügK. Ein Bürgertelefon wird eingerichtet. Eine verzweifelte Anruferin – vorher instruiert – will unbedingt wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist, die im Flugzeug saßen. Trotz Schluchzen und Schimpfen dürfen die Mitarbeiter ihr nur gesicherte und bestimmte Infos geben. Und dann ist da noch die penetrante Presse. Geschulte Polizisten mimen aufdringliche Reporter von Bild, Spiegel & Co. und versuchen, den Pressesprechern von Stadt und Polizei Informationen zu entlocken. Gegen 13:30 Uhr klären Oberbürgermeister Stefan Bosse, Einsatzleiter Wolfgang Zwinger, Vertreter von Bundeswehr, Polizei und Staatsanwaltschaft die wichtigsten Vorkommnisse in einer fiktiven Pressekonferenz. Für die Helfer vor Ort endet zeitgleich die Vollübung. Das kurze Fazit: Generell ist alles gut gelaufen, meinen die meisten. Aber hier und da hört man beim abschließenden gemeinsamen Mittagessen in der Küche des Fliegerhorsts, dass es knifflige Situationen gab. Da wurde auf einmal aus dem Zielflughafen des Passagierflugzeugs statt Graz das tschechische Prag. Funktechnik und die auseinander liegenden Schadensstellen teils auf Bundeswehrgelände bereiteten Probleme. Sogar zwei echte Verletzte brachte die groß angelegte Übung mit sich – das Knie eines Tauchers und der Kopf eines Feuerwehrmanns wurden leicht verletzt. Trotzdem schien die Stimmung unter den Einsatzkräften gut. Das Klima und die Kommunikation zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen haben gepasst. Ende Oktober wird es eine Nachbesprechung geben, bei der erörtert wird, was optimal gelaufen und was verbesserungswürdig ist. Damit sich die Kaufbeurer Bevölkerung auch im Ernstfall auf ihre Katastrophenschützer verlassen kann.

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