Persönliche Anekdoten

Zwei Ausreißer auf Tour

+
Da waren sie schon ein bisschen älter und konnten an ihren „Ausflug“ in den Jordanpark mit einem Lächeln zurückdenken: Karl-Heinz Essenwanger (li.) und sein Bruder (Mitte).

Kaufbeuren – Wenn der Jordanpark sprechen könnte, was würde er dann erzählen aus den 125 Jahren seines Bestehens? Diese Frage haben wir uns und unseren Lesern anlässlich der nahenden Jubiläumsfeierlichkeiten gestellt. Damit der Park auch in Zukunft ein beliebter Mittelpunkt und grüne Oase der Stadt bleibt, sind umfassende Sanierungsarbeiten und Neugestaltungen geplant (wir berichteten).

Umso mehr ein Grund, ein wenig sentimental zu werden und in den kommenden Ausgaben des Kreisbote in die Vergangenheit des Jordanparks zu blicken. Wir freuen uns auf Ihre ganz persönliche Jordanpark-Geschichte. Heute erzählt an dieser Stelle der Kaufbeurer Karl-Heinz Essenwanger, wie 1973 der Park zur Zwischenstation für zwei Ausreißer wurde. 

„Es war der 12. September 1973, der letzte Ferientag vor meinem ersten Schultag, ein warmer Spätsommertag in Irsee. Ich war zarte fünf Jahre alt, mein großer Bruder neun“, erinnert sich Essenwanger. Eigentlich habe der Tag ganz harmlos begonnen – bis sein großer Bruder auf die Idee gekommen sei, heimlich sein Messer zu holen, das im Schreibtisch des Vaters eingeschlossen war. 

„Er wollte damit Kastanien vom Baum werfen. Nach zwei Würfen war das Messer kaputt”, so Essenwanger. Die drängenden Fragen der Mutter nach dem Verbleib des Messers ließen den Buben nach Ansicht des Bruders schließlich nur einen Ausweg: „Abhauen“. „Wieso abhauen? Was ist das und warum überhaupt? Ich vertraute einfach mal der Altersweisheit meines Bruders“, lacht Essenwanger. 

Der Weg führte die Kinder nach Kaufbeuren, wo sie prompt im Jordanpark landeten. „Da wir schon eine ganze Weile unterwegs waren, hatten wir natürlich Hunger, aber keinen Proviant und auch keinen Pfennig. So mussten wir uns etwas einfallen lassen. Wir gingen durch den Park, der mir damals unfassbar riesig vorkam und trafen eine Frau, die gerade Enten mit Brot fütterte“. Mit dem Argument, ebenfalls die Enten füttern zu wollen, ließen sich die Kinder etwas davon abgeben. „Wir haben das dann selbst gegessen. Das Brot war so trocken, dass wir es im Bach aufweichen mussten, trotzdem haben die Enten nix abgekriegt“, so Essenwanger. 

Als Bleibe sollte daraufhin eine Parkbank direkt vor dem Fontänenbrunnen dienen – „sehr idyl- lisch“. Weil bis zur Nacht noch eine ganze Weile Zeit war, galten die nächsten Gedanken dem Abendessen. „Also legte sich mein Bruder auf den Boden, die Arme im Wasser und versuchte Forellen mit den Händen zu fangen. Aber zum Glück hat er keine einzige Forelle gefangen. Wie sollten wir die auch essen? Nachdem der Plan ziemlich in die Binsen ging, wurde weiter gedacht.“ 

Gut, dass gerade eine Nonne vorbeikam. „Diese steuerten wir schnurstracks an und bettelten – wir seien Wanderer und hätten schon lange nichts mehr gegessen“, schmunzelt Essenwanger. Der Hintergedanke war klar: Nonnen haben ein gutes Herz. Sie gab tatsächlich etwas – „für jeden genau 10 Pfennige. Na toll“. 

Die Folge war ein Abstecher zum Bahnhof. „Ich kaufte mir sinnvollerweise ein Kaubonbon, mein Bruder war so doof und hat sich an der Prägemaschine, die damals am Bahnhof stand, seinen Namen ausgedruckt. Danach zogen wir wieder in den Park um. Es wurde langsam dämmerig, und der Park sah allmählich gar nicht mehr so vertraut aus. Es war mittlerweile auch deutlich kühler geworden. Ich zog mir meine Socken aus und stülpte sie mir über die Hände, das war gleich viel besser“. 

Der weitere Plan: zu den Großeltern nach Ebenhofen. Mit dem Auto nicht weit, aber für einen Fünf- und einen Neunjährigen zu Fuß eine kleine Weltreise. Aber was muss, das muss. „Wir verließen den Park und wanderten die B16 entlang.“ 

Nach gar nicht so langer Strecke erblickten die beiden Ausreißer die Esso-Tankstelle. „Wir gingen in die Tankstelle hinein, wo drei Männer bei Zigaretten sich gerade unterhielten. Wir wurden recht erstaunt angeschaut. Mein Bruder sagte seinen Spruch auf, dass wir Wanderer wären und ziemlich Hunger hätten – ob sie uns da nicht helfen könnten“. Der Tankstellenmitarbeiter sagte: „Klar, ich mach euch hinten in der Küche eine Suppe”. 

Ob es schlechtes Gewissen oder Bauchgefühl war? „Irgendwie war mein Bruder ziemlich unruhig und meinte leise zu mir: ,Los, wir gehen wieder’. Ich hab das überhaupt nicht eingesehen und sagte ebenso leise: ,Aber die Suppe....’ Mein Bruder unbeirrt: ,Wir gehen, jetzt, komm’”, sprang auf, riss die Tür auf und rannte davon“, macht es der Erzähler zum Schluss noch einmal spannend. 

Er sei „in Solidarität noch halbherzig hinterher gelaufen“, aber von einem der Männer gleich eingefangen worden. „Ich rief aus Leibeskräften ,Pauliiii’” – aber der Bruder rannte und rannte, der zweite Mann ihm hinterher. Karl-Heinz saß wieder in der Tankstelle und wartete was da nun kommen solle – vor allem auf die Suppe. Nach ein paar Minuten war auch der wild strampelnde und schreiende Bruder wieder zurückgebracht worden. 

Dann plötzlich stand ein grüner VW Kombi mit blauen Lampen auf dem Dach vor der Tankstelle – die Polizei! Die ließ sich von der Wanderer-Geschichte natürlich nicht überzeugen – schon gar nicht, als Italien als „Endziel“ angegeben wurde. Mit dem Argument, doch „erstmal“ mitzukommen, schafften es die Beamten, die Jungs mitzunehmen. „Suppe gabs immer noch keine, was mich sehr enttäuschte“, so Essenwanger. 

Beim Polizeigebäude angekommen, staunte er nicht schlecht – da stand doch tatsächlich sein Vater. „Was hat Papa denn ausgefressen, weil er zur Polizei musste?“ 

Schön war aber die Umarmung, und dann ging es gleich nach Hause ins Dorf Irsee, wo die Mutter und weitere Verwandte warteten. „Wir wurden dann aufgeklärt, dass wir in der ganzen Zeit unseres Abenteuers mit Polizei, mit Lautsprecherdurchsagen und Vermisstenmeldung im Halbstundentakt auf Bayern 3 gesucht worden waren. Am nächsten Tag war mein allererster Schultag und schon war ich berühmt. Wow, war das ein Abenteuer.”

Meistgelesene Artikel

Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Buchloe – Die Stadt lässt sich ihre Kindergärten etwas kosten. Das bedeutet aber auch, dass Gebührenerhöhungen unumgänglich sind. Der Hauptausschuss …
Höhere Elternbeiträge für die Kitas

Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Kaufbeuren – Der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler und Kaufbeurer Stadtrat Bernhard Pohl hat sich für 2017 viel vorgenommen. Diesen Eindruck …
Pohl setzt auf Zusammenarbeit

Nach dem Rechten sehen

Marktoberdorf – Eine ehrenamtliche Sicherheitswacht soll künftig in Marktoberdorf Polizei und Bürger unterstützen. Seit vergangener Woche liegt die …
Nach dem Rechten sehen

Kommentare