Ankommen, lernen, arbeiten

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Frank Forman, Chef der gleichnamigen Holzbaufirma aus Marktoberdorf, zeigt Emal Safai, was ein Zimmerer auf dem Dach alles beherrschen muss.

Marktoberdorf – Es ist früh am Morgen. Emal Safai schwingt sich auf sein Rad und fährt von seiner Unterkunft in der Marktoberdorfer Nordstadt nach Kohlhunden. Dort ist er um sieben Uhr mit seinem Chef verabredet, der ihn, den jungen Praktikanten, auf die aktuelle Baustelle mitnehmen oder vor Ort im Betrieb anlernen wird. Emal ist pünktlich, wie immer.

In mehreren Praktika bei der Holzbaufirma Frank Forman aus Marktoberdorf hat er bewiesen, dass es ihm mit der Arbeit in Deutschland ernst ist. Emal Safai ist aus Afghanistan geflohen, seit 2014 wohnt er in Marktoberdorf, wo er die Staatliche Berufsschule Ostallgäu im zweiten Berufsintegrationsjahr besucht. 

Sein Chef und Lehrmeister Frank Forman hält viel von Emal. „Er hat eine schnelle Auffassungsgabe, denkt und arbeitet gut mit“, sagt der Zimmerermeister. Deshalb möchte er den 22-Jährigen gern als Lehrling anstellen. „Emal soll bei uns seine Ausbildung als Zimmermann machen können, auf die gleiche Weise wie ein deutscher Lehrling auch“, ist Formans Wunsch. 

Einen Vorvertrag hat Emal Safai daher bereits in der Tasche. Er wird im September das einjährige vollschulische Berufsgrundschuljahr (BGJ) beginnen, das für alle angehenden Zimmerleute Pflicht ist. Daran schließt sich eine zweijährige duale Ausbildung an – wenn alles gut geht bei Emal Safai. Denn noch ist sein Aufenthaltsstatus ungeklärt, sein Asylverfahren läuft. Außerdem fehlt es Emal an schulischer Vorbildung. Er erzählt, dass er in Afghanistan nur rund vier Jahre zur Schule gegangen ist. Er weiß, dass er jetzt auch in Mathe, Geometrie und bautechnischem Grundlagenwissen mithalten muss. Eine große Herausforderung. 

Tanja Hiemer, Sozialwirtin und Teil des sozialpädagogischen Betreuungsteams der Kolping-Akademie in Kaufbeuren nennt die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt eine „Herausforderung für alle Beteiligten“. Sie versucht, die jeweiligen Schüler in geeignete Berufe oder in eine solide Ausbildung zu vermitteln. 

Für die Unterrichtsarbeit an der Berufsschule ist Selah Okul, nebenbei Integrationsbeauftragter der Stadt Markt­oberdorf, als Fachbereichsleiter mit seinem Lehrerteam verantwortlich. Die Klasse schließt Ende Juli 2016 nach zwei Jahren mit einem vergleichbaren Mittelschulzeugnis ab. Von den 18 Schüler haben sechs ihren Ausbildungsvertrag bereits sicher, weitere sechs, darunter auch Emal, haben gute Perspektiven auf einen Ausbildungsplatz. Ein Schüler wird eine Helfertätigkeit aufnehmen, ein weiterer besucht voraussichtlich eine weiterführende Schule. 

Für vier junge Flüchtlinge bleibt die Zukunft jedoch ungewiss. „Manchen fehlt es an der realistischen Einschätzung ihres Könnens gegenüber den Anforderungen, die hierzulande an einen Beruf gestellt werden. Ein KFZ-Mechatroniker in Deutschland ist etwas anderes als ein Automechaniker in Afghanistan“, führt Hiemer als Beispiel an. Vor den jungen Flüchtlingen, die jetzt bald in Ausbildung starten, zieht sie den Hut. „Es ist schon eine enorme Leistung, in nur knapp zwei Jahren eine fremde Sprache so weit zu beherrschen, um in einer fremden Arbeitswelt zurechtzukommen. Respekt.“ 

Dieser Meinung ist auch Frank Forman, der Emal Safai die Chance einer soliden Ausbildung geben will. Er hofft, dass jetzt auch die Politik mitzieht. Denn Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe benötigen sichere Perspektiven, um mit einem Flüchtling eine Lehre zu beginnen. Von mindestens fünf Jahren Aufenthaltsrecht sprechen die Verbände (also drei Jahre Lehre plus zwei weitere Jahre im Betrieb). Das scheint auch Frank Forman sinnvoll.

 Für Emal heißt es in den nächsten Monaten zunächst sehr fleißig zu sein, Mathe und Deutsch-Vokabeln zu pauken. Er nickt und lächelt zaghaft. Dass die Paukerei nicht seine Stärke ist, möchte er vielleicht sagen. Dass er lieber gleich mit dem Arbeiten loslegen würde. Darin unterscheidet sich Emal also überhaupt nicht von vielen Schülern auf der ganzen Welt.

von Angelika Hirschberg

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