Oberbürgermeister reagiert auf Zukunftsprognose der Freien Wähler für Kaufbeuren

Zuzug aus München in der Diskussion

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Durchschnittlich zweimal in der Stunde gibt es eine Zugverbindung von Kaufbeuren zum Münchner Hauptbahnhof, die Fahrt dauert rund 60 Minuten. „Ein Arbeitsweg, den viele Pendler durchaus bereit sind, in Kauf zu nehmen“, so Bernhard Pohl (FW).

Kaufbeuren – Der Kaufbeurer Oberbürgermeister und die Freien Wähler sind sich einig: Um die Potenziale Kaufbeurens auch zukünftig nutzen zu können und die Bevölkerungszahlen stabil zu halten, braucht es unter anderem Zuzug. Erwartet wird dieser zu einem großen Teil aus der Region München.

Allerdings setzt OB Stefan Bosse vor allem auf die Ansiedlung von Unternehmen, um neben Wohnraum auch Arbeitsplätze zu bieten, während die Freien Wähler derzeit die Gruppe der Pendler im Fokus sehen. FW-Fraktionsvorsitzender Bernhard Pohl findet es wichtig, dass die Thematik „nun auch durch die Stadtspitze in den Mittelpunkt gerückt wird“. 

Bereits im Sommer vergangenen Jahres, als die Kaufbeurer sich im Rahmen eines Bürgerentscheids für ein Einkaufszentrum oder ein neues Wohnviertel auf dem Gelände Forettle aussprechen konnten, brandete die Diskussion auf. Ist Kaufbeuren für Menschen attraktiv, die zwar in München arbeiten, aber dort nicht wohnen möchten? 

Vor allem die Freien Wähler plädierten damals dafür, aktiv um die Gruppe der sogenannten „Pendler“ zu werben. Diese Sichtweise vertrat Susen Knabner, FW-Vorstandsmitglied, Rechtsanwältin und Mitglied der Wirtschaftsjunioren Kaufbeuren, auch auf der jüngsten FW-Mitgliederversammlung (wir berichteten), und rückte das Thema damit erneut in den Fokus. 

"Zuzug nicht einfach passieren lassen" 

Auf der Grundlage eines noch nicht veröffentlichten IHK-Gutachtens sprach Knabner aus ihrer Sicht über die Notwendigkeit, den Zuzug nach Kaufbeuren für Pendler aus dem Großraum München attraktiv zu machen und gezielt zu fördern (wir berichteten). 

Sie skizzierte für Kaufbeuren bis 2030 dramatisch sinkende Bevölkerungszahlen bei gleichzeitiger Überalterung sowie dadurch abnehmender Kaufkraft. Nur der Sozial- und Gesundheitsbereich werde anwachsen. Um diesem deprimierenden Szenario zu entkommen, müsse die Stadt verstärkt daran arbeiten, den Zuzug aus der Region München zu fördern und zu „organisieren“. 450 Personen aus dem Großraum der Landeshauptstadt seien im vergangenen Jahr nach Kaufbeuren gezogen. 

Zwar werde diese Entwicklung auch in den nächsten Jahren anhalten, so Knabner – dies sei erfreulich, aber nicht genug: Im Gespräch mit dem Kreisboten erklärte die Wirtschaftsjuniorin, sie sehe noch einigen Nachholbedarf bei der Positionierung Kaufbeurens als attraktive Zuzugsstadt: Man müsse zeigen, dass „wir mehr haben als eine schöne Altstadt und die Zugverbindung nach München“. 

Kaufbeuren dürfe bei der Hoffnung auf Zuzugswillige nicht nur auf die Preisverdrängung aus dem teuren München setzen. Oder anders: „Wir dürfen nicht nur Leute hierher holen, die die teuren Münchner Mietpreise scheuen, sondern uns unabhängig davon aktiv als beliebten Wohnort vermarkten. Die Münchner haben uns da noch nicht auf dem Schirm“, so Knabner gegenüber demKreisbote. „Wir dürfen den Zuzug nicht einfach passieren lassen, sondern müssen ihn auf bestimmte Zielgruppen ausrichten“. 

In den Fokus stellt Knabner hier vor allem junge Menschen mit Jobs in München, die als Pendler hierherziehen und im Idealfall dann hier vor Ort eine Familie gründen. Die Notwendigkeit einer „neuen Kommunikationslinie in der Außenwerbung“ für Kaufbeuren betonte auch der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Bernhard Pohl. 

"Szenario der Freien Wähler zu düster" 

OB Bosse findet das Bild, das die FW „von der Zukunft Kaufbeurens zeichnen, zu düster“. Dass im Zuzug aus der Münchener Region große Chancen für die Wertachstadt lägen, sei unbestritten. Aber, so Bosse: „Die Bevölkerungsentwicklung von Kaufbeuren wird in den kommenden Jahren schon auf Basis der aktuellen Entwicklung voraussichtlich sehr konstant verlaufen“, sagt er. 

Auf Grundlage der Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung werde demnach die Bevölkerung Kaufbeurens „bis 2030 im Vergleich zum Basisjahr 2010 prognostisch um nur etwa 0,5 Prozent abnehmen“, so der OB in einer Pressemitteilung. Dies entspreche „mit geringer Abweichung dem landesweiten Trend“ und verspreche sogar eine positivere Entwicklung als für den Landkreis Ostallgäu und den Bezirk Schwaben. 

Mit inbegriffen ist in der Berechnung bereits eine gewisse Zuzugsrate. „Diese basiert auf dem bisherigen Zuzug“ erklärte Peter Igel von der Wirtschaftsförderung dem Kreisbote.

Kaufbeuren habe das Thema Neubürger schon lange „auf der Liste“. Natürlich sei es auch für die Wertachstadt entscheidend, aktiv dem demografischen Wandel zu begegnen. OB Bosse sieht die Stadt hier aber bereits jetzt auf einem guten Weg.

 Viel wichtiger als das bloße Bereitstellen von Wohnraum sei für die Attraktivität Kaufbeurens aber langfristig der Fokus auf Unternehmensansiedlungen wie von HAWE-Hydraulik, denn „wir möchten vorzugsweise Menschen hierher ziehen, die hier arbeiten, wohnen und ihren gesamten Lebensmittelpunkt hier haben“, so die städtische Pressesprecherin Andrea Hiemer und verweist dabei auch auf die Förderkonzepte des „Familienziels“. 

Er wolle, so Oberbürgermeister Bosse, dass Kaufbeuren attraktiv für Menschen aus dem Großraum München wird – ohne, so Bosse, „den Charakter einer reinen Pendler- oder gar Schlafstadt zu bekommen.“ 

Weitere Erkenntnisse darüber, was Kaufbeuren für Neubürger interessant macht, erhofft sich die Stadtspitze aus den Ergebnissen einer aktuellen Studie der TU München (wir berichteten). Befragt wurden hier Menschen, die in den vergangenen drei Jahren nach Kaufbeuren gezogen sind, warum sie sich für ihren neuen Wohnort entschieden haben. Erste Resultate werden laut Hiemer im Sommer erwartet. 

Weiter Aufmerksamkeit für dieses Thema

Auf mehr Arbeitsplätze und eine bessere Infrastruktur wollen die Freien Wähler indes beim Thema Zuzug nicht warten: Unternehmensansiedlungen seien „zwar toll, aber nicht zwingend nötig, um jetzt schon Neubürger in die Stadt zu holen“. Argumenten wie hinsichtlich der Fahrtzeit von Kaufbeuren nach München, die mögliche Pendler abschrecken könnte, widerspricht er. 

„Münchner sind nicht nur Menschen, die in der Kernstadt arbeiten, sondern auch diejenigen im direkten Einzugsgebiet wie Germering oder Fürstenfeldbruck. Und auch innerhalb Münchens ist man mit Auto, U- oder S-Bahn „schnell mal eine Stunde zum Arbeitsplatz unterwegs“, so Pohl. Er wünscht sich weiter Aufmerksamkeit für dieses Thema.

von Michaela Frisch

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