Von vielen Mitwanderern begleitet

Bundespräsident geht durch die Hölle

+
Marschfreundevorsitzender Gerhard Bromberger (Mitte) begrüßt den Bundespräsidenten Karl Carstens im Kreise zahlreicher Wanderer und überreicht ihm den Vereinswimpel.

Kaufbeuren – Man nannte ihn „Wanderpräsident“. Karl Carstens liebte das Wandern. Durch die Lüneburger Heide, den Harz oder den Teutoburger Wald. Von der Küste zu den Alpen. Von der Eifel bis zur Rhön. Carstens erkundete Deutschland am liebsten zu Fuß.

Und so begann seine Amtszeit (1979 – 1984) bei norddeutscher Blasmusik an einem Wanderweg in Schleswig-Holstein. Tausende Bürger hörten zu, als Carstens sie einlud, ihn auf Schusters Rappen zu begleiten. „In der Tat wollen wir hier heute Morgen die Wanderung beginnen, die wir antreten, um die Bundesrepublik Deutschland (damals noch ohne Ostgebiete, Anm.d.Red.) zu durchwandern, von der Küste zu den Alpen. Allerdings in Etappen, immer nur drei Tage.“ An vielen Feiertagen, langen Wochenenden und im Urlaub war der Präsident in den Jahren seiner Amtszeit Richtung Süden unterwegs. Eine Etappe führte ihn vor ziemlich genau 35 Jahren auch nach Kaufbeuren.

Der Kaufbeurer Gerhard Bromberger, Gründer und 1. Vorstand der Marschfreunde Kaufbeuren e.V., war zu dieser Zeit auch Präsident des Internationalen Volkssportverbands IVV. Durch diese Tätigkeit erfuhr er schon recht früh, dass der Bundespräsident auf seinen Etappen in Norddeutschland auch von vielen IVV-Wandervereinen begleitet wurde und dass eine Etappe der Nord-Süd-Wanderstrecke auch über Kaufbeurer Gebiet führen sollte. Namens der Marschfreunde Kaufbeuren, auch IVV-Mitglied, beantragte er beim Bundespräsidialamt die Genehmigung, dass Vereinsmitglieder den Bundespräsidenten auf der Etappe im Kaufbeurer Raum begleiten dürfen. Die Genehmigung wurde erteilt und Bromberger informierte den Kaufbeurer Oberbürgermeister Rudolf Krause über das Vorhaben. Dieser stimmte ebenfalls zu und plante die Marschfreunde in seine offiziellen Vorbereitungen für den Tagesablauf mit ein. Die Marschfreunde animierten daraufhin Freunde und Bekannte außerhalb des Vereins zum Mitwandern und auch in einem Zeitungsaufruf wurde die Kaufbeurer Bevölkerung eingeladen, den Bundespräsidenten auf dem Kaufbeurer Teil seiner Etappe zu begleiten. Der 5. August 1981 konnte kommen.

Der 5. August wurde dann ein ereignisreicher Tag. In Irsee startete der Bundespräsident seine Etappe, nachdem er bereits sehr früh den Oggenrieder Weiher, die Klosterkirche und das Bildungszentrum besucht hatte. Die Marschfreunde Kaufbeuren erwarteten ihn mit rund 30 Mitgliedern in Vereinskluft kurz vor der Stadtgrenze bei Bickenried. Bromberger begrüßte Bundespräsident Carstens namens des Vereins und aller weiteren Mitwanderer, die sich hier eingefunden hatten und überreichte dem Staatsoberhaupt den Vereinswimpel, der das Stadtwappen mit dem Fünfknopfturm zum Motiv hat und eine Widmung zur Erinnerung an diesen Tag trug.

Mitten in der Hölle

Bei strahlendem Sonnenschein setzte sich anschließend der ganze Tross aus Marsch- und Wanderfreunden, Sicherheitspersonal, Bürgermeistern und anderen Kommunalpolitikern aus der Umgebung sowie Pressevertreten, Fotografen und sonstigen Schaulustigen wieder in Bewegung, begleitet von der Bergwachtbereitschaft Kaufbeuren, die an diesem Tag die Erste-Hilfe-Betreuung übernommen hatte. Nach wenigen Kilometern war bereits wieder Halt. Mitten in der Hölle, direkt an der Grenze zwischen Landkreis und Stadt Kaufbeuren, an einem neu errichteten kleinen Rastplatz, warteten zahlreiche Kaufbeurer Stadträte und Bürger mit Oberbürgermeister Rudolf Krause an der Spitze auf den prominenten Wanderer. Landrat Adolf Müller, der die Gruppe bereits von Irsee begleitete, übergab hier den Bundespräsidenten und sein Gefolge in die Obhut der Stadt und deren Oberbürgermeister.

Nach kurzer Rast ging es weiter auf dem Weg durch die Hölle. (Für Nicht-Kaufbeurer: Die Hölle ist ein landschaftlich besonders schönes, idyllisches Wald- und Wiesengebiet unterhalb des Kaufbeurer Stadtteils Kleinkemnat.) Über den hier vorhandenen, beliebten Wanderweg von Kaufbeuren nach Irsee verläuft seit einigen Jahren auch der „Crescentia Pilgerweg“. Bundespräsident Carstens war von der schönen Gegend sichtlich beeindruckt und erwähnte das auch mehrfach.

Nächstes Ziel der inzwischen rund 400 Wanderer war das Gelände der Stadtranderholung unterhalb des Römerturms in Großkemnat, nachdem man, direkt aus der Hölle kommend, zunächst die Fatima-Kapelle besucht hatte, die der Heiligen Crescentia geweiht ist. Während der etwas längeren Pause bei der Stadtranderholung erfolgte die offizielle Begrüßung des Bundespräsidenten durch OB Krause, musikalisch umrahmt von einer Bläsergruppe aus Kemnat. Diese trat hier, erst kurz vorher von Fritz Demmler gegründet, zum ersten Mal öffentlich auf. Bundespräsident Carstens und seine Frau trugen sich in das Goldene Buch der Stadt ein und stärkten sich anschließend mit frischen Brezen, kühler Buttermilch und Käsespezialitäten. Auch zahlreiche Autogrammwünsche wurden hier gerne erfüllt. Eine Besichtigung der Stadtranderholung mit allen Originalitäten, die Kinderhände gebastelt hatten, gehörten ebenfalls dazu. An der Töpferbude fragte der Bundespräsident in die Kinderrunde: „Seid ihr alle aus Kaufbeuren oder kommen auch welche von woanders her?“ – „Ja ich“, rief da ein kleiner Knirps. – „Und von wo bist du?“ – „Von Gablonz“, meinte der Kleine unter großem Gelächter der Umstehenden.

Danach machte sich der größte Teil bei steigenden Temperaturen auf den Weg hinauf zur Burg Kemnat. Die weitere Strecke verlief anschließend auf dem Schwäbisch-Allgäuer Wanderweg Augsburg – Oberstdorf durch das abwechslungsreiche Waldgebiet über Brandeln, den Sattlers Buckl zum Bergmanghof oberhalb von Hiemenhofen. Auf dieser langen Strecke ergab sich für den Bundespräsidenten viel Zeit für zwanglose Gespräche mit Kommunalpolitikern und anderen Mitwanderern. Auch Gerhard Bromberger hatte ausreichend Gelegenheit, Bundespräsident Carstens über Arbeit und Ziele des IVV und die Veranstaltungserfolge seines Vereins in Kaufbeuren zu unterrichten.

Verständigungsprobleme

Überhaupt war der Bundespräsident bei der Wanderung sehr locker, aufgeschlossen und gesprächsbereit. Wann immer am Wegrand Leute waren sprach er sie an und unterhielt sich kurz mit ihnen. So auch mit einer Bäuerin, die auf ihrem Traktor beim Heu wenden war. Sie hielt am Wegrand an als der Präsident kam und der fragte sie „Ist das Heu dieses Jahr gut?“ Die Antwort „no it“ (noch nicht) irritierte den Präsidenten. Der Allgäuer Sprache unkundig fragte er in die Runde „spricht die Frau englisch?“ Nach Erklärung des Dialekts lachte er schallend, wie viele Umstehende auch.

Am Bergmanghof war bei herrlicher Aussicht auf das Alpenvorland die Mittagspause vorgesehen. Bei flotter Musik konnten sich die Wanderer mit großen Portionen aus der Gulaschkanone verpflegen. Der Reingewinn dieser Aktion war für die Multiple-Sklerose-Gesellschaft vorgesehen, für die sich Dr. Veronika Carstens besonders engagierte.

Die Wanderstrecke des Bundespräsidenten führte dann weiter nach Marktoberdorf. Die meisten Kaufbeurer Mitwanderer einschließlich der Marschfreunde, von denen auch die Kinder bis hier her durchgehalten hatten, beendeten am Bergmanghof ihre Wanderung. Die Begleitung des deutschen Bundespräsidenten auf seiner Etappe durch das sonnige Allgäuer Land in und bei Kaufbeuren war für viele Mitwanderer ein besonderes Erlebnis und für die Marschfreunde Kaufbeuren ein einmaliger Höhepunkt in ihrem Vereinsleben.

Meistgelesene Artikel

"Wir sind die Coolsten"

Stefanie Kloß (*1984) gründete 1998 ihre erste Band, aus der einige Jahre später SILBERMOND hervorging. Seit mehr als 12 Jahren rockt sie gemeinsam …
"Wir sind die Coolsten"

Sauerei am Fieselstadion

Kaufbeuren – Der Fieselplatz in Neugablonz, Austragungsstätte unzähliger und hitziger Partien, rückt Jahr für Jahr nach Beendigung des offiziellen …
Sauerei am Fieselstadion

Dose für den Notfall

Marktoberdorf – Im Cafe „Greinwald“ stellte der Sozialverband VdK Kreisverband Kaufbeuren-Ostallgäu mit der sogenannten „SOS-Rettungsdose“ kürzlich …
Dose für den Notfall

Kommentare