Stadt Kaufbeuren verbannt den "Grünen Pfeil"

Überfordert "Ostrelikt" die Wessis?

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Der Grüne Pfeil, hier an der Kreuzung Sudeten-/Proschwitzer Straße, soll komplett aus Kaufbeuren verschwinden.

Kaufbeuren – Nicht alle anwesenden Bürger zeigten sich zufrieden mit dem Ergebnis der jüngsten Bürgerversammlung zum Thema Verkehr. Denn das Ziel, Unfallschwerpunkte im Stadtgebiet zu entschärfen, beinhaltet für Bürgermeister Stefan Bosse die Abschaffung des Grünen Pfeils.

„Es werden nicht alle zufrieden nach Hause gehen, trotzdem hoffe ich, dass wir einen guten Einstieg gefunden haben. Wir sind aber für Anregungen stets dankbar, um die sich ergebenden Probleme gemeinsam zu lösen“. So Oberbürgermeister Stefan Bosse in seinem Schlusswort anlässlich der Bürgerversammlung im Kaufbeurer Stadtsaal zum Thema „Neuerungen im Stadtverkehr“. Grundlage ist ein Verkehrsgutachten, welches die Stadt aufgrund des traurigen Kaufbeurer Spitzenplatzes in der Unfallstatistik des GDV (Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft) an das „Büro für Stadt- und Verkehrsplanung“ (BSV) in Auftrag gegeben hatte (wir berichteten). Das Echo der anwesenden Bürgerinnen und Bürger fiel auch tatsächlich recht unterschiedlich aus. „Im Vorbeigehen“ konnte man aus den Unterhaltungen immer wieder entnehmen, dass die vom Stadtrat beschlossenen Konsequenzen nicht überall auf Begeisterung stoßen. Dabei haben diese laut Bosse das Ziel, die Unfallzahlen in Kaufbeuren zukünftig zu senken.

Nachdem Bosse zunächst die Probleme – wie zum Beispiel ein schlecht ausgebautes Straßennetz, überdurchschnittlich viele Pendler und witterungsbedingte Schwierigkeiten bei Eis und Schnee – aufgezeigt hatte, mit der sich die Verkehrsteilnehmer Kaufbeurens fast täglich auseinanderzusetzen haben, betonte er, auch die in Auftrag gegebene Studie könne nicht als „Allheilmittel“ angesehen werden. Insgesamt 16 Unfallschwerpunkte und vier Unfallhäufigkeits-Linien hatte das beauftragte BSV innerhalb Kaufbeurens festgestellt. Diese wurden den Anwesenden in Videosequenzen und Unfalldiagrammen mit entsprechenden Verbesserungsvorschlägen durch die beiden Dipl.Ing. Reinhold Baier und Philipp Leu dargestellt.

Die anschließende Diskussion zeigte, dass die Anwesenden von den ersten sich ergebenden Konsequenzen aus dem Gutachten nicht völlig überzeugt werden konnten. So fragte ein Bürger Verkehrsexperten Baier, „wie oft dieser mit dem Fahrrad“ durch seine Stadt fahre. Seiner Meinung nach würden nämlich die vorgeschlagenen Schutzstreifen für Fahrradfahrer „voll daneben liegen“. Dem Autofahrer werde dadurch Platz weggenommen und die Radler wären noch dichter im Verkehrsgeschehen als auf gekennzeichneten Radwegen.

„So wie es aussieht, macht   der Grüne Pfeil in ganz  Westdeutschland nur  Schwierigkeiten.“

Unruhig wurde es im Saal, als Oberbürgermeister Bosse zu erklären versuchte, warum alle sechs Grünen Abbiege-Pfeile im Stadtgebiet beseitigt werden sollen. Seiner Meinung nach wüssten viele Leute nicht, wie sie sich an solch einer mit einem Grünen Pfeil ausgestatteten Kreuzung zu verhalten hätten. In diesem Zusammenhang wies Bürger Klaus Queisser darauf hin, dass der Grüne Pfeil aus der ehemaligen DDR als Verkehrsregel übernommen wurde und er selbst während eines kürzlichen Aufent- haltes in Thüringen „keinerlei Probleme“ beobachten konnte. Er halte nichts von einem „Schnellschuss“. Vielmehr solle die Polizei verstärkt in Erscheinung treten. Er könne nie Polizisten an solch neuralgischen Punkten sehen. Seiner Meinung nach habe sich der Grüne Pfeil bewährt. Dem widersprach von Seiten der Polizei Stefan Horend ganz energisch und erklärte,  man könne dies nicht so stehen lassen. Immer wieder würden Kreuzungen mit der Grünen-Pfeil-Regelung überwacht und dabei müsse festgestellt werden, dass trotz sichtbarem Überwachungsfahrzeug das Haltegebot am Grünen Pfeil – der ja eine Stoppschild-Funktion habe – ignoriert und einfach durchgefahren werde und dadurch andere Verkehrsteilnehmer, auch Radfahrer und Fußgänger, gefährdet seien. OB Bosse vertrat hier die Meinung, dass vermehrte Kontrollen kaum eine Lösung brächten. Kaufbeuren sei  schließlich nicht die einzige Stadt, die den Grünen Pfeil weghaben wolle. So wie es aussehe, mache dieser in ganz Westdeutschland „nur Schwierigkeiten“. Eine Verlängerung der Grünphase könne hier unter Umständen eine bessere Lösung darstellen.

Mehr Disziplin für Radfahrer?

Zum Thema Radfahrer forderte Eugen Rebholz, unter dem Beifall vieler Anwesender, mehr Disziplin von diesen Verkehrsteilnehmern: „Die fahren wie und wo sie wollen, auch in der falschen Richtung und bei Dunkelheit ohne Licht“. Auch beobachte er immer wieder telefonierende Radler. Dankmar Hoffmann gab seinem Vorredner recht und wies darauf hin, dass beispielsweise in München Radfahrer viel strenger kontrolliert würden. Hier müsse auch von Seiten der Schulen mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. Durch eine bessere Verkehrserziehung könne viel erreicht und auch Verbesserungen erzielt werden. Es nütze wenig, so Hoffmann, „eine Million Euro für bauliche Veränderungen auszugeben, wenn andererseits viel zu wenig Präsenz durch Polizeikontrollen anzutreffen ist“. 

Hier stellte der Oberbürgermeister fest, dass diese Dinge „leider keine Sondersituation“ darstellten, die allein für Kaufbeuren zuträfe. Die Sachverhalte wären nicht schlimmer als in anderen Städten und von der Polizei nur sehr schwer zu kontrollieren. Sicher könne in größeren Städten mehr kontrolliert werden. Jedoch werde man auch diesen Punkt aufgreifen.

Bernhard Kuisle brachte den Kreisverkehr Kemptener-/Kemnater Straße als neuralgischen Punkt für die Schülerinnen ins Gespräch, die täglich zu Fuß in Richtung Mindelheimer Straße unterwegs seien und im Bereich des Kreisverkehrs keine richtige Verbindung fänden. Es sei klar, dass hier die „linke Variante“ benutzt werde. Außerdem sollten auch die Autofahrer speziell in diesem Bereich größtmögliche Aufmerksamkeit walten lassen und sich der jeweiligen Verkehrslage anpassen.

Josef Marz sprach die Situation an der Kreuzung Mindelheimer/Türkheimer Straße an und mahnte, diesen „Unfallschwerpunkt abzuschaffen“. Seiner Meinung nach habe die Stadt hier bislang nichts unternommen. Bosse beruhigte hier und erklärte, dass man entsprechende Planungen bereits „in der Tasche“ habe. Es sei nicht einfach, aber man sei auf gutem Wege, eine Lösung dieses Problems anzubieten.

In seinem Schlusswort zog der  Rathauschef das Resümee, dass die vom Stadtrat beschlossenen Neuerungen – wie die Abschaffung des Grünen Pfeils und bauliche Veränderungen – offenbar zunächst einmal keine Begeisterungsstürme in der Bevölkerung ausgelöst hätten. Dennoch bemühe sich die Stadt weiter, die aufgedeckten Unfallschwerpunkte zu entschärfen und damit einen Beitrag zu leisten, dass Kaufbeuren den Fluch der höchsten KFZ-Versicherungsprämien in ganz Deutschland abwenden kann. von Klaus-Dieter Körber

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