Heimat gestalten – aber wie?

+
Diskutierten über die Zukunft von Kommunen (v. li.): Christine Degenhart, Prof. Mark Michaeli, Tilman Ritter, Anton Hohenadl und Martin Hofmann sowie Martin Wölzmüller.

Kaufbeuren – „Ein Abend zum gscheiter werden.“ Mit diesem Satz fasste Martin Wölzmüller das Ergebnis einer Podiumsdiskussion als deren Leiter zusammen. Anlässlich seines 125-jährigen Bestehens hatte der Heimatverein Kaufbeuren unter dem Titel „Denn das Beste liegt innen“ zu einer Diskussion über die Zukunft unserer Innenstädte und Dorfkerne mit externen Fachleuten in das Haus St. Martin eingeladen. Bewusst hatte sich der Verein nach den Worten von Werner Weirich als Vereinsvorsitzender entschieden, sich nicht mit der Vergangenheit des Vereins, sondern der zukünftigen Entwicklung der Stadt auseinanderzusetzen.

Das Leitziel des 1891 als „Alterthumsverein Kaufbeuren“ gegründeten Vereins war, „Geborgenheit und Identität in der eigenen Umgebung zu finden“, wie es der Vorsitzende ausdrückte. In der heutigen Satzung ist dies unter anderem so manifestiert: „Der Verein hat den Zweck, die natürliche und geschichtlich gewordene Eigenart der Heimat zu bewahren und zu fördern“. Dazu gehöre auch, sich mit der Zukunft der Stadt und der umgebenden Dörfer zu beschäftigen. „In unseren Dörfern gefällt uns nicht alles, was wir sehen, aber einiges nötigt uns Respekt und Anerkennung ab“, so Weirich. „Schön, dass sie sich zu spannenden Themen zu Wort melden“, sagte Oberbürgermeister Stefan Bosse in seinem Grußwort vor rund 120 Besuchern und bezeichnete die Entwicklung der Innenstädte als „große Herausforderung“.

Bei seinen einführenden Worten sprach Wölzmüller von „Gefahren und Konflikten bei der Entwicklung von Siedlung und Raum“. Heimat bedeute heute unter anderem Arbeit, Freizeit und Versorgung. Das stelle eine schwierige Balance zwischen den aktuellen Bedingungen und der Zukunft dar. „Wir müssen über die Demarkationslinie der Thujahecke hinaus denken“, so der Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege.

"Wo will man hin?"

Durch die hochkarätig besetzte Runde mit Christine Degenhart (Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer), Prof. Mark Michaeli (TU München, Lehrstuhl für nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land), Tilman Ritter (Ministerialrat Oberste Baubehörde und Stadtheimatpfleger in Kempten) und Anton Hohenadl (Kreisbaumeister Landkreis Ostallgäu) sowie Martin Hofmann (Architekt, Gemeinderat in Irsee) zog es sich wie ein roter Faden: Die Frage nach dem „Wo will man hin“, eine genaueste Grundlagenermittlung und städtebauliche Analyse, Einbindung der Bürger und das Denken in größeren Zeiträumen.

Beratung als Rat

„Wir denken teilweise nur in Legislaturperioden“, formulierte es Tilman Ritter, der aus Kempten von Fehlern berichtete, darunter die Bebauung des Brauhaus-Geländes als „unsäglich“ bezeichnete. Langfristplanung und schnelle Erfolge der Politik seien nicht kompatibel. Hinsichtlich der Beratung durch Experten gaben Michaeli und Degenhart eindeutige Empfehlungen. „Die Politiker sollten sich durch Fachleute beraten lassen“, so der Lehrstuhlinhaber und warnte „vor Notlagen“. Man müsse auch in Kaufbeuren „Ideen entwickeln und die Stadt permanent neu denken“. „Architekten sind stets mit offenen Augen unterwegs und gute Berater in unterschiedlichen Bereichen“, sagte Degenhart, die rund 24.000 Berufskollegen in Bayern vertritt. Sie warnte vor dem „Ausbluten von Ortschaften“ und empfahl, Lebensqualität und Baukultur miteinander zu verbinden – auch mit Blick auf den demografischen Wandel.

Vereinsmitglied Elisabeth Sturm zeigte sich besorgt um die Zukunft der „prächtigen Kaiser-Max-Straße“ und sorgte für Heiterkeit mit dem Vorschlag von Beachvolleyball-Feldern. Am Ende wurde deutlich, dass die Wohnungsnutzung – insbesondere junger Menschen – der Schlüssel in den Innenstädten sein wird. Hohenadl führte an, man müsse „von der Ortsmitte her denken“. Es wäre ideal, „eine neue Nutzung in ein altes Gebäude zu schieben“.Michaeli gab abschließend den Rat: „Bewohnen Sie Ihre Stadt und verknüpfen Sie diese mit der Region.“ Er ärgere sich beim Besuch in Kaufbeuren immer über den Weg vom Bahnhof in die Innenstadt, den er sich anstatt über die Straße anders vorstellen könnte.

von Wolfgang Becker

Meistgelesene Artikel

KU braucht neuen Klinik-Chef

Kaufbeuren/Ostallgäu – Dr. Philipp Ostwald, Chef der Ostallgäuer Krankenhäuser, wird seinen Vertrag mit dem Kommunalunternehmen (KU) nicht …
KU braucht neuen Klinik-Chef

Bürgermeister wartet auf Anruf

Buchloe – Noch wartet Bürgermeister Josef Schweinberger auf den Anruf für eine Terminvereinbarung mit dem Vorstand des Gewerbevereins. In der …
Bürgermeister wartet auf Anruf

Dose für den Notfall

Marktoberdorf – Im Cafe „Greinwald“ stellte der Sozialverband VdK Kreisverband Kaufbeuren-Ostallgäu mit der sogenannten „SOS-Rettungsdose“ kürzlich …
Dose für den Notfall

Kommentare