Einstimmiger Stadtratsbeschluss

Bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus

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Durch die intensive Auswertung der in den „Deutschen Gauen“ enthaltenen Texte, bietet sich Stadtarchivar Dr. Stefan Fischer mit Blick auf Kurat Frank das Bild eines „sehr weit rechts stehenden, sehr deutsch-nationalistisch denkenden Mannes“.

Kaufbeuren – „Ein Weiterbestehen des Straßennamens ,Kurat-Frank-Straße’ ist nicht mehr vertretbar.“ Dieses Fazit zog Stadtarchivar Dr. Stefan Fischer am Dienstag vor dem Kaufbeurer Stadtrat. Grundlage für seine Äußerung waren weiterführende Untersuchungen basierend auf dem Vortrag der Historikerin Dr. Martina Steber mit dem Titel „Gustav von Kahr, Christian Frank und die Abgründe des Heimatschutzes“.

In ihm legte Dr. Steber, wie berichtet, die neuesten Forschungen über die geistige Haltung von Kurat Christian Frank gegenüber dem Nationalsozialismus dar. Dabei hatte sie den Wandel Franks vom „konservativen Heimatschützer zum völkischen Ideologen“ skizziert. Letztlich sprach sich das Gremium auf Empfehlung des Stadtarchivars einstimmig dafür aus, die Kurat-Frank-Straße umbenennen zu lassen. 

Die Historikerin machte damals in ihrem Vortrag deutlich, dass der zu seinen Lebzeiten als Heimatforscher anerkannte Frank in seinen Publikationen in der Zeitschrift „Deutsche Gaue“ ein Gedankengut vertrat, das besonders seit der Zeit des 1. Weltkrieges eine immer größere und bedenklichere Nähe zur Ideologie des Nationalsozialismus aufwies. Auf Grundlage dieser neuen Erkenntnisse hatte der Stadtrat Ende März entschieden, dass Stadtarchivar Dr. Fischer die neuen Fakten zusammentragen und prüfen solle, auf deren Basis dann eine Entscheidung getroffen werden solle. 

Wie Dr. Fischer in seinen einführenden Worten erklärte, seien die Belege Stebers „sehr eindeutig“. Ihren Vortrag habe sie auf ihre umfangreiche und quellensichere Arbeit „Ethnische Gewissheit“ aufgebaut, er stelle sozusagen die Quintessenz ihrer Forschungen dar. 

Durch die intensive Auswertung der in den ,Deutschen Gauen’ enthaltenden Texte, die entweder von Christian Frank selbst stammen, oder denen er in seiner Zeitschrift eine Publikationsmöglichkeit eingeräumt hatte, „bietet sich das Bild eines sehr weit rechts stehenden, sehr deutsch-nationalistisch denkenden Mannes, der die demokratische Staatsform der Weimarer Republik ablehnte und im Nationalsozialismus das Heil für das deutsche Volk sah“, so der Stadtarchivar. Dieses Gedankengut sei laut Fischer zu Franks Lebzeiten jedoch „weder verpönt, noch geächtet, noch verboten“ gewesen, betonte Fischer. 

Es sei jedoch zwischenzeitlich durch zahlreiche Forschungen bekannt, wie sehr Verbreitung und Vertretung solcher politischer Ansichten den Nationalsozialismus befördert und zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen hätten. „Vor diesem Hintergrund erscheint ein Weiterbestehen des Straßennamens ,Kurat-Frank-Straße’ nicht mehr vertretbar”, zog Fischer sein Fazit. 

In der anschließenden Diskussion wollte Richard Drexl (FW) von Fischer wissen, ob es möglich sei, dass Frank eine ähnliche Wandlung in seiner Anschauung durchgemacht haben könnte, wie etwa Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der erst Anhänger Hitlers gewesen sei, und sich dann später gegen ihn gestellt habe, was dann im Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 gegipfelt sei. Für den Stadtarchivar sei dies für Frank aber nicht „nachweisbar“. „Eine Wandlung vom Saulus zum Paulus“ könne er nicht sehen. 

SPD-Stadträtin Helga Ilgenfritz wollte wissen, ob noch weitere Straßennamen in Kaufbeuren „problematisch“ seien. Im Fokus hatte sie Peter Dörfler, der Mitglied der nationalsozialistischen Preußischen Akademie der Künste war und im Oktober 1933 zu den 88 deutschen Schriftstellern gehörte, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben. 

Darüber hinaus sei Dörfler nicht nur Namensgeber für eine Straße, sondern auch einer Kategorie des städtischen Kulturpreises. Der Stadtarchivar wollte sich diesbezüglich nicht festlegen und bat, die nächste Schriftenreihe Ende des Jahres abzuwarten, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus in Kaufbeuren beschäftigt. Dann habe man eine „gesicherte Grundlage für Diskussionen“. „Es sind wohl aber drei, vier Namen, die eventuell in den Blickpunkt rücken könnten“, so Fischer abschließend. 

Letztlich entschied sich der Stadtrat einstimmig, die Verwaltung zu beauftragen, die Straßenumbenennung unverzüglich vorzubereiten. Dieses „Umbenennungsverfahren“ werde laut OB Stefan Bosse circa zwei Monate dauern, dann müsse die Geschichte noch einmal in den Stadtrat, auch um über den neuen Namen abzustimmen. Der neue Straßenname soll aber noch vor der Sommerpause feststehen. 

Auch die Anwohner sollen hierbei mit ins Boot genommen werden. Immerhin müssten diese dann den damit notwendigen Adressenwechsel vornehmen sowie diverse Dokumente neu anfertigen lassen. Zwar bleibt ihnen der Gang zur Behörde nicht erspart, jedoch seien alle behördlichen Vorgänge, wie etwa die Ausstellung eines neuen Personalausweises, Reisepasses oder Führerscheins, für die Anwohner der Straße kostenfrei, wie der städtische Rechtsjustiziar Thomas Zeh erklärte.

von Kai Lorenz

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