Harter Kerl mit weichem Kern

"Normal is‘ des net!"

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Markus Stoll grantelt in seiner Rolle als Harry G. gern.

Benediktbeuern – Bissig, zynisch, böse und ganz sicher nicht politisch korrekt: in der Rolle des grantelnden Harry G. erspielte sich Markus Stoll innerhalb kürzester Zeit einen festen Platz in der deutschen Comedy-Szene. Auf süffisante Art, mit brillanten Parodien sowie einer ordentlichen Portion bitterböser Satire schildert Harry G. seine ganz eigene Sicht der Dinge über das Leben in der bayerischen Großstadt.

Was in amüsanten Videos der sozialen Medien begann, findet im Programm „Leben mit dem Isarpreiß“ seine Fortsetzung auf der Bühne in Benediktbeuern. Im Gespräch mit dem Kreisboten verrät Markus Stoll, warum sein Harry G. ein harter Kerl mit einem weichen Kern ist. 

Herr Stoll, warum in aller Welt gibt man den rentablen Job eines Investment-Managers auf, um als Comedian auf der Bühne Karriere zu machen?

Stoll: Man spielt ja in beiden Jobs ständig eine Rolle und macht sich zum Kasper. Schon als Kind habe ich davon geträumt, auf der Bühne zu stehen – als Künstler, Schauspieler, Moderator. Doch nach der Schule kam das BWL-Studium – auch weil es von außen natürlich immer hieß: Junge, lern‘ etwas Anständiges. Die Umwege, bis ich dann wirklich auf der Bühne landete, waren allerdings groß. In meinem ersten „anständigen“ Job habe ich viele Vorträge gehalten, die wie Comedy einfach lustig waren. Als ich gekündigt und ein Start-Up gegründet hatte, lief das mit den Videos als Idee so nebenher. Bis ich merkte, dass ich das eigentlich erfolgreiche Produkt war und nicht mehr das Start-Up... Seit zweieinhalb Jahren funktioniert Harry G. in ungeahnten Dimensionen. Das ist auch für mich nicht immer begreifbar. 

Wie macht man aus einer Figur wie Harry G. mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von eineinhalb Minuten Videoclip auf Youtube den Hauptdarsteller eines abendfüllenden Bühnenprogramms – wie wird aus Mickey Mouse ein Hamlet? 

Stoll: Natürlich war mir von Anfang an klar, dass ich die Videos nicht eins zu eins auf die Bühne übertragen kann. Im Film bringe ich die Essenz einer Beobachtung auf den Punkt. Knackig, zackig, knallhart. Auf der Bühne habe ich die Möglichkeit, aus der Beobachtung heraus Geschichten zu erzählen und mich an den Figuren wie dem „Isarpreiß“ auszutoben. Natürlich weiterhin bayerisch, urig, grantig. 

Ist dieser Harry G. nun der ur-bayerische Grantler, der bissig-bitterböse Meckerer, der dem Otto-Normalverbraucher aus der Seele spricht? Oder steckt in ihm auch ein weicher Kern, der des Idealisten und Weltverbesserers? 

Stoll: Harry G. ist der Weltverbesserer, der sich einfach wunderbar aufs Granteln versteht. Der genau hinschaut und sagt: „Normal is des net, was ihr treibt!“ Der beobachtet, wie alles noch extremer, noch zugespitzter und noch absurder wird. Der an das gesunde Mittelmaß erinnert. Der auf einem Münchner Spielplatz sieht, wie 300 Väter um 400 Kinder herumturnen und sich fragt: „Tun die das freiwillig?“ 

Ist München nicht auch eine besonders schöne Spielwiese für Satiriker? 

Stoll: Ja, München ist besonders augenfällig. Verglichen mit anderen Städten muss sich ein Münchner ja nicht einmal mehr um seinen Fußball Sorgen machen. „Ham‘s mir net schee!“, sagen die Münchner zu recht. Wo klar ist, dass der FC Bayern jedes Spiel mit 5:0 gewinnt, hat man genügend Zeit, sich um Yoga, das Wies‘n-Outfit oder das nächste angesagte Lokal zu kümmern. 

Dann kann auch nicht die Sorge bestehen, dass dem ewig grantelnden Harry G. irgendwann einmal die Themen ausgehen? 

Stoll: Sagen wir mal so: So lange unsere Gesellschaft keinen schweren Schlag erfährt, der uns zwingt, uns wieder auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, dann produziert sie immer neue Absurditäten. Wir gehen weiter joggen bis zum Umfallen, fahren mit dem Lifestyle-LKW zum Picknick an der Isar oder zum Italiener voll-vegan essen. Tja, und dann wird’s einem Harry auch nicht langweilig. Aber ich verteufle ja gar nicht alles, sondern will den Leuten nur den Spiegel ihrer eigenen Extreme vorhalten. 

Der Maierhof in Benediktbeuern ist der letzte Spielort Ihrer Tour „Leben mit dem Isarpreiß“. Was erwartet das Publikum dort: furioses Finale oder wehmütiger Abschied? 

Stoll: Das Publikum dort kann sich auf ein fröhliches Fest freuen. Ich selbst bin vielleicht ein bisschen wehmütig, habe immerhin über Jahre mit dem „Isarpreiß“ gelebt. Gleichzeitig stecke ich auch schon mitten in den Vorbereitungen für die neue Tour „#HarrydieEhre“, die im Herbst startet – ich freue mich darauf. 

In Anspielung auf Harrys Beobachtungen in der Münchner Szene eine persönliche Frage: welches Auto fahren eigentlich Sie, Herr Stoll? 

Stoll: Ein praktisches Auto der Mittelklasse, weder SUV noch Porsche Cabrio, wenn Sie das meinen! 

Das Interview führte Angelika Hirschberg. 

Tickets und Informationen auf www.harry-g.com.

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