Hochschulrat kippt Entscheidung und startet jetzt selbst in Kempten durch

Ein klares "Nein" für Kaufbeuren

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Bernhard Pohl will weiter für den Hochschulstandort Kaufbeuren kämpfen.

Kaufbeuren/Kempten – Was viele Kaufbeurer bereits seit Monaten befürchtetet haben, ist nun Realität geworden. Der Hochschulrat der Hochschule Kempten hat seine 2012 gefasste Entscheidung, eine Hochschulaußenstelle mit dem Studiengebiet „Gesundheit und Generationen“ in Kaufbeuren errichten zu wollen, gekippt.

Statt am Standort Kaufbeuren, wie es noch vor kurzer Zeit im Raum stand, startet die Hochschule Kempten ihren neuen Studienzweig "Gesundheit und Generationen" jetzt selbst am Standort Kempten. Diesen Beschluss hat das Gremium mehrheitlich am Dienstag gefasst. In einer Presseerklärung der Hochschule heißt es dazu, dass man bereits 2011 ein fundiertes, in sich geschlossenes und modular aufgebautes Konzept für ein Studienangebot mit mehreren Studiengängen zum Thema „Gesundheit und Generationen“ vorgelegt habe. Dieses Konzept sollte in Kaufbeuren realisiert werden. Jedoch stehe dafür bis heute keine Finanzierung (wie mehrfach berichtet). 

Daher beschäftige sich der Hochschulrat in seiner Sitzung am Dienstag erneut mit dem Standort für dieses neue Studienfeld. Der Rat hält es für wichtig, das Studienangebot mit in- novativen Inhalten zur Profilierung der Region Allgäu als Gesundheitsregion umzusetzen. Angesichts des demografischen Wandels sowie des Fachkräftemangels im Gesundheits- und Pflegebereich sei es für die Region von hoher Bedeutung, dass die Hochschule einen Beitrag zur Lösung dieser sich verstärkenden Probleme leiste, heißt es in der Erklärung. In Anbetracht der kritischen Haltung des Bayerischen Wissenschaftsministeriums zu einer Außenstelle in Kaufbeuren in Verbindung mit der fehlenden Finanzierung dieses Standortes könne ein Einstieg in diesen Studienbereich jedoch nur in Kempten gelingen. 

Start mit zwei Studiengängen zum Wintersemester

Daher hat der Hochschulrat mehrheitlich einen entsprechenden Beschluss zur Umsetzung des Konzepts „Gesundheit und Generationen“ gefasst: Demnach stehe der Rat nach wie vor fachlich hinter dem Konzept der Hochschule Kempten zur Errichtung eines Studienfelds „Gesundheit und Generationen“. „Da derzeit jedoch auch andere Hochschulen Angebote für akademische Medizin- und Gesundheitsassistenzberufe entwickeln und eine Finanzierung am Standort Kaufbeuren nicht in Sicht ist, beschließt der Hochschulrat einen zügigen Einstieg in dieses Studienfeld am Standort Kempten mit der Realisierung von zwei Studiengängen aus dem Gesamtkonzept“. Wie Hochschulleiter Prof. Robert Schmidt auf Anfrage mitteilte, soll bereits im Wintersemester 2015/16 mit diesen zwei Studiengängen gestartet werden.

Auch spätere Verlegung nach Kaufbeuren ausgeschlossen

In der Vorbereitung werde jetzt eine Facharbeitsgruppe gebildet, die Einzelheiten zu den Studiengängen festlegt. Auch die Finanzierung müsse noch auf die Beine gestellt werden, wobei, wie berichtet, das Wissenschaftsministerium für diese Lösung bereits positive Signale gesendet hat. Der Option, dass man zu einem späteren Zeitpunkt noch Teilbereiche der Studiengänge nach Kaufbeuren auslagern könnte, erteilte Prof. Schmidt übrigens eine Absage: „Auch hierüber hatte der Hochschulrat diskutiert, jedoch konnte hierfür keine Mehrheit gefunden werden“. Der Beschluss sei so zu verstehen, dass man auch keine andere Auslagerung etwa nach Sonthofen oder Memmingen anstrebe, so Schmidt auf Nachfrage. Damit schiebt der Hochschulrat in gewisser Weise auch den Regionen einen Riegel vor, die sich, neben Kaufbeuren, ebenfalls für eine Außenstelle der Hochschule ins Gespräch gebracht hatten. 

In Kaufbeuren stößt der Beschluss des Hochschulrates auf wenig Gegenliebe. „Es ist bitter und sehr enttäuschend“, so OB Stefan Bosse. Dennoch sei der Schritt des Gremiums für ihn nachvollziehbar, „wenn aus München derartige Signale kommen“. „Der Schlüssel für eine Hochschulaußenstelle liegt in München“, konkretisierte Bosse. Daher werde man sich mit der aktuellen Situation nicht zufrieden geben und weiter im Bayerischen Staatsministerium um den Standort Kaufbeuren kämpfen. Dabei soll auch die Bitte an Ministerpräsident Horst Seehofer erneuert werden, sich dieses Projektes anzunehmen. 

Mit Blick auf Kempten müsse man sich vor Augen halten, dass die Quote an Landesbeschäftigten in Kaufbeuren nur halb so hoch sei wie dort – proportional zur Einwohnerzahl. „Allein um hier einen Ausgleich zu erzielen, müssten 800 Landesbeschäftigte zusätzlich in der Wertachstadt arbeiten“, so Bosse auf die Frage, was man tun könne, um Kaufbeuren weiter voranzubringen. 

Auch der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler und Stadtrat Bernhard Pohl ist „wütend“. Dem Hochschulrat sei hier kein Vorwurf zu machen, denn er sei für strukturpolitische Entscheidungen nicht verantwortlich. Dass das Gremium jedoch keine Option für den Standort Kaufbeuren in seiner Beschlussfassung offen gelassen habe, könne er nicht verstehen. Ebenso wenig die Haltung Franz Pschierers, seinerzeit noch CSU-Finanzstaatssekretär. So habe Pschierer es versäumt, sich für die Finanzierung einer Außenstelle stark zu machen, nachdem der damalige Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch verkündet hatte, eine solche nach Kaufbeuren zu holen. „Es wurde versäumt, hierfür Planungskosten in den Doppelhaushalt aufzunehmen“, so Pohl, der diesbezüglich zu Jahresbeginn durchaus Chancen gesehen hätte. Stattdessen sei er Pschierer in dieser Angelegenheit vergeblich „hinterhergelaufen“. 

"Zu wenig getan – oder zu wenig Einfluss"

Pschierer selbst habe aus Pohls Sicht entweder „zu wenig getan“, oder „der Einfluss des Staatsministers ist nicht der, den er immer vorgegeben hat“. Darüber hinaus glaubt Pohl, dass Teile der Politik das Projekt Hochschulaußenstelle Kaufbeuren nie gewollt hätten. „Da gibt es Egoismen in Kempten“, betont er. Von der angeblichen, viel beschworenen Allgäuer Solidarität könne er in diesem Zusammenhang nichts sehen. Viel- mehr scheine es, als wolle man Kempten als „Allgäumetropole ausbauen“, so Pohl. Kaufbeuren dagegen sei durch den Wegfall des Bundeswehrstandortes ohnehin schon stark gebeutelt. „Statt dann zu helfen, taucht man nicht nur ab, sondern nimmt auch noch was weg“, resümiert Pohl. „In Kempten täuscht man sich aber, wenn man glaubt, Kaufbeuren sei nur ein Vorort“. 

Der Vorgang zeige aber auch, dass man sich in der Wertachstadt zukünftig anders aufstellen müsse. Für ihn ist ganz klar: „Kaufbeuren, Memmingen und Kempten müssen im Allgäu gleichberechtigt auf Augenhöhe nebeneinanderstehen“. Den Kampf um den Hochschulstandort Kaufbeuren gibt auch Pohl nicht auf. Er will erneut Ministerpräsident Horst Seehofer an sein Versprechen erinnern, Kaufbeuren im Zuge des Bundeswehr-Abzugs helfen zu wollen. „Ich will von ihm wissen, wie er der drittgrößten Stadt im Süden Bayerns konkret helfen will“, so Pohl. Eine „Ungleichbehandlung“ wolle er sich jedenfalls nicht mehr gefallen lassen. 

Mit Blick auf die Hochschule setzt er auf das Versprechen des ehemaligen Wissenschaftsministers Heubisch. Zwar sei dieser nicht mehr im Amt, aber er habe diese Zusage als Minister gegeben, und diese sei damit auch als Aussage der Staatsregierung zu verstehen. von Kai Lorenz

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